STAHNSDORF. Wegen der 200 000 Bäume gilt er als schönster Waldfriedhof Deutschlands. Der Südwestkirchhof Stahnsdorf (Potsdam-Mittelmark) ist mit 206 Hektar Fläche auch eines der größten Grabfelder bundesweit. Viele tausend Ausflügler besuchen jedes Jahr die teilweise sehr opulenten Grabstätten auf dem Prominenten-Friedhof. Auf dem weitläufigen Areal sind berühmten Künstler wie Heinrich Zille, Friedrich Murnau oder Lovis Corinth begraben, auch Politiker wie Rudolf Breitscheid oder Industrielle wie Werner von Siemens. Nun ist der Friedhof um eine Attraktion reicher - eine ungewollte. Weite Teile der Anlage sind umgewühlt, der Boden ist von tiefen Furchen durchzogen, viele Grabbepflanzungen sind zerstört. Doch es waren keine Grabschänder. "Bei uns sind etliche Wildschweine aktiv", sagt Friedhofsverwalter Olaf Ihlefeldt.Kriegsgräberfeld beschädigt"Ein Jäger hat in einer Nacht 15 Schweine gezählt", sagt Ihlefeldt, der seit 17 Jahren auf dem Friedhof arbeitet. "Auf einem so großen Areal gibt es immer Probleme mit Wildtieren, aber so viele Schweine gab es noch nie. Es ist katastrophal."Trotz aller Probleme gibt Ihlefeld Entwarnung für die zahlreichen Besucher, die nun in den klassischen "Friedhofsmonaten" Oktober und November gerade nach Stahnsdorf kommen, weil der Friedhof wegen der vielen Bäume eine beeindruckende Laubfärbung zu bieten hat. "Den Tagesbetrieb beeinträchtigen die Schweine nicht", sagt er. Sie seien eher nachtaktiv und sehr scheu, wenn Menschen in der Nähe sind.Doch nachts sind sie auf dem Friedhof flächendeckend unterwegs, wühlen auf der Suche nach Eicheln, Engerlingen und Würmern hektargroße Flächen oder Wege um. Grabsteine wurden nicht umworfen, da die Fundamente tief sind. "Eine Fläche mit 1 070 Kriegsgräbern ist umgewühlt", sagt Ihlefeldt. Die Grabplatten wurden nicht beschädigt, aber der Rasen. Der Friedhof gehört der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg. "Aber für den Erhalt der Kriegsgräber zahlt der Berliner Senat", sagt er. Allein die Sanierung dieser Fläche kostete etwa 4 000 Euro. Außerdem soll das Gräberfeld nun eingezäunt werden."Wir sind auf jede Spende angewiesen", sagt Ihlefeldt. Es sei vieles kaputt. Der Friedhof ist kulturhistorisch wertvoll. Er wirkt wie ein von der Zeit vergessenes Freilichtmuseum für erlesene Grab- und Landschaftsarchitektur des 19. und 20. Jahrhunderts. Breite Wege und Sichtachsen sowie dutzende Plätze mit Brunnen lockern den Wald auf. Nun wird dort scharf geschossen - natürlich nur nachts, wenn keine Besucher unterwegs sind. Jäger haben sogar Ausnahmegenehmigungen bekommen und dürfen auf dem Friedhof jagen. Die Bilanz: sechs geschossene Schweine. Im Umfeld wurden 40 Wildschweine geschossen, zehn mehr als in anderen Jahren. Derzeit liegen jede Nacht drei Jäger auf der Lauer, um die wühlwütigen Tiere zu schießen. Und ab Ende Oktober sind mehrere große Treibjagden im Umfeld geplant, um dem Problem zu begegnen.Schutzzäune zerstörtZudem muss der Zaun oft geflickt werden. "Er hat 30 000 Euro gekostet und soll die Gräber vor Wildschweinen schützen", sagt Ihlefeldt. Der Zaun zeigte Wirkung, bis irgendwelche Leute große Löcher hineinschnitten - so dass Tiere hindurch können. "Vielleicht sind es selbsternannte Tierschützer", sagt er. "Sie helfen den Tieren aber nicht, sondern treiben sie in den Tod. Denn wir müssen die Grabanlagen doch schützen." Die Polizei wurde über die wiederholte Zaunzerstörung informiert. "Doch die Täter konnten bisher nicht ermittelt werden", sagte Polizeisprecherin Diane Jende. "Daher wissen wir nicht, welches Motiv die Täter antreibt."------------------------------Promi-GräberBerliner Friedhof: Wegen Platzmangels suchten evangelische Berliner Kirchgemeinden im Umland nach Friedhofsflächen. Der Südwestkirchhof wurde 1909 eröffnet. Dort sind 120 000 Tote bestattet.Promis: Bekannte Tote sind Architekt Walter Gropius, Hellseher Jan Hanussen, Komponist Engelbert Humperdinck, Verleger Gustav Langenscheidt oder Elisabeth Baronin von Ardenne (Fontanes "Effi Briest").Spenden: Geöffnet ist der Friedhof (Tel. 03329/62315) von 8-17 Uhr. Spenden zur Erhaltung: Förderverein Südwestkirchhof, Konto: 10436400, Blz: 12030000. Nächste Führung: Sa 10 Uhr; Treffpunkt: Haupteingang; 5 Euro pro Teilnehmer.