WIEN, 9. Oktober. Peter Paul Rainer packte gerade die verspäteten Weihnachtsgeschenke seiner Mutter aus, als die Beamten des Mobilen Einsatzkommandos an die Wohnungstür in der Wiener Krebsgartengasse trommelten. "Aufmachen, Polizei!", schrieen die Polizisten, und Rainer, ein flüchtiger und zu zwanzigeinhalb Jahren Haft verurteilter Mörder, öffnete brav die Tür. "Er stand völlig regungslos vor uns", wunderte sich später ein Beamter. Hatte Rainer das Einsatzkommando etwa erwartet?Verwundern würde dies kaum jemanden, der sich je mit den Hintergründen des mysteriösesten Politverbrechens der Südtiroler Geschichte befasst hat: dem Mord an dem Ex-Landtagsabgeordneten Christian Waldner. Dessen Leiche war am 17. Februar 1997 nahe Bozen gefunden worden. Bald darauf wurde Peter Paul Rainer, Waldners engster Mitarbeiter, unter Mordverdacht festgenommen.Rainer gestand die Tat. Wenig später widerrief er das Geständnis, wurde aber dennoch verurteilt. Ein Berufungsgericht kassierte den Spruch, doch bei einer Neuverhandlung in Brescia wurde Rainer erneut verurteilt. Das Kassationsgericht in Rom bestätigte schließlich im Februar 2001 das Urteil in letzter Instanz. Damals saß Rainer bereits in österreichischer Abschiebehaft, denn er war kurz vor dem Urteil von Brescia untergetaucht und hatte sich zunächst in Deutschland, später in Wien versteckt. Am Dienstag entschied das Wiener Oberlandesgericht, dass Rainer an Italien ausgeliefert wird. Rainers Anwalt Harald Ofner, ein früherer österreichischer Minister, zeigte sich von dem Urteil enttäuscht. "Wir haben klare Menschenrechtsverstöße beim Prozess in Brescia nachgewiesen, aber das hat die Richter nicht interessiert", sagte Ofner der "Berliner Zeitung". Eine Berufung gegen den Entscheid sei nicht möglich. Ofner kündigte an, sich an den österreichischen Justizminister zu wenden. Ob der Mordfall Waldner mit der Auslieferung Rainers an Italien endlich zu den Akten gelegt werden kann, wird bezweifelt. Zu viele Fragen sind noch immer ungeklärt: War der Mord an Waldner die Tat eines Sonderlings oder ein politisches Verbrechen? Denn Waldner wollte einen unabhängigen Staat Südtirol. Und die wichtigste Quelle der italienischen und österreichischen Geheimdienste hieß Peter Paul Rainer.Rainers V-Mann-Tätigkeit wurde erst im vorigen Jahr bekannt, nachdem die juristische Aufarbeitung des Mordfalls Waldner abgeschlossen war. Das wirft neue Fragen auf: Hat Rainer Waldner doch umgebracht, weil der ihn enttarnt hatte? Oder spielte Rainer eine Hauptrolle in einem Mordkomplott der Dienste? Fragen, zu denen die Regierungen bislang am liebsten schweigen.