MÜNCHEN. Wilhelm Schlötterer ist gut gebräunt und gut gelaunt. Dem Mann ist anzusehen, dass er den Ruhestand, den man gemeinhin wohlverdient nennt, sehr genießt. Sein altes Leben, das er als Ministerialbeamter in bayerischen Diensten geführt hat, liegt schon ein paar Jahre hinter ihm. Eigentlich, sagt er, habe er sich gar nicht mehr mit damals beschäftigen wollen, so sehr habe ihn das alles angeekelt. Aber nun tritt er noch einmal in seiner alten Rolle auf, als pflichtbewusster Finanzbeamter.Es ist alles schon furchtbar lange her, die Steueraffären um Franz Beckenbauer, den Wienerwald-Chef Friedrich Jahn, den Bäderunternehmer Eduard Zwick. Auch der so genannte Amigo-Untersuchungsausschuss um den ehemaligen bayerischen Finanzminister und Ministerpräsidenten Max Streibl liegt nun schon etliche Jahre zurück. Aber all diese Geschichten über den blau-weißen Filz scheinen die Leute immer noch zu interessieren. Wilhelm Schlötterer hat ein Buch darüber geschrieben. Es heißt: "Macht und Missbrauch: Franz Josef Strauß und seine Nachfolger. Aufzeichnungen eines Ministerialbeamten". In dieser Woche erscheint es erstmals in der Bestsellerliste des Spiegel.Während seiner fast dreißig Jahre im bayerischen Finanzministerium beschäftigte sich zweimal ein Untersuchungsausschuss mit Fällen, die Schlötterer ins Rollen gebracht hatte. Es gab Landtagsdebatten, staatsanwaltschaftliche Ermittlungen, zahlreiche Presseveröffentlichungen. Der Finanzbeamte wurde sogar in die Late-Night-Show von Thomas Gottschalk eingeladen. Mitte der neunziger Jahre war Schlötterer im bayerischen Finanzministerium zuständig für Steuerfälle. Damals warf er Vorgesetzten und Regierungsmitgliedern öffentlich vor, um ihrer Karriere willen Freunde und Bekannte zu bevorzugen und so viele Millionen von Steuergeldern zu verschwenden. Der CSU war Schlötterer stets ein Ärgernis, denn er verfügte über Sachkenntnis und noch dazu das falsche Parteibuch - oder das richtige, ganz wie man es nimmt. Er ist CSU-Mitglied, bis heute. Vielleicht wollen die Leute deshalb wissen, was er über die CSU zu sagen hat.Wilhelm Schlötterer schreibt in seinem Buch, dass viele fragwürdige Dinge aus der Regierungszeit von Franz Josef Strauß nie wirklich aufgeklärt wurden. Im Oktober vergangenen Jahres beging die CSU dessen zwanzigsten Todestag so, als gelte "FJS" immer noch als Vorbild für die bayerische Politik. Ministerpräsident Horst Seehofer sieht sich in direkter Linie zu seinem politischen Vorfahren. Aber Seehofer hat eben nicht nur Freunde in Bayern.Als Schlötterer sein Buch dieser Tage im Münchener Literaturhaus vorstellte, war der Andrang groß. Der Verlag habe mehrere namhafte Parteimitglieder der CSU gebeten, Strauß zu verteidigen, sagte Verleger Jürgen Horbach. Aber niemand wollte sich dazu bereit erklären. So saß Michael Stiller, ein langjähriger Redakteur der Süddeutschen Zeitung, allein auf dem Podium und bekannte, nicht neutral zu sein. Darauf hätte er nicht extra hinweisen müssen, denn auf dem Buchumschlag wirbt er wie folgt: "Dieses Buch entlarvt die Wiederbelebung eines verqueren Strauß-Mythos durch die CSU als peinliche Farce."Ihn habe das Buch fasziniert, sagt Stiller, weil es eine Gesamtschau biete "auf ein jahrzehntelang gut geöltes Räderwerk, in dem einer, der nicht mitmachen will, zerrieben werden soll". Das Buch erinnere ihn an Lion Feuchtwangers Roman "Erfolg", in dem sich der Schriftsteller mit den Machenschaften im Bayern der zwanziger Jahre beschäftigt. Nur dass Schlötterer "die nackte, hässliche Wahrheit" nicht in eine fiktive Rahmenhandlung verpackt, sondern