Wieder herrscht Streit in der deutschen Presselandschaft. Ein Autorenteam Ost und ein Autorenteam West wollen die "Weltbühne" wieder aufleben lassen. Jeder für sich. Von beiden Seiten hört man den Schwur, es handele sich um eine ohne Vorsatz herbeigeführte Konkurrenz um das berühmteste linksintellektuelle Nischenblatt der Weimarer Zeit.Die Sache hatte zunächst für beide einen Haken: der Titel war nicht zu haben. Das ziegelrote 32-Seiten-Blatt mit dem DIN-A-5-Format war 1946 im Osten Deutschlands mit einer Lizenz der Sowjetischen Militärverwaltung wieder herausgegeben worden. Unter Beteiligung von Maud von Ossietzky, aber ohne die für eine bürgerliche Gesellschaft selbstverständliche Klärung von Eigentums- und Rechtsfragen. Nach der Wende stritt der jetzt 84jährige Amerikaner Peter Jacobsohn, Sohn des 1926 gestorbenen einstigen Herausgebers der Weltbühne, Siegfried Jacobsohn, vor Gericht um die Titelrechte. Ohne Erfolg.Neuer Titel"Weltbühne"-Käufer Bernd Lunkewitz bot dem Anspruchsteller aus Massachusetts dennoch den Ehrenvorsitz im Herausgeberkollegium an, was dieser ablehnte. 1993 verzichtete Lunkewitz völlig überraschend auf Titel und Schriftzug. Weil, wie er sagte, er als Deutscher keinen Juden um seine Ansprüche bringen wolle. Die Redakteure setzten Lunkewitz, der versichert hatte, das Unternehmen auch defizitär weiterzuführen, auf die Straße, die Weltbühne selbst auf die Liste der ausgestorbenen Blätter.Zwei Ostberliner Publizisten ­ der Historiker Jörn Schütrumpf und der Journalist Ulrich Backmann ­ gelangten vier Jahre später zu der Ansicht, daß die noch immer weitgehend gespaltene deutsche Zeitungslandschaft ein solches Blatt wieder brauchen könnte. Und beschlossen, den Neustart mit neuem Titel zu wagen. Unter dem Kosenamen, den die Blattmacher von einst benutzten: "Das Blättchen". Zusatz: "Zweiwochenschrift für Kultur Politik Wirtschaft". Dafür meldeten sie im Juli diesen Jahres Titelschutz an.Die Idee der Revitalisierer: Eine "Stimme für die Ost-Intellektuellen", Plattform für deren Sicht auf die deutsche Problemlage am Ende dieses Jahrhunderts, für kritische Begleitung der Berliner Republik. "Kein Kampfblatt und kein Sprachrohr irgendeiner sozialen oder politischen Gruppe." Aber "Ostsicht auf diese bundesdeutsche Republik wie auch auf internationale Ereignisse".Im September wurden sie von einer Zeitungsmeldung überrascht, wonach in Hannover der ehemalige Niedersachsen-Korrespondent der Frankfurter Rundschau, Eckhardt Spoo, mit einer ähnlichen Idee schwanger ging. Er plane einen "Weltbühne"-Nachfolger mit dem Ausweichtitel "Ossietzky".Die Wiederbeleber West auch mit dem Zeitblick: Sie wollen dem Kultur- und Sozialabbau in Deutschland, den aufschäumenden Gewinnen bei Henkels unterm Konzernsofa, dem allgemeinen Werteverfall und der deutschen Reformunfähigkeit "einen argumentativen Trommelwirbel" entgegensetzen. Und "über den Standort Deutschland und europäische Festungsgrenzen hinauszublicken" und das "Denken in historischen Zusammenhängen" pflegen.Seitdem herrschte Alarmstimmung auf beiden Seiten. Spoo und sein Mitarbeiter Otto Köhler ließen sich vom "Neuen Deutschland" interviewen, um der erhofften Klientel im Osten zu signalisieren: "Es muß doch in dieser verdämmten Republik jemanden geben, für den Ossietzky noch eine Meßlatte ist."Schütrumpf reiste in diplomatischer Mission nach Hannover, um einem Konkurrenzkampf vorzubeugen: Man könne das Produkt ja wechselweise von zwei verschiedenen Redaktionen gestalten lassen und wöchentlich an einen gemeinsamen Leserstamm herantragen, um so deutsch-deutsche Meinungsbildung befördern. Spoo aber verwies darauf, daß sich der Konflikt bei ihm schon "in Gestalt von Magenschmerzen" bemerkbar mache. Er wollte sich allenfalls auf eine Ost-West-Parität beim Redigieren einlassen.Es folgte ein Briefwechsel, in dem Spoo die Ostler von der Erfolglosigkeit ihres Unternehmens zu überzeugen versuchte und sich vorsorglich gegen den Vorwurf des Plattmachens wehrt: "Ich denke, es wäre unter Ihrem Niveau, alle Wessis gleichzusetzen. ( ) Ich mache Sie auch nicht für Krause, Heitmann, Eggert etc. verantwortlich."Schütrumpf und Backmann schickten dennoch weitere "solidarische Grüße" mit weiteren Erläuterungen ihres Angebots einer Tandemlösung, zumal Spoo um weitere Erläuterungen bat. Aber seit letzten Sonntag herrscht Desillusionierung. Im Haus der Kulturen verteilten die Hannoveraner anläßlich der Verleihung des Ossietzky-Preises ihre Nullnummer. Die Berliner werden nun nachziehen: am 21. Dezember, dem 62. Todestag von Kurt Tucholsky. Jeder für sich, Gott für uns alle.Die Themen bei "Ossietzky" sind erstem Augenschein zufolge eher deutschland-global: von Rühes Eurofighter bis zur RAF. Peter Turrini enthüllt, daß Claus Peymann gar nicht in Bremen geboren ist, wie er der deutschen und der österreichischen Theaterszene immer vorlügt, sondern ein aus Tirol nach Deutschland exportiertes Adoptivkind namens Klausi Obernosterer. Sowas erfährt der ostdeutsche Intellektuelle heute gemeinhin am Zeitungsstand aus der Boulevardpresse, wohingegen er von einem Weltbühne-Nachfolger Informationen erwarten würde, ob Peymann am Schiffbauerdamm in Berlin nicht nur das Bühnenhaus, sondern auch das Ensemble umbauen will.Konkurrenz um AutorenUm die Autoren Ost scheint es derzeit mehr Konkurrenz zu geben als um die Marktlücke. Bei "Ossietzky" schreiben Daniela Dahn und Felix Mantel alias Lothar Kusche. Dagegen werden der altgediente "Weltbühnen"-Reporter Jean Vilain oder auch Irene Runge und Hermann Klenner, um die sich Spoo ebenfalls bemühen wollte, in der Probeausgabe des "Blättchen" vertreten sein.Einer hält gar nichts von den zweieiigen Zwillingen: Helmut Reinhardt. Der letzte Chefredakteur der "Weltbühne", der das Blatt bis 1993 über die Wende führte und dem einstigen Niveau wieder anzunähern versuchte, hält beide Neustartversuche für Nekrophilie: "Die Zeiten haben sich radikal verändert. Es gibt in Deutschland kein Denken mehr in Alternativen. Man sollte sein Erspartes in etwas Nützlicheres stecken." Reinhardt betreibt heute ein Kontor für ergonomische Möbel.