Wie Zuneigung auf den Organismus wirkt, interessiert die Forschung immer mehr: Freundschaft beruhigt

Von Aggressionen waren Psychologen und Verhaltensforscher lange Zeit stärker fasziniert als von friedfertigem Verhalten. Erst seit einigen Jahren ändert sich das: Zunehmend untersuchen Wissenschaftler bei Mensch und Tier auch freundschaftliche Beziehungen. Wie knüpfen zwei Individuen enge Kontakte, die von Gefühlen der Zuneigung, Fürsorge oder gar Liebe geprägt sind? Und welche Auswirkungen haben die Beziehungen auf das Wohlbefinden der Beteiligten?Um diese Fragen zu diskutieren, trafen sich kürzlich Forscher aus aller Welt in Berlin zur 92. Dahlem-Konferenz "Attachment and Bonding - a New Synthesis". Die englischen Begriffe Bonding und Attachment stehen für Bindung, Zugehörigkeit und auch Zuneigung. Ein Paradebeispiel für eine enge Bindung ist die Mutter-Kind-Beziehung.Am Rande der Tagung an der Freien Universität sprachen die Teilnehmer auch neue Forschungsergebnisse - zum Beispiel eine Untersuchung von Züricher Psychologen. Die Studie, die in Kürze im Fachjournal Biological Psychiatry erscheinen wird, belegt den stresslindernden Effekt guter Freundschaften. Zudem weist sie erstmals nach, dass diese Wirkung durch das "Bindungshormon" Oxytocin vermittelt wird.Auf dem Kongress debattierten in mehreren Arbeitsgruppen Psychologen und Zoologen, Psychiater und Anthropologen, Neurowissenschaftler und Soziologen miteinander. "Wir waren überrascht festzustellen, dass wir uns alle doch mit sehr ähnlichen Fragen beschäftigen", sagte der Biologe Dietrich von Holst am Ende der Tagung. Der Forscher hat an der Universität Bayreuth den Lehrstuhl für Tierphysiologie inne.Ein Beispiel für solche Fächer übergreifenden Übereinstimmungen ist die Erforschung der positiven Wirkung, die soziale Bindungen bei den Beteiligten entfalten. Zoologen untersuchen diesen Effekt schon seit längerem. Einer von ihnen ist Norbert Sachser von der Abteilung für Verhaltensbiologie an der Universität Münster. Sachser, der auch an der Konferenz teilnahm, hat Studien an einer Meerschweinchenart vorgenommen, bei der sowohl Männchen als auch Weibchen enge Bindungen zu Artgenossen knüpfen. In seinen Experimenten setzte der Biologe männliche Tiere in eine fremde Umgebung. Normalerweise geraten die Nager dadurch in großen Stress. "Doch als wir den Tieren jeweils ein vertrautes Weibchen an die Seite setzten, stieg die Menge des Stresshormons Cortisol im Blut bei den Männchen deutlich weniger an", sagte Sachser. Bei Weibchen hatte die Gesellschaft eines vertrauten Männchens einen ähnlich entspannenden Effekt. Anders als die Männchen, die sich nur durch Weibchen beruhigen ließen, spielte bei Weibchen das Geschlecht des vertrauten Tieres keine große Rolle. Ähnliches konnten Biologen bei etlichen anderen Tierarten beobachten. Auch was dabei im Gehirn der Tiere passiert, wissen Forscher bereits: Offenbar vermittelt der Botenstoff Oxytocin die stresslindernden Wirkungen. Er senkt den Cortisolspiegel im Blut ab und lässt die Tiere ruhiger werden.Stress beim VortragDiesen Effekt des Oxytocins haben Züricher Wissenschaftler jetzt erstmals auch beim Menschen überzeugend nachgewiesen. Die Forscher um Markus Heinrichs von der Abteilung für Klinische Psychologie der Universität Zürich setzten männliche Freiwillige einer psychischen Belastung nach dem Muster des "Trier