BAD GODESBERG, im Mai. "Sie wollen also mein Leben zerstören", sagt Wilhelm Krelle zur Begrüßung. Auf den Stock gestützt steht er im Wohnzimmer seines Bungalows, ein alter Mann, klein und gebrechlich. Die Augen aber blicken wach, vorsichtig. Sie erinnern noch an den jungen Mann in Wehrmachtsuniform, der auf dem Hochzeitsfoto zu sehen ist. Das Bild steht auf dem Schreibtisch, neben anderen Fotos eines langen Lebens. "Warum lassen Sie mich nicht in Ruhe sterben?" fragt Wilhelm Krelle. Es ist ein seltsamer Moment. Wilhelm Krelle hatte nach langem Zögern in ein Gespräch eingewilligt, er hatte gehört, es gebe Neuigkeiten in seinem Fall, darüber wollte er vielleicht reden, dann wieder nicht, nun aber doch.Zwei Stunden, länger nicht, hatte sein Anwalt am Telefon gesagt. Professor Krelle habe eine schwere Operation hinter sich, er sei hinfällig, ein längeres Gespräch könne man ihm ohnehin nicht zumuten. "Und überhaupt ist doch zu dem Thema alles gesagt, neue Dokumente hin oder her."Die Dokumente sind in deutschen und tschechischen Militärarchiven gefunden worden. Das Thema ist Krelles Vergangenheit. Oder besser: Ein ganz bestimmter Teil davon. Der Teil, über den nicht gesprochen wurde, als Bundespräsident Richard von Weizsäcker Krelle 1987 das Bundesverdienstkreuz überreichte, als er zum Ehrendoktor der Universitäten in St. Gallen, Wien, Karlsruhe, Münster und Mannheim sowie - 1994 - der Berliner Humboldt-Universität ernannt wurde. Krelle war einer der führenden wirtschaftswissenschaftlichen Theoretiker im deutschsprachigen Raum. Mit seinen Veröffentlichungen über Preistheorie, Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung und Vermögenspolitik prägte er Generationen westdeutscher Studenten. Er wurde in den Wissenschaftlichen Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums berufen. Und dem gehört er heute noch an.In den zu diesen Anlässen üblichen Reden begann Krelles Lebenslauf meist erst im Jahre 1945, nach Kriegsende. Vorher - daraus machte der Professor allerdings nie einen Hehl - hatte er als Offizier an den Feldzügen der Wehrmacht in Griechenland und Afrika teilgenommen und sich schließlich als Kommandeur einer Einheit auch den alliierten Truppen an der Westfront entgegengestellt.Erst 1996 wurde bekannt, dass Krelle ab August 1944 in den Reihen der Waffen-SS gekämpft hatte und ab Januar 1945 sogar 1. Generalstabsoffizier der für ihre Kriegsverbrechen berüchtigten SS-Panzergrenadierdivision "Götz von Berlichingen" war. Studenten der Berliner Humboldt-Universität hatten damals einige wenige Dokumente, die das belegen, gefunden und sie publik gemacht. Der Skandal sorgte für Debatten an der Universität und für Schlagzeilen in den deutschen Zeitungen. "Braune Lücken im Lebenslauf" und "Krelles Einheit in Kriegsverbrechen verwickelt" hießen sie, aber auch "Der Fall Krelle - ein Beispiel für die Vernichtungskraft von Verdächtigungen".Wilhelm Krelle vermutet noch heute dunkle Mächte hinter der Affäre: "Ich war zwischen 1991 und 1993 Vorsitzender der Struktur- und Berufungskommission, die die alte Ost-Berliner Wirtschaftsfakultät abzuwickeln und eine neue Fakultät aufzubauen hatte", erzählt der 88-Jährige. "Durch meine Entscheidungen wurden mehrere Wissenschaftler, die wegen ihrer Vergangenheit in der DDR und ihrer Nähe zum kommunistischen System einfach nicht mehr haltbar waren, entlassen. Ich bin überzeugt, dass es diese Kreise waren, die mir am Zeug flicken wollten." Das sei aber misslungen, sagt der Professor und verweist auf die Untersuchungen eines Ausschusses, der nach den öffentlichen Vorwürfen gegen ihn vom Akademischen Senat der Humboldt-Uni 1996 eingesetzt wurde. "Dieser Ausschuss hat eindeutig festgestellt, dass ich lediglich als Wehrmachtsoffizier zur Waffen-SS abkommandiert worden bin", erklärt er.Die Kommission hatte seinerzeit