In seiner so genannten Erntedankrede sprach Hermann Göring am 4. Oktober 1942 "zum Herzen und zum Magen" vor allem seiner Zuhörerinnen. Er kündigte größere Essensrationen an. Am Vortag hatte er soziale Wohltaten für Kriegsversehrte und Kriegerwitwen veröffentlichen lassen; den Bergarbeitern versprach er eine wesentlich bessere Altersversorgung. Doch am Ende seiner auf allen Kanälen des Großdeutschen Rundfunks live übertragenen Rede kam er kurz und knapp auf "den Juden" zu sprechen.In einer Zeit, als Deutsche im besetzten Polen und in den besetzten Teilen der Sowjetunion täglich Tausende Juden ermordeten, hob Göring vor allem eines hervor: Die "Rachsucht" der Juden, die alles "vernichten" würden, "was deutsch ist": "Deutsches Volk, Du musst wissen", malte er bedrohlich aus, "wird der Krieg verloren, bist du vernichtet. Der Jude steht mit seinem unendlichen Hass hinter diesem Vernichtungsgedanken. Und da kann der eine erklären, er wäre Demokrat oder Plutokrat oder Sozialdemokrat oder Kommunist oder Nazi, das ist ganz Wurst. Der Jude sieht nur den Deutschen. Und darüber macht euch nur keine falsche Vorstellung: Dieser Krieg wird gewonnen werden, weil er gewonnen werden muss."Die Alternative, die Göring hier eröffnete, lautete Sieg oder Untergang. Im engen Zirkel der NS-Führung galt dieser Wahlspruch schon lange. Wenige Tage vor Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion hatte Goebbels notiert: "Wir haben sowieso so viel auf dem Kerbholz, dass wir siegen müssen, weil sonst unser Volk, wir an der Spitze mit allem, was uns lieb ist, ausradiert würde. Also ans Werk!" Bis dahin waren einige Zehntausend Geisteskranke, Polen, Juden und Staatsfeinde ermordet worden - insgesamt etwa 200 000 Menschen. Ein gutes Jahr später hatte NS-Deutschland zwei Millionen ermordete sowjetische Kriegsgefangene und zwei Millionen ermordete Juden "auf dem Kerbholz". Darauf spielte Göring an. Unverhüllt drohte er seinem Millionenpublikum mit den möglichen Folgen der Massenverbrechen, von denen die meisten Deutschen etwas ahnten, aber lieber nichts wissen wollten. Indem Göring die eigene Vernichtungspraxis auf die Opfer projizierte, nahm er das Volk der kleinen Profiteure, Mitläufer und Schweiger insgesamt in Haftung.Anders als später oft und mit überschäumendem Selbstmitleid behauptet, war die Kollektivschuldthese kein Produkt der alliierten Sieger. Erfunden wurde sie 1942 von den NS-Regenten zum Zweck der innenpolitischen Disziplinierung. Nach dem Prinzip "mit gegangen, mit gefangen, mit gehangen" begründete die NS-Führung ihre Vernichtungspolitik seit 1942 eben auch aus dem offensiv popularisierten Motiv, man müsse sich möglicher Rächer erwehren. So rechtfertigte die seit dem Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion exponentiell ansteigende Politik des Verbrechens die Unmöglichkeit zur Umkehr. Dafür bedurfte es aber keiner besonderen deutschen Form des Antisemitismus.Die Folgen dieser Propaganda fanden wenig später in den Verhören gefangener deutscher Soldaten ihren Niederschlag. So notierten britische Vernehmungsoffiziere im Frühjahr 1943 an der Afrikafront: Drei Gefangene seien "ehrlich schockiert über das großangelegte, kaltblütige Morden" an den Juden. Allerdings bestünde ihre "Hauptsorge" in der "Angst davor, dass Deutschland den Krieg verlieren könne und die Juden dann Deutschland für diese Massaker zahlen lassen würde". In einer anderen Vernehmung heißt es: "Viele Kriegsgefangene äußern Angst vor extrem harten Konditionen eines Friedensschlusses und auch vor der Rache der Juden und der Einwohner der besetzten Gebiete."Selbst der erklärte Nichtnazi Heinrich Böll schrieb zu Weihnachten 1943 aus dem Lazarett an seine Eltern und Geschwister: "Jedenfalls gewinnen wir den Krieg ." Noch im Sommer 1944 notierte er: "Unsere Lage ist wirklich finster; aber ich hoffe immer noch, dass wir den Krieg gewinnen." Böll sprach in seinen Feldpostbriefen zwar von den Opfern der Euthanasie-Verbrechen, aber niemals von den ermordeten und deportierten Juden.Die angebliche Rachsucht der Gegner und Opfer, mit der die NS-Propaganda seit 1942 offensiv arbeitete, förderte den Willen zum selbstbestimmten, aktiv kämpfenden Untergang bis in die ersten Monate des Jahres 1945, und das eröffnete der politischen Führung den Spielraum, den Mord an den Juden ohne nennenswerten inneren Widerstand fortzuführen.Peter Longerich hat über diesen und andere Schwerpunkte der antijüdischen Propaganda des NS-Staates ein bedeutendes, stark differenzierendes Buch vorgelegt. Er widerlegt die pauschalen Behauptungen von einem angeblich besonderen, im Nationalcharakter begründeten deutschen Antisemitismus. Vielmehr kommt er zu dem Schluss: "Der Unwille der Bevölkerung, ihr Verhalten zur 'Judenfrage' entsprechend den vom Regime verordneten Normen auszurichten, wuchs. je radikaler die Verfolgung wurde." Deshalb ging die Führung in der zweiten Jahreshälfte 1942 dazu über, "die deutsche Bevölkerung zu Zeugen und Mitwissern des Massenmords zu machen". Die Deutschen reagierten darauf mit "der Flucht in die Unwissenheit".Longerich leuchtet die Grauzone zwischen Wissen und Unwissen aus. In aller Ruhe beantwortet er lange umstrittene Fragen. Warum wollten so viele Deutsche von den Massenverbrechen ihres Staates nicht wissen? Warum schenkten sie bestimmten Nachrichten keinen Glauben? Warum verdrängten sie das, was sie über das Morden erfuhren, so rasch wie möglich? Peter Longerich begründet seine Thesen empirisch gut und verwechselt Historiographie nicht mit moralisierender Schuldzuschreibung. Er hat ein gutes, bedenkenswertes, auch gut lesbares Buch vorgelegt.------------------------------Foto: Peter Longerich: "Davon haben wir nichts gewusst!" Die Deutschen und die Judenverfolgung 1933-1945. Siedler, München 2006. 400 S., 24,95 Euro.------------------------------Foto: Hermann Göring spricht im Berliner Sportpalast zur Erntedankfeier, 4. Oktober 1942.

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