Stellen wir uns eine einfache Frage: Wie soll man leben? Im ersten Buch von Platons "Staat" wirft Sokrates sie so auf, dass dieses "soll" nicht in einem speziell moralischen Sinne gemeint ist. Platon benutzt sonst auch die Formulierung "wie ist es gut zu leben" und lässt dabei offen, wie das "gut" zu verstehen ist. Er glaubt lediglich voraussetzen zu dürfen, dass jeder Mensch ein grundlegendes Interesse daran hat, gut zu leben. Dieses Interesse hängt mit einer Eigenschaft allen menschlichen Verstehens zusammen: Dass dieses offen ist und also hinterfragt werden kann. Wir sind, sagt deshalb Ernst Tugendhat, im Gegensatz zu andere Spezies "nicht fest verdrahtet". Und wenn alles menschliche Verstehen von der Art ist, dass es sich selbst in Frage stellen kann, heißt das auch, sich fragen zu können, wie man leben soll. Platon hat also, meint Tugendhat, nicht irgendeine, sondern die philosophische Grundfrage schlechthin gestellt. Ist es aber so, dann gibt es auch eine Antwort auf die Frage "warum philosophieren?", denn nach dem guten Leben zu fragen, hat eine offensichtliche Motivation - wir wollen es alle.Ernst Tugendhat entwickelt diesen Gedanken im zweiten Kapitel seines Buches "Anthropologie statt Metaphysik". Vor drei Jahren ist es erstmals erschienen, zu seinem 80. Geburtstag ist es jetzt bei C.H. Beck in einer erweiterten Auflage herausgekommen. Es ist dies eine Aufsatzsammlung, die in bester Weise demonstriert, was Tugendhat unter Philosophieren begreift: "Wer überlegt, fragt nach Gründen", schreibt er hier. Und nach Gründen zu fragen, bedeutet für Tugendhat zunächst immer, die Struktur des menschlichen Verstehens zu analysieren. Seine 1979 unter dem Titel "Selbstbewusstsein und Selbstbestimmung" herausgekommenen Vorlesungen sind entsprechend "sprachanalytische Interpretationen". Bereits die drei Jahre zuvor erschienene "Vorlesung zur Einführung in die sprachanalytische Philosophie" hatte von der Sprachanalyse als "Fundamentaldisziplin" gesprochen. In "Anthropologie statt Metaphysik" wendet Tugendhat allerdings gegen sich selbst ein, dass sich das Verstehen offenbar nicht auf das Sprachverstehen reduzieren lässt. Zu verstehen gelte es auch das, was er die "allgemein-anthropologische Struktur" nennt, zu beantworten ist folglich die Frage, "was allgemein menschliches Sein von anderen Tieren unterscheidet".Mit dem Hinweis auf das Sprachvermögen ist sie nur ungenügend beantwortet. Denn für uns als "rationale Reflektierer" ist es eben bezeichnend, dass wir nach uns und unserem Leben überhaupt zu fragen vermögen. In der traditionellen Philosophie, bei Platon etwa, wurde sie durch die Orientierung an etwas Übernatürlichem beantwortet; die Metaphysik stieg zur "ersten Disziplin" der Philosophie auf. Heute aber, da vielen diese Orientierung nicht mehr einleuchtet, ist laut Tugendhat die philosophische Anthropologie die "Erbin der Metaphysik". Und jede Anthropologie, so seine Pointe, ist immer am guten Leben interessiert: "Vor dieser Frage, wie es gut ist zu leben, stehen wir wirklich, und sie stellt sich für uns heute, genauso wie einst für Sokrates."Kein GründlerMit dieser Erweiterung der Sprachanalyse um die anthropologische Dimension tut Tugendhat etwas, was in Deutschland Seltenheitswert hat: Er verbindet die angloamerikanische Tradition der Analytischen Philosophie mit der Phänomenologie und Hermeneutik. Wie fruchtbar dieser Brückenschlag ist, zeigen nicht zuletzt seine einflussreichen, viel diskutierten "Vorlesungen über Ethik" - Tugendhat untersucht sehr genau, was es heißt, von "gut" und "schlecht" zu sprechen. Und nie ist er dabei ein raunender Gründler, immer schreibt und denkt er in bewundernswerter Klarheit.Als fruchtbar erweist sich hierbei auch seine grundlegende philosophische Haltung des Selbst-Bezweifelns, die er mit seinen Überlegungen zur "intellektuellen Redlichkeit" wiederholt thematisiert hat. Im Selbstdialog mit früheren Schriften wie "Egozentrik und Mystik" versucht er, "Klarheit über sich selbst" zu erlangen, also Rechenschaft darüber abzugeben, was er "in Wahrheit" denkt (und glaubt).Dieses Redlichkeitsgebot ist für Tugendhat die alles entscheidende Einstellung des Philosophierens; es ist Haltung der "Offenheit dafür, dass die eigenen Meinungen sich als falsch, einseitig oder unklar erweisen können". Solche Offenheit ist unter Philosophen nach wie vor keine Selbstverständlichkeit, obwohl sie es war, mit der die abendländische Philosophie bei Platon ihren ersten, wegweisenden Höhepunkt fand. Und ihr Mangel produziert jenes philosophische, sprachlich und gedanklich unsaubere Geschwätz, gegen das Tugendhat seine genauen und ungemein lehrreichen Analysen setzt. Er ist der Präzisionsmeister unter den deutschen Philosophen, ein selbstehrlicher, unprätentiöser und erstaunlich eitelkeitsfreier Denker.Sein Hang zum Pessimismus, den jüngst der Berliner Philosoph Olaf L. Müller (in der Zeitschrift für philosophische Forschung, Heft 1, 2009) in Bezug auf "Anthropologie statt Metaphysik" kritisiert hat, ist dabei wohl eine