ungefiltert aufgeschrieben habe.Wilhelm Schlötterer wurde 1939 in Regensburg geboren. Im Alter von 29 Jahren trat er in Lindau den Dienst als Finanzbeamter an. Er war "beeindruckt vom harten Zugriff des Staates, der den sehr gut Verdienenden rund die Hälfte des Einkommens wieder abnahm", schreibt er in seinem Buch. Ebenso beeindruckt war er vom Engagement der Beamten und vom so genannten "Kugelschreibererlass". Demnach war es Steuerbeamten untersagt, Geschenke anzunehmen, die über den Wert eines Kugelschreibers hinausgingen.Im Jahr 1969 wurde er zur Oberfinanzdirektion nach München versetzt. Als er im Vorzimmer des Oberfinanzpräsident Fritz Rüth wartete, um sich vorzustellen, stürmte ein Herr, den die Vorzimmerdamen mit "Herr Generalkonsul" anredeten, mit einem großen, in Geschenkpapier eingewickelten Paket herein und ging wie selbstverständlich weiter ins Zimmer des "lieben Fritz", wie er den Finanzpräsidenten begrüßte.Schlötterer fragte sich, ob in den oberen Behördenetagen der Kugelschreibererlass vielleicht etwas weniger ernst genommen würde. Er wunderte sich auch, dass die Bibliothek des Finanzministeriums die mehrbändige Ausgabe von "Brehms Tierleben" angeschafft hatte und erfuhr, dass der Sohn des Ministers Ludwig Huber in der Schule ein Referat habe halten müssen - über zoologische Angelegenheiten. Der Minister hatte die Lektüre für den Sohn auf Staatskosten besorgen lassen.Bald darauf erfuhr er vom Vorwurf eines Kollegen, wonach der Oberfinanzpräsident dem Besitzer der Wienerwald-Restaurants, Friedrich Jahn, Steuerschulden in Millionenhöhe erlassen und ihn vor Strafverfolgung wegen Steuerhinterziehung zu schützen versucht hatte. Jahn war Duzfreund von Franz Josef Strauß, für den er Partys ausrichtete, Urlaube bezahlte und dem er sein Flugzeug überließ. Im Steuerskandal gegen Jahn hatte der Finanzvorsteher Felix Ettmayr neben Rüth vor allem den Finanzbeamten Lothar Müller belastet. Das Ministerium stellte zwar verdächtige Tatsachen fest, stufte Müllers Verhalten aber letztlich als "ungeschickt" ein - ohne Konsequenzen zu ziehen. Gegen Ettmayr wurde ein Straf- und Disziplinarverfahren eingeleitet. Müller jedoch machte Karriere und wurde in fünf Jahren viermal befördert. Grund dafür war, wie Schlötterer erfuhr, dass Müller unter dem Schutz des CSU-Parteivorsitzenden Franz Josef Strauß stand.Müller wurde Schlötterers Vorgesetzter und ließ ihm zunächst freie Hand. Nur in wenigen Fällen, so in der Steuersache Franz Beckenbauer, behielt er sich die Entscheidung vor, um dem Minister laufend zu berichten. Der Fußballspieler hatte seinen Wohnsitz in die Schweiz verlegt, und die Steuerfahndung vermutete, dass er Steuern unterschlug. Doch die Fahnder wurden angewiesen, nichts zu unternehmen. Stattdessen wurden Beckenbauer und sein Manager Robert Schwan mehrfach zu Gesprächen eingeladen - nicht etwa ins Finanzamt, sondern ins Ministerium.Schwan habe durchblicken lassen, dass "hohe Politiker" in die Sache verstrickt seien - ohne Namen zu nennen. Er sei peinlich berührt gewesen, erinnert sich Schlötterer. "Es war unglaublich. Ich verging schier bei diesen Gesprächen, aber ich konnte nichts dagegen unternehmen." Die Fahnder drängten auf eine Durchsuchung und ein Verfahren. Schlötterer schrieb ein entsprechendes Gutachten. Sein Vorgesetzter Müller sagte, die Beurteilung sei "rechtlich und fachlich völlig in Ordnung", weigerte sich aber sie zu unterschreiben, denn Finanzminister Ludwig Huber selbst habe Beckenbauer beraten, wie er durch den Umzug Steuern sparen könne. Vermerke, die die Kenntnis des Ministers bezeugten, sollten