Social Stress Test" aus. Dabei müssen die Teilnehmer vor Publikum eine Rede halten und anschließend verzwickte Kopfrechenaufgaben lösen. Ein Teil der Probanden durfte die Vorbereitungszeit unmittelbar vor dem Test mit dem besten Freund oder der besten Freundin verbringen. Eine zweite Gruppe bekam anstelle der sozialen Unterstützung Oxytocin per Nasenspray verabreicht. "Auf diesem Weg gelangt der Botenstoff sofort ins Gehirn", sagte Heinrichs auf dem Berliner Kongress. Eine dritte Gruppe erhielt sowohl das Oxytocin als auch die Unterstützung durch Freunde, eine vierte Gruppe schließlich musste sich dem Stresstest ohne jegliche Unterstützung unterziehen. Vor und nach dem Test maß der Psychologe mehrmals die Cortisolmengen im Speichel der Probanden und fragte sie nach ihrem Befinden."Bei allen Teilnehmern, die in irgendeiner Form "behandelt" worden waren, stiegen die Cortisolwerte während des Stresstests weniger an als bei den Mitgliedern der vierten Gruppe, die weder soziale Unterstützung noch Oxytocin erhalten hatten", sagte Heinrichs. Zudem gaben die behandelten Probanden an, sich ruhiger zu fühlen. Dabei wirkte sich bereits das Oxytocinspray allein positiv aus; die Unterstützung durch Freunde dämpfte den Stress noch stärker. "Den größten Effekt jedoch erzielte beides zusammen", berichtete Heinrichs und fügte hinzu: "Offenbar steigerte das eingenommene Oxytocin bei den Probanden den Beruhigungseffekt, den die Anwesenheit eines vertrauten Menschen vermittelt."In Nachfolgestudien wollen der Forscher und sein Team die Wirkung des Oxytocinsprays bei Angststörungen testen, etwa bei Menschen, die unter sozialen Hemmungen leiden. "Möglicherweise ist der Oxytocinhaushalt bei den Betroffenen gestört - mit der Folge, dass sie selbst die Anwesenheit von Freunden nicht als beruhigend empfinden", sagte der Psychologe. Doch nicht nur um die positiven Effekte von Freundschaften zwischen Erwachsenen ging es den Forschern auf der Tagung. "Noch wichtiger für einen Menschen sind die engen Bindungen, die er in frühester Kindheit zur Mutter, zum Vater oder zu einer anderen Betreuungsperson knüpft", sagte auf der Pressekonferenz Axel Schölmerich von der Fakultät für Psychologie an der Ruhr-Universität Bochum. "Wenn das Kind keine sichere Bindung einzugehen vermag - etwa weil es von den Eltern misshandelt wird -, kann das schwerwiegende Folgen haben." Internationalen Studien zufolge zeigten sich bei achtzig Prozent aller Kinder, die in Armut aufwachsen, vernachlässigt oder misshandelt werden, Verhaltensstörungen. Zum Beispiel verhalten sie sich aggressiv oder ziehen sich von anderen Menschen zurück. Hilfe von außenKünftig wollen sich die Bindungsforscher stärker mit der Frage befassen, ob sich die Folgen solcher familiären Missstände abfedern lassen - etwa durch eine individuelle und liebevolle Betreuung im Kindergarten. Doch die ist nur unter bestimmten Bedingungen möglich, wie Karin Grossmann vom Institut für Psychologie der Universität Regensburg herausgefunden hat. "Eine Erzieherin kann Kindern bis zum Alter von drei Jahren nur dann wirklich gerecht werden, wenn sie nicht mehr als drei Schützlinge zu betreuen hat", sagte Grossmann in Berlin. Sie bezweifelt aber, dass eine derart intensive Betreuung in Zeiten knapper Kassen bezahlbar ist.BERLINER ZEITUNG Liebevolle Zuwendung reduziert nachweislich die Produktion von Stresshormonen.