Krelle angehört, der sich in der Öffentlichkeit bis heute nie detalliert über seine Zeit bei der Waffen-SS geäußert hat. Außerdem sichteten die Kommissionsmitglieder die damals vorliegenden Dokumente aus den Kriegsarchiven und gaben ein Gutachten bei der Bundeswehruniversität in Hamburg in Auftrag. Das Fazit der Ermittlungen lautete: Wilhelm Krelle ist nie Mitglied der SS gewesen. Und es ist genau diese Feststellung, die ihm wichtig war und ist. Kein Mitglied - damit war der Fall für ihn erledigt.Jetzt aber sind diese neuen Dokumente aufgetaucht: SS-Personallisten mit Krelles Namen sind darunter, Befehle, die er als SS-Sturmbannführer unterzeichnet hat, von ihm gegengezeichnete Berichte aus dem Kriegstagebuch der SS-Division "Götz von Berlichingen". Dokumente, die Wilhelm Krelle erneut die Frage nach Schuld und Verstrickung stellen. Doch auch jetzt, als er mit diesen Dokumenten konfrontiert wird, hält Wilhelm Krelle an seiner schon 1996 praktizierten Grenzziehung zwischen Schuld und Unschuld fest: SS-Kämpfer ja, SS-Mitglied nein. Abkommandierung zur Waffen-SS ja, freiwillige Versetzung dorthin nein. SS-Sturmbannführer ja - aber nur auf dem Papier. "Ich habe mich auch bei der SS immer als Major der Wehrmacht gesehen", sagt er. Und dann erzählt er von General Prieß, dem Kommandeur des Korps, "ein alter SS-Mann, ungebildet, keine Ahnung von militärischen Dingen" - der hatte ihm befohlen, nach seiner Kommandierung den SS-Dienstgrad Sturmbannführer zu tragen statt den Wehrmachtsrang Major. "Mir war das egal, ich wusste ja für mich, dass ich Offizier des Heeres war", sagt Krelle. Wenn er allerdings gewusst hätte, welche Rolle diese Sache einmal spielen würde, "dann hätte ich mich nicht einfach so gefügt".Im Sommer 1944 war Krelle auf der Kriegsakademie, als er ein Schreiben des Heerespersonalamtes erhielt. Er solle in den Generalstab des XIII. SS-Korps versetzt werden, stand darin. "Mein erster Gedanke war: Das ist deklassierend", erinnert er sich. "Wenn man Heeresoffizier war wie ich, dann geht man nicht zur SS." Andrerseits habe er es auch als ehrenrührig angesehen, eine Kommandierung abzulehnen. "Ich musste als Offizier damals häufig meine Soldaten auf Kommandos schicken, die gefährlich waren, etwa, wenn sie eine Bunkerlinie stürmen sollten. Und jetzt bekomme ich ein Kommando und weiche aus? Das ging nicht." Er habe dann mit seiner Frau gesprochen, die ihn in seinem Entschluss unterstützte, das Kommando anzunehmen. Und er habe Kraft in seinem Glauben gefunden. Vielleicht, so habe er sich damals gesagt, sei dies alles Teil von Gottes Willen und habe seinen Sinn. "Obwohl ich die Kommandierung auch hätte ablehnen können, habe ich es aus diesen Gründen damals nicht getan", sagt Krelle. Aber wusste er nicht von den Verbrechen der SS? "Nein, ich kam vom Afrika-Feldzug und war in dieser Beziehung völlig ahnungslos. Andernfalls hätte ich das Kommando sicher abgelehnt." Was hat er gesehen? Was wollte er nicht sehen? Was hat er gewusst von den Verbrechen, die seine SS-Division "Götz von Berlichingen" verübte - in den letzten Kriegstagen an versprengten KZ-Häftlingen, Überläufern, Parlamentären und Zivilisten? Hat er davon erst lange nach Kriegsende erfahren, wie er sagt? "Ich hatte 16 000 Mann in der Division, meinen Sie, da habe ich immer mitbekommen, was da irgendwo passiert ist?"Und die Befehle, die seine Unterschrift tragen? An die einen vermag er sich nicht zu erinnern, andere hält er für normal in Kriegszeiten. Wie etwa den Befehl vom 18. Januar 1945, in dem Krelle anweist, unzuverlässig erscheinende Soldaten "zu besonders energischen Gruppenführern zu versetzen und bei Kampfhandlungen besonders zu beaufsichtigen". Der Befehl endet mit dem Satz: "Bei Feigheit vor dem Feind ist von der Waffe Gebrauch zu machen."Und dann gibt es noch das Dokument vom 9. Februar 