Wer braucht schon diesen blonden Strebertyp in quietschbunten, schlecht sitzenden Klamotten? Die beste Zeit des Komikers Wigald Boning schien längst vorbei. Die Show "RTL Samstag Nacht", in der er mit der Talkpersiflage "Zwei Stühle - eine Meinung" bekannt wurde, gibt es nicht mehr, Gesangsversuche ("Lieder, die die Welt nicht braucht") und ein Kinofilm ("Die drei Mädels von der Tankstelle") floppten. Mit 30 Jahren hatte Boning bereits drei Karrieren hinter sich. Fünf Jahre später hat Boning zu dem zurückgefunden, was er am besten kann: unterhaltsame Interviews führen. Ab heute strahlt das ZDF um 0. 45 Uhr die Gesprächsreihe "WIB-Schaukel" aus.Herr Boning, Sie sind Mitglied der FDP. Wie hat Ihnen der Wahlkampf bisher gefallen?Schwer zu sagen. Wahrscheinlich super. Ich bin als Parteimitglied auch gefordert, den eigenen Laden nicht in den Dreck zu ziehen.Hat sich die FDP denn in Ihren Augen so schlecht geschlagen?Ich kann mit Wahlkampf, wie man ihn heute versteht, nicht so viel anfangen. Aber als Guido Westerwelle bei "Christiansen" war und die 18 auf der Schuhsohle trug, fand ich das lustig. Das war ein Tabubruch, kostete nichts und gab einfach nur ein drolliges Bild. Solche Aktionen können auch eine Metapher sein auf die Machbarkeit von Reformen insgesamt. Von der Programmatik her ist die FDP das Mutigste, was man wählen kann.Haben Sie sich für den Wahlkampf einspannen lassen?Ich habe einen Werbespot mitgestaltet, der uns von der Hochwasserkatastrophe weggespült wurde. Ich spielte einen baywatchartigen Bademeister. Und man hört eine Off-Stimme: "Wir versinken in den Fluten. Spenden Sie für die FDP. " Typisch Spaßpartei.Ich bin nicht FDP-Mitglied geworden, weil ich den Laden für besonders spaßig halte.Sondern?Ich bin politisch interessiert und habe mich geärgert, dass ich als Protagonist der entpolitisierten Spaßgesellschaft herhalten musste. Ich wollte für mich und andere klarmachen, dass ich mich für Politik sehr wohl interessiere, dass ich politische Ideale habe und bereit bin, mich dafür öffentlich auch prügeln zu lassen. Die Freiheit des Einzelnen, Eigenverantwortung, das sollte gestärkt werden.Wissen Sie, wie die FDP in den Umfragen liegt?Allensbach elf, der Rest acht Prozent.Für die "WIB-Schaukel" begleiten Sie ihren Interviewpartner einen ganzen Tag, beim Joggen, Einkaufen.Ich möchte die Gelegenheit haben, den Gast kennen zu lernen. In einer Talkshow ist das nicht möglich. Wenn man sich aber den ganzen Tag mit einer Person unterhält, gerät man zwangsläufig in einen Bereich, der spannend wird.A-Klasse waren ihre Gäste bislang nie. Bekommen Sie viele Absagen?Für mich ist A-Klasse jemand, der viel zu erzählen und einiges erlebt hat. Daher ist im Zweifelsfall eine Grit Böttcher interessanter als Bro Sis. Wir bekommen rund 98 Prozent Absagen, weil wir einen ganzen Tag lang drehen, wenig Geld zahlen und um 0. 45 Uhr laufen. Für uns wie für unsere Gäste muss es sich um Liebhaberei handeln.Nehmen Ihre Gäste Sie als Spaßvogel aus "Samstag Nacht" wahr?Viele wollen beweisen, dass sie auch lustig sind. Und sind erstaunt, wenn es kein Gag-Duell wird. Die Sendung ist mein privater offener Kanal, da ist alles erlaubt. Man kann sich lustige Geschichten erzählen, man kann sich auch mal eine Minute anschweigen, man kann sich über das Wetter unterhalten.Hatten Sie je Existenzängste?Sagen wir mal, mein Ego ist Gott sei Dank ausgeprägt genug, um nicht von der Medienpräsenz abhängig zu sein. Ich bin keine Rampensau. Ich habe in meiner Jugend Konzerte gegeben .. Punkkonzerte .Eine Mischung aus Punk und künstlerischem Anspruch. Klingt heute schrecklich. Unsere Konzerte besuchten manchmal nur acht Leute. Aber das war okay.Wann haben Sie Ihr Talent fürs Komische entdeckt?Ich hatte in den Achtzigern einen Plattenvertrag mit der Firma der Sängerin und Produzentin Annette Humpe. Meine Platten verkauften sich schlecht, ich brauchte Geld. Über Annette lernte ich den NDR-Autor Horst Königstein kennen. Für seine Doku "Im geilen Osten" führte ich 1990 Interviews in der DDR. Ich fand die Gespräche total ernsthaft. Doch Freunde, Bekannte riefen mich an: Hey, das war ja superlustig.Inwieweit haben Sie sich verändert seitdem?Ich begreife meine Gesprächsführung immer noch als journalistisch ernsthaft. Man erreicht mehr, wenn man den Humor sorgsam dosiert. Allerdings ist das Fernsehpublikum durch die vielen Comedy-Sendungen sehr auf Spaß geeicht.Was haben Sie gedacht, als Sie erfuhren, dass Ihre Sendung um 0. 45 Uhr läuft?Wir wollen jetzt Marktführer bei den Schlaflosen und Nachtschwestern werden.Das Interview führte Sabine Rennefanz.Punkband bis Bildband // Wigald Boning wurde am 20. Januar 1967 in Wildeshausen bei Oldenburg als Sohn eines Bankiers geboren.Zunächst versuchte er sich erfolglos als Sänger in zwei Punkbands. Danach startete Boning eine kurze Solo-Karriere: 1989 erschien die Platte "Kapitale Burschen".Nachdem Boning für den Dokumentarfilm "Im geilen Osten" Prostituierte interviewte, wechselte er zum Fernsehen.Im Herbst 1993 gelangte er zur Comedyshow "RTL Samstag Nacht". Für die Auftritte in "Zwei Stühle - eine Meinung" erhielt er mit Olli Dittrich ein Jahr darauf einen Grimme-Spezial-Preis.Mit dem Gesangsduo "Die Doofen" wagten Boning-Dittrich 1995 eine weitere Karriere: Ihre CD "Lieder, die die Welt nicht braucht" hielt, was der Titel versprach. Ähnliches lässt sich vom folgenden Werk "Melodien für Melonen" sagen.Zudem übte sich Boning in der Bildenden Kunst: 1996 erschien sein Bildband "Fliegenklatschen in Aspik".Den deutschen Film bereicherte Boning 1997 mit der Kino-Produktion "Die drei Mädels von der Tankstelle", in der er einen frauenhassenden Millionärssohn spielte.Seitdem ist es ruhig um Wigald Boning geworden. Zuletzt hatte er eine Sendung beim Lokalsender TV Berlin.