vernichtet werden. Müller forderte Schlötterer auf, das Verfahren gegen Beckenbauer zu beenden. Die Durchsuchung wurde abgeblasen.Als Schlötterer protestierte, sollte er abgelöst werden. Daraufhin erstellte er einen Bericht für den Obersten Bayerischen Rechnungshof, der ihn bestätigte. Und ging vor den Landtag. Er war damals 37 Jahre alt und stand kurz vor der Beförderung zum Ministerialrat. Nachdem er sich an den Landtag wandte, musste er viele Jahre auf seine Beförderung warten. Immer wieder hatte Strauß das unterbunden. Der Strauß habe ihn für geisteskrank erklären und "vernichten" wollen, wie Schlötterer sagt. Während seine Vorgesetzten alle Vorwürfe bestritten, bestätigte Beckenbauer in seinen Memoiren "Ich - wie es wirklich war", dass ihm der Minister persönlich zur Steuerflucht geraten habe. Der damalige Finanzminister Ludwig Huber habe zu ihm gesagt: "Franz, wenn was ist, nur melden."Schlötterer sagt, sein Engagement habe ihm Einbußen in Höhe von 100 000 Mark wegen nicht erfolgter Beförderungen, viel Arbeit und elf "auf mich verübte Anschläge" eingebracht. So nennt er die Versetzungs-, Straf- und Disziplinierungsversuche, die sämtlich fehlschlugen. Daher der Ekel, den die Erinnerungen bei ihn auslösten. Die Sache Beckenbauer sei exemplarisch, aber nur einer von mehreren ähnlichen Fällen, in denen persönlich und politisch befreundete Großverdienern Steuern erlassen wurden, weil es Strauß oder seinem Minister so gefiel.Wilhelm Schlötterer sieht sich gewissermaßen als Sprachrohr einer ganzen Generation von Finanzbeamten. Er sagt: "Ich bin Max Mustermann. Wäre ich der Einzige, dem es so erging, hätte ich das Buch nicht geschrieben." Er sieht eine "durchgehende Kette von Rechtswidrigkeiten", die sich von Franz Josef Strauß über Max Streibl bis zu Edmund Stoiber und dessen Ministern hinzieht.Das Vermögen von Strauß schätzt Schötterer auf rund 350 Millionen Mark. Er versucht zu belegen, dass Strauß das Geld teilweise auf unrechtmäßige Weise erworben und deshalb womöglich nie versteuert habe. Strauß sei mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Steuerflüchtling. Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss, der sich damit befasst, wäre seiner Ansicht nach auch heute noch möglich. Es sei zu prüfen, ob zu Unrecht erworbenes Vermögen eingezogen werden könne.Die Erben des Franz Josef Strauß sind erbost über Schlötterers Buch, haben aber nicht viel dagegen vorzubringen. Franz Georg Strauß bezeichnet Schlötterer als "Eiferer" und wirft ihm vor, aus einem Bericht des Spiegel zu zitieren, obwohl er und seine Geschwister damals eine elf Punkte umfassende Gegendarstellung erwirkten. Allerdings betonte der Spiegel damals, er bleibe bei seiner Darstellung. Franz Strauß kündigt an, er und seine Geschwister werden "gegen das Traktat von Herrn Schlötterer vorgehen, das fanatisch, inhaltlich falsch und in seinen Schlussfolgerungen für einen Juristen einfach nur peinlich ist". Sein Bruder Max bekräftigte die Ankündigung in einem Interview.Autor Wilhelm Schlötterer und Verleger Jürgen Horbach sagen, sie sähen einem Rechtsstreit gelassen entgegen. Beim Verlag seien bislang keine Beschwerden und Forderungen der Kinder eingegangen.------------------------------"Ich nenne Fakten, keine Einschätzungen." Wilhelm Schlötterer------------------------------"Wäre ich der Einzige, dem es so erging, hätte ich das Buch nicht geschrieben." Wilhelm Schlötterer------------------------------Foto: Wilhelm Schlötterer, 70, ehemaliger bayerischer Finanzbeamter, hat ein Buch über die Machenschaften unter Franz Josef Strauß geschrieben.