1945. Darin wird von "zweifelhaften Volksdeutschen" in der SS-Division gesprochen, die als "unzuverlässige Elemente aus der vorderen Linie verschwinden" müssten. Da der Personalaustausch aber einige Zeit in Anspruch nehmen werde, sei erhöhte Wachsamkeit geboten. "Alle Soldaten, die die Hauptkampflinie nach vorwärts überschreiten, werden erschossen", steht in dem Befehl. Unter dem Dokument - einer Abschrift des ursprünglichen Befehls - steht "F. d. R.: SS-Sturmbannführer Krelle". "Das beweist doch, dass nicht ich den Befehl erlassen habe, sondern lediglich F. d. R. bestätigt habe, also ,Für die Richtigkeit'", erklärt er. Krelle erzählt, dass seine SS-Division einen schlechten Ruf hatte, als schwach verschrieen war. "Das war eine bunte Truppe, jede Menge Schwarzmeerdeutsche, auch Elsässer, Kroatendeutsche. Meine Unteroffiziere hatten mehr Angst vor ihren Soldaten als umgekehrt, weil die immer russisch untereinander sprachen. Ich war erst froh, als ich die los war, und Reichsdeutsche als Ersatz bekam." Und die Weisung, Deserteure zu erschießen - war die auch richtig? "So ist das nun mal", sagt Krelle nur. "In jeder Armee laufen Überläufer Gefahr, von den eigenen Leuten erschossen zu werden." Krelle spricht langsam, aber er hält kaum einmal inne. Die Erinnerungen drängen aus seinem Mund, als habe er noch nie so detailliert von den Kriegserlebnissen erzählt. Davon etwa, wie seine SS-Division an der Linie Nancy-Metz lag, um die zurückflutenden Truppen aus Frankreich aufzufangen und für die weitere Verteidigung gegen die Alliierten einzusetzen. Plötzlich stemmt er sich von der Couch hoch, holt einen ADAC-Atlas aus dem Schrank und blättert darin. "Hier verlief unsere Linie", sagt er und zeichnet auf der Frankreich-Karte mit dem Zeigefinger den Frontverlauf von 1945 nach. "Die lag zum Teil noch vor dem Westwall." Dann spricht er von General Klingenberg, seinem Kommandeur in der SS-Division. Wieder sucht er mit dem Finger im ADAC-Atlas den Ort des Geschehens. Wenige Wochen vor Kriegsende sei das pas- siert, bei Germeshausen am Rhein, erzählt Krelle. Die Amerikaner rückten näher. Klingenberg wollte seinen vorgeschobenen Posten nicht verlassen, obwohl Krelle ihn bekniete, in den sicheren Divisionsstab zu gehen. "Der Klingenberg, der war ja Ritterkreuzträger, hat gesagt: Ich gehe nicht zurück über den Rhein. Er ist dann auch gefallen. Das war praktisch Selbstmord." Krelle selbst hat mit seiner Einheit bis zum letzten Tag, dem 8. Mai 1945, gekämpft. "Wir hatten den Befehl, die Linie Achenpass-Achensee-Fall zu halten, und das haben wir getan, bis uns der Kapitulationsbefehl erreichte", erinnert sich Wilhelm Krelle. Dann begann ein anderes Leben. Der Krieg ist aus, das Gespräch zu Ende. Krelle legt die Kopien aus dem Militärarchiv vorsichtig auf den Tisch und schiebt sie dann noch ein wenig weiter fort von sich. "Warum lassen Sie mich damit nicht endlich in Ruhe?", fragt er und zeigt auf die Kopien. "Ich war nie Angehöriger der SS", sagt er dann zum fünften oder sechsten Mal an diesem Tag. "Und das ist doch das Entscheidende."Beim Abschied stehen wir an der Fensterfront von Wilhelm Krelles Bungalow hoch über Bad Godesberg. Der Blick schweift über Dächer und Bäume weit in das Rheintal hinein. "Manchmal kann man von hier sogar den Dom in Köln sehen", sagt der alte Mann. "Aber meist ist die Luft nicht klar genug, um so weit zu schauen."------------------------------"Ich habe mich auch bei der SS immer als Major der Wehrmacht gesehen." Wilhelm Krelle------------------------------"Bei Feigheit vor dem Feind ist von der Waffe Gebrauch zu machen." Aus einem von Krelle unterzeichneten Befehl------------------------------Foto: Wilhelm Krelle, 88 Jahre, beim Gespräch in seinem Haus in Bad Godesberg. Er kämpfte bis zum 8. Mai 1945, dann begann ein anderes Leben, ein erfolgreiches.