Es ist eine Eigentümlichkeit des Erwachsenen, daß er sich manchmal zurücksehnt nach dem Kind in sich selbst. Beim Lesen etwa von Otfried Preußlers Buch "Krabat", dem eine sorbische Sage zugrunde liegt, versinkt man in einem märchenhaften Reich. Man wünschte sich, daß die Kraft des Zaubers zurückkäme in die so schrecklich vernünftige Erwachsenenwelt. Und nur zu gerne wäre man selbst Krabat, der durch die Liebe einer jungen Frau, der Kantorka, aus den Klauen und der Macht des scheinbar unbezwingbaren Meisters befreit wurde.Die sorbische VorlageDeswegen freuten wir uns, als bekannt wurde, daß der Krabat-Stoff an der Neuköllner Oper vertont werden würde zu einer "schwarzen Zauberoper". Und grämten uns auch nicht, als weiter bekannt wurde, daß sich der Hausregisseur und frisch gekürte Intendant Peter Lund bei der Abfassung des Librettos weniger auf Preußlers wunderbaren Text als auf die ursprünglichen, seit dem 18. Jahrhundert mündlich wie schriftlich überlieferten Quellen bezog, in denen die Kantorka von Preußler fehlt: auf die "Legende vom Krabat".Darin erzählt wird die Geschichte eines jungen, ehrgeizigen Müllersburschen, dessen wechselvoller Lebensweg, Geburt, die Lehrjahre in der schwarzen Zaubermühle, die Türkenkriege, in denen Krabat zu Ruhm und Ehre gelangt, die Zeit am kurfürstlich sächsischen Hof Augusts des Starken, das scheinbar glückliche, friedliche Ende.Weil die ganze "moderne Volksoper", zu der Winfried Radeke die Musik komponierte, über vier Stunden lang dauerte, entschloß sich die Neuköllner Oper zu einer Aufspaltung in Lehr- und Wanderjahre des Krabat. Der erste Abend erhielt den Titel "Die Rote Dame", der zweite Abend wurde "König und Narr" genannt. Sollte nun werden eine unterhaltende und spannende Parabel über das faustisch-Peer-Gyntische Grundproblem des Menschen: die Suche nach dem Glück. Wurde es aber nicht.Am Bühnenbild von Birgit Remuss liegt es nicht. Das ist schlicht und doch einfallsreich, führt die Akteure nah an den Zuschauer heran und läßt ihnen zugleich viel Handlungsspielraum, hat sogar einige Zauber-Tricks parat. Es liegt auch nicht an den Kostümen von Heide Schiffer-El Fouly. Man sieht, die Proletarier früherer Jahrhunderte trugen keinen Overall, sondern Fell und Lappen, Lumpen und schweres Gegürt, sie waren ja beinahe noch nackig, und sie waren verdreckt bis zu den Haarwurzeln. Nur die alles beherrschende, über das Schicksal der Erdenbürger wachende Rote Dame tritt im mondänen roten Partykleid hervor, mit hochgetürmten roten Haaren, grell geschminkt.Daß wir uns zwei Abende, viereinviertel lange, lange Stunden grämen und immer wieder den Blick zur Uhr suchen, liegt nicht einmal an der Regie von Peter Lund, die den Figuren individuelles Sein gestattet, sie aber nie allein, hilflos läßt, und die mit sparsamen Mitteln so manch schönes, phantasievolles Bild erfindet. Das Libretto und die Musik sind es, die die Zeit nicht ausfüllen können. Der "holzgeschnitzte" Text kann sich nicht entscheiden zwischen kind- und/oder erwachsenengerechtem (Volks-)Märchen und brechtisch-moralischem Lehrstück; die Musik, vom bläserlastigen Orchester der Neuköllner Oper passabel gespielt, weiß nicht, ob sie modern oder nicht modern sein will, anrührend oder kopflastig, melodiös oder rhythmisch-perkussiv.Momente der SehnsuchtDazwischen verliert sich die Suche Krabats (Michael Hoffmann) nach dem irdischen Glück. Verlieren auch Anders (Andreas Joksch), der Meister (Dietr Podzus), die Mutter (Linda Naumann), Sultan/Jakob (Thomas Bossen), Michel/Spielmann (Wolfgang Kramer) und die anderen Müller-Gesellen ihre Konturen. Verliert die Handlung mehr und mehr von ihrem anfänglichen Zauber, verlieren wir die Hoffnung, daß noch etwas Preußlerisches geschehn könnte. Einzig die Auftritte der Roten Dame (Susanne Serfling) und des Blöden Otto (Hartmut Kühn) versöhnen uns für Augenblicke. Nicht nur, weil sie sängerisch herausragen, sondern vor allem, weil uns da zweierlei Sehnsucht packt: nach dem Eros und nach dem Kindlichen.Weitere Aufführungen: "Die Rote Dame": 11., 17., 18., 28., 29. 12., 20 Uhr;"König und Narr": 12., 19., 26., 30. 12., 20 Uhr; im Doppelpack: 13., 20., 27. 12., 18 und 21 Uhr.