"Nüscht paßt zusammen, wat hier zusammenhält." Die eingangs auf Berlin bezogene Sentenz des Eisernen Gustav, respektive seines Enkels aus der Rahmenhandlung anno 2000, bewahrheitete sich in der Folge der zweieinhalb Aufführungsstunden zumindest für dieses Musical über Berlin: "Wilhelm heeßt er". Ein freundliches, sympathisches, leicht schwerblütiges deutsches Allerlei. Einmal wurde das berlinische "Friede, Freude, Pferdeappel" der erdachten Begegnung zwischen dem Hauptmann von Köpenick, der immer mal wieder aus dem Gefängnis kommt, und dem Eisernen Gustav, der zäh mit seiner Pferdedroschke gegen die aufkommende Automobilisierung anfährt, durch ein lustvolles Fremdgehen nach Paris unterbrochen. Die Damen des Balletts warfen urplötzlich enthusiasmiert die Beine bis über den Bauchnabel und tanzten mit dem früheren DDR-Revuestar Rainer Genss den Cancan. Da erwachte auch das Publikum wieder und war aus dem Häuschen. Geschichten kleiner Leute Ansonsten kam der Premierenabend etwas bleiern aus der Hüfte. Der Schlußapplaus für durchweg passable Leistungen war durchweg freundlich bis herzlich, aber nicht begeistert. Vielleicht war auch Dankbarkeit für die couragierte Haltung der Direktion des Kurfürstendammtheaters hineingemischt, die in Zeiten chronischer Sparsamkeit den Mut der Verzweiflung bewies, eine solche umfangreiche Musicalproduktion stemmen zu wollen. Das Opus wird ein ganzes Jahr lang jedes Wochenende gespielt, das soll die Touristen anziehen. Allzuteuer durfte die Produktion nicht werden, und das merkt man ihr freilich an."Wilhelm heeßt er" erzählt die Geschichte von kleinen Wilhelms, Gustavs, Annas, Lauras in der Zeit des großen Wilhelm Zwo. Das Berlin-Musical wurde am Freitag im reichen Westen Berlins von armen künstlerischen Leiharbeitern aus dem Osten zum erstenmal kräftig gehopst, gut gespielt und leidlich gesungen. Direkt aus Adlershof Fast das gesamte leitende wie darstellende Personal war früher am Friedrichstadtpalast, am Metropol Theater oder beim Fernsehen der DDR engagiert. Buch und Songtexte stammen von Volkmar Neumann, gewesener künstlerischer Leiter des Friedrichstadtpalastes, der am Ku'damm auch Regie führte. Das Szenarium fordert anno 1900, als das Deutsche Reich seit rund dreißig Jahren in Frieden lebte, mehrfach nachdrücklich, daß nun endlich Frieden sein solle. Es hat also etwas erkennbar Klassenkämpferisches, und durch den Kopf des Journalisten schoß die Vermutung, das parteiliche Textchen könnte doch durchaus schon in der Dramaturgie des Fernsehens der DDR in Adlershof gelegen haben. Als in der Pause dann der kleinwüchsige, furchtbar wichtig gewesene DDR-Fernsehchef Adameck leibhaftig im Foyer steht, kommt einem der Gedankenblitz geradezu folgerichtig vor.Das Bühnenbild entwarf Rolf Läßig, der siebzigmal "Ein Kessel Buntes" im Fernsehen der DDR ausstattete. Die Choreographie stammt von Gisela Walther, die das Ballett des Friedrichstadtpalastes wie des DDR-Fernsehens mitformte. Den Part des Schusters Wilhelm Voigt, der in der Köpenicker Hauptmannsuniform diesmal Berliner Straßenmädchen aus dem Polizeigefängnis befreit, spielte der DDR-Fernsehliebling Alfred Müller, und der ist ein toller Schauspieler und kann auch noch singen. Müller müßte jetzt Zuckmayers "Hauptmann von Köpenick" spielen, das wäre seine große Rolle!Die kleine Nutte Anna wird von Mary C. Bernet gezeigt und gesungen, die kommt nun allerdings nicht aus Ostberlin, sondern aus Amsterdam und erfreut uns beim kessen Berlinern sehr mit ihrem niedlichen holländischen Akzent. Sie gefällt mit "Annas Lied", jenem "leichten Mädchen", das vom kleinen bürgerlichen Glück träumt ("Du hörst das Gequatsche von Sitte und Moral. Doch ich will leben!").Gegen Annas Zuhälter kämpft eckig und tapfer der Dresdner Schauspieler Joachim Nimtz, der Eiserne Gustav. Eine Berliner Type gelingt Nimtz leider nicht. Maria Malle kann zwar als Pensionswirtin Claire großartig Berlinern, aber heute abend fehlte ihr das kesse Temperament. Wie sie so saß und traurig Bier trank, wirkte sie wie eine in Ehren ermüdete Clara Zetkin aus dem Adlershofer Parteilehrjahr, die aus Versehen in die Revue geraten ist. Die gute Berliner Luft Und wie ist die Musik? Birger Heymann ("Linie 1") und Franz Bartzsch komponierten nach Art alter Gassenhauer, gelegentlich auch im Stile von Kurt Weill und natürlich mit Anklängen an "Linie 1". Alfred Müllers Hauptlied ist zwar überhaupt nicht originell, aber merkwürdigerweise scheint gerade das Berlinisch zu sein: "Berlin, in deiner Luft zu atmen, durchs Brandenburger Tor zu gehn " Berliner Luft, das geht immer, und damit ist es gut. +++