Der Sommer der Superhelden-Parodien beginnt! Ende Juli startet das brachiale "Superhero Movie" der "Nackte Kanone"-Truppe um David Zucker und Leslie Nielsen. Ende August ist Eddy Murphy in "Mensch, Dave!" als menschliches Raumschiff mit mancherlei superheldischen Fähigkeiten zu bewundern. Und schon morgen kommt "Hancock" ins Kino und bietet mit Will Smith in der Titelrolle auch noch einen Superhelden des Blockbuster-Kinos auf - den vielleicht letzten, den Hollywood zu bieten hat.Tom Hanks vermochte zuletzt nur mit dem "Da Vinci-Code" und also der Nachhilfe des verfilmten Dan Brown-Bestsellers die Massen ins Kino locken; Tom Cruise konnte die hohen Erwartungen mit der dritten "Mission Impossible" nicht erfüllen und auch "Von Löwen und Lämmern" nicht zum Kassenerfolg machen. Und während der 52-jährige Hanks für das große junge Kinopublikum zu alt geworden ist, leidet das Image von Cruise unter seinem Scientologentum - kein Wunder, dass sich Will Smith gegen jede Unterstellung, er oder die von ihm gegründete Privatschule hätten etwas mit Scientology zu tun, verwahrt.Auf Will Smith ruht immer noch der Segen des jugendlich-lässigen, durchtrainierten Sympathen, der frei ist von den Verklemmungen eines Aufsteigers wie Tom Cruise. In Science Fiction-Spektakeln wie "Independence Day" oder "Men in Black" hat Smith als typischer schwarzer Sprücheklopfer begonnen, sich dann aber mit Filmen wie "Ali" oder "Das Streben nach Glück" erfolgreich auch in anspruchsvolleren Rollen durchgesetzt, ohne dass dies seine Massenwirkung beeinträchtigt hätte.Was nun das Genre des im weitesten Sinne fantastischen Films angeht: Hier wurden Schwarze lange kaum eingesetzt. In "I, Robot" kontrastiert Smiths dunkle Haut geradezu programmatisch mit den weißen Robotern; in "I Am Legend" spielt er den letzten Menschen in einer Welt voller Vampire - niemals hätte man früher einen Afroamerikaner als letzten Posten westlicher Kultur besetzt; und in einem frühen Projektstadium war die Rolle ursprünglich auch Arnold Schwarzenegger zugedacht. Auch "Hancock" ist ein fantastischer Film - und die Besetzung des Superhelden mit einem Afroamerikaner etwas Besonderes - in "X-Men" gab es gerade mal eine Nebenrolle für Halle Berry. Erstaunlich ist, dass in all diesen Filmen die Hautfarbe des Helden niemals zum Thema wird."Hancock" geht von einer wirklich guten Idee aus. Wer sich schon immer gefragt hat, ob die Kosten der Verbrechensbekämpfung und ihrer Kollateralschäden im Hollywood-Film den eigentlichen kriminellen Schaden nicht weit übersteigen (und was das alles eigentlich soll), der sieht seine Zweifel hier endlich einmal zum Thema gemacht. John Hancock ist ein Penner mit Wollmütze, der auf einer Parkbank seinen Rausch ausschläft. Ein Kind weckt ihn und erzählt von einem Banküberfall. Hancock rafft sich mühsam auf; zum Munterwerden greift er einer Frau ans Hinterteil und hört das Wort, mit dem er am häufigsten belegt wird: "Arschloch". Dann schießt er raketengleich in den Himmel, vertreibt Vogelschwärme, nimmt noch einen Schluck aus der Pulle und nähert sich dem Fluchtfahrzeug, das ohne große Effizienz von der Polizei verfolgt wird. Er klärt die Sache wie zu erwarten und hinterlässt dabei eine Spur der Zerstörung, die auf 9 Millionen Dollar beziffert wird.Die Moral dieses Superhelden ist nicht mehr absolut. Seine Taten werden in ein wirtschaftliches Kalkül einbezogen. Der Mann drückt auf die Bilanzen - und das schädigt sein Image. Jede Landung aus dem Himmel reißt Löcher in den Asphalt. Als er den PR-Experten Ray rettet, der mit seinem Wagen eingekeilt ist zwischen zwei Autoschlangen und gerade einen Güterzug auf sich zurasen sieht, genügt es Hancock nicht, das Auto einfach hochzuheben, sondern er muss ihn auf einen anderen Wagen draufschmeißen.Ray denkt, der Mann könnte doch ein nützliches Glied der Gesellschaft werden, und so beginnt er ihn zu erziehen: Hancock soll sich der Polizei stellen, die ihn wegen seiner Zerstörungsorgien schon lange inhaftieren will. Das ist für ihn natürlich einfach nur langweilig; um zu fliehen, müsste er nur durch die Wand gehen, und auch vor der Begegnung mit all den Jungs, die er in den Knast gebracht hat, muss sich einer wie Hancock nicht fürchten. Nun wird er so weichtherapiert, dass er bei seinem ersten Einsatz danach vor lauter Höflichkeit fast das Zupacken vergisst.Das alles ist ziemlich witzig, und es ist schade, dass diese doch recht originelle Gesellschaftssatire nach einer Stunde schon vorbei ist, um einer öden Fantasy-Geschichte zu weichen. Nach einem wirklich verblüffenden Knalleffekt wird uns erzählt, dass Hancock nicht einfach nur ein Arschloch ist, sondern - obgleich eine Art Gott - eine arme Seele, die am Verlust ihrer Gefährtin knabbert und nur deswegen so übel drauf ist.Will Smith hat sich auf diese Drehung eingestellt; sein Spiel ist in der ersten Hälfte eigentümlich desinteressiert, die große Sympathen-Show läuft hier noch nicht. Später aber bläht sich die Sache tödlich auf, und da man Smith das Elegische auch nicht recht abnimmt, wirkt er wie getrieben von der Geschichte und ihren eher hemdsärmligen Spezialeffekten: Da ist noch nicht einmal Raum für die üblichen, sympathiefördernden Sprücheklopfereien.Vom Standpunkt des Stars und seiner Wirkung ist "Hancock", obwohl von Peter Berg stilsicher inszeniert, eher misslungen. Smiths großmäuliger Charme kommt zu selten zur Geltung. Zu Anfang verbirgt er sich hinter einem wuseligen Bart, später könnte man ihn glatt mit Laurence Fishburne verwechseln. Wir sind gespannt, ob der Superheld Will Smith an der Kinokasse auch gegen die Probleme dieses Films gewinnt.------------------------------HancockUSA 2008. 92 Minuten, Farbe. FSK ab 12,Regie: Peter BergDrehbuch: Vincent Ngo,Vince GilliganKamera: Tobias A. SchliesslerDarsteller: Will Smith, Charlize Theron, Jason Bateman, Eddie MarsanAb morgen im Kino.------------------------------Foto : Gepflegtes Äußeres und sicheres Auftreten sind wichtig, wenn man im Beruf anerkannt werden will. Hancock (Will Smith) muss das erst lernen.