Wilmersdorfer Witwen

Wir sind die Diademe der Reichshauptstadt Berlin/Die Buttercreme der Creme, die Queens des Tauentzien/Vom Kudamm bis zum KaDeWe sind wir die Sahne im Café ..." Mitte der 80er Jahre prägte das Grips-Theater mit dem bisher einzigen erfolgreichen Berlin-Musical "Linie 1" das Bild von der prinzipienfesten, pietätvoll ins schwarze Kostüm gewandeten Hinterbliebenen, die mit sorgfältig zusammengerolltem Stockschirm gegen die modernen Zeiten angeht. Diese sind ihr grundsätzlich zu schmuddelig, zu hektisch und zu sittenlos. Ihre darob anwachsenden Aggressionen baut sie am besten beim nachmittäglichen Kaffeekränzchen mit Gleichgesinnten ab, bei dem sie mit spitzer Gabel ein großes Stück Buttercremetorte vernichtet. Natürlich ohne den Hut abzusetzen.Die "Wilmersdorfer Witwe" kann selbstverständlich auch aus Zehlendorf, Charlottenburg, Dahlem, Lichterfelde, Grunewald oder Steglitz kommen; auf jeden Fall aber ist sie ein typisches West-Berliner Phänomen eine wohlsituierte Dame, deren Verflossener einst auf einem einträglichen Posten saß. Das beschert ihr, der Frau Doktor oder Frau Direktor, heute eine erstklassige Immobilie und eine einträgliche Rente und sichert ihr deshalb, trotz fortgesetzter Bärbeißigkeit, das Wohlwollen so unterschiedlicher Parteien wie Pfarrer und Privatarzt.Es handelt sich bei diesem Exemplar im wesentlichen um eine immer etwas strafend blickende ältere Dame. Der ohnehin im Berliner schlummernde Mißmut, diese latente Lust am Nörgeln bricht sich bei ihr immer dann Bahn, wenn keins der vergötterten Enkelkinder in der Nähe ist. In der U-Bahn wischt sie etwa gern einmal mit dem Taschentuch selbstverständlich aus Stoff! über die Bank, bevor sie sich setzt und wieder einmal des kulturellen und moralischen Verfalls ringsum gewahr wird. Sie führt stets ein zusammenklappbares Sitzpolster mit sich, weil sie schon wieder ahnt, wie hart die Kirchenbänke sind. Und sie hat auch immer eine faltbare Regenhaube dabei. Sie ist patent und praktisch auf unerträgliche Weise, weil sie es jeden spüren läßt, daß nur sie selbst es sich rechtzumachen versteht. Alle dazu nötigen Accessoires verwahrt sie in einer geräumigen schwarzen Handtasche mit Knipsverschluß, die an sich schon eine wirksame Nahkampfwaffe darstellt wäre da nicht noch das Fläschchen "Echt Kölnisch Wasser", dessen Geruch jeden unter 50 sofort narkotisiert. (cab.)Mit diesem Lexikon geben wir allen Neu-Berlinern und solchen, die es werden wollen, eine Orientierungshilfe durch den (Sprach-)Alltag der neuen Hauptstadt. Die Rubrik erscheint jeden Freitag und Montag.