Berlin - Der Protest hat ordentlich PS. Vorneweg rollen hupend etwa 70 Trecker und Transporter durchs Regierungsviertel. Transparente hängen an ihnen: "Antibiotika in Megaställen – wir haben es satt", steht darauf, oder "Bürger (w)ehrt euch, kauft beim Bauern". Hinter den Fahrzeugen laufen Tausende Demonstranten durch die Kälte: Umwelt-, Tier-, Verbraucherschützer, Menschen jeden Alters.

Viele tragen Plüschkostüme. Sie haben sich als Kühe, Schweine oder Hühner verkleidet. Viele Demonstranten halten Plakate hoch: "Keine Gentechnik auf unseren Tellern" und "Tiere sind Lebewesen, keine Lebensmittel", ist hier zu lesen.

Rund 25.000 Teilnehmer zählen die Veranstalter der Demonstration für eine andere Agrarpolitik am Sonnabend. Die Polizei macht dazu keine Angaben. Unter dem Motto "Wir haben es satt" hatte ein Bündnis aus 35 Organisationen, darunter die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft und der Bund Naturschutz (Bund), zum Protestmarsch vom Hauptbahnhof zum Kanzleramt aufgerufen.

Anlass ist wieder die Grüne Woche. Schon in den vergangenen beiden Jahren gab es große Demos. Auch dieses Mal fordern die Teilnehmer eine andere Förderpolitik – zugunsten einer bäuerlich-nachhaltigen Landwirtschaft und eine Abkehr von der agrarindustriellen Produktion.

Demonstranten aus der ganzen Republik

Viele Demonstranten sind aus der ganzen Bundesrepublik angereist. Mit dem Zug, aber auch mit 65 eigens eingesetzte Bussen, sagt Reinhild Benning, Agrarexpertin des Bund. Sie steht an der Reinhardt- Ecke Luisenstraße, wo sich der Demonstrationszug vorbeiwälzt. Dass so viele Menschen gekommen sind, sei toll – und wichtig. Denn schon Anfang Februar stünden in der Europäischen Union wichtige finanzielle Entscheidungen an. "Dann könnte es sein, dass beim Ökolandbau gekürzt wird."

Mittlerweile seien überall in Deutschland Menschen von Massentierhaltung und Pestizideinsatz betroffen, sagt Reinhild Benning. Die Demonstration spiegelt das wider. Gegner einer Riesen-Schweinemastanlage in Hassleben (Uckermark) halten Transparente hoch.

Sehr viele Imker laufen mit, viele in weißer Schutzkleidung und mit Imkerhut. "Die modernen Spritzmittel sind absolut tödlich für Bienen", sagt Heiner Meier (63) und erinnert an das große Bienensterben 2008 im Rheintal.

Auch Thomas Kurz hat seine eigene Erfahrung mit moderner Industrielandwirtschaft. Der 70-Jährige kommt aus einem Ort bei Pinneberg. "Bei uns steht eine Anlage mit 1.500 Kühen – und die soll noch erweitert werden", sagt er. "Und das in einem Ort mit gerade mal 300 Einwohnern." Kurz und sein 13 Jahre alter Enkel Moritz haben sich als Kühe verkleidet. Sie sehen lustig aus, aber die Sache ist ihnen ernst.

Es geht um 300 Milliarden Euro

"Tierquälerei? Wir haben es satt", ruft eine Gruppe, die hinter einem Sattelschlepper mit einem riesigen Gummibrathuhn herläuft. Etwas entfernt davon steht Frank Brune (47), Bauleiter aus Pankow. Er hat eine Mütze in Form eines Schweinekopfes aufgesetzt und hält ein Schild hoch: "Lass die Sau raus." Es sei ein Skandal, dass Auslaufhaltung in der Mast gar nicht vorgesehen sei, sagt er.

Tiermedizin-Studenten aus München erzählen, vieles, was sie in ihrer Ausbildung in der Massentierhaltung erlebten, sei schockierend – vor allem, wie wenig Platz die Tiere hätten. Einer von ihnen, der 22-jährige Gabor Weishaupt, sagt: "Für Kaninchen gibt es nicht mal eine entsprechende Verordnung."

Bei eisiger Kälte zieht die Demonstration langsam vom Hauptbahnhof über die Reinhardt-, Friedrich- und Dorotheenstraße zur Abschlusskundgebung am Kanzleramt. "Frau Merkel, hier stehen doch nicht verrückte Wutbürger", ruft Maria Heubuch von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft vom Podium. "Hier stehen Tausende, die die Auswirkungen Ihrer Politik satt haben."

Hubert Weiger vom Bund betont, 2013 sei ein entscheidendes Jahr, weil die Europäische Union Änderungen in der Agrarpolitik plane. Es gehe um rund 300 Milliarden Euro, die in den nächsten Jahren verteilt würden. "Deshalb müssen wir uns einmischen. Wir haben es satt, dass diejenigen das meiste Geld bekommen, die am meisten Flächen haben."

Damit spricht er Volker Voigt aus dem Herzen. Der 44-Jährige ist mit seinem alten Fendt-Traktor bei der Demo mitgefahren. Er betreibt einen Biohof in Thüringen. In der 13. Generation sei er Bauer, sagt Voigt. Aber immer mehr kleinere Höfe müssten aufgeben. Voigt hat vier Kinder. Es wäre schön, sagt er, wenn auch die 14. Generation ihr Auskommen als Bauern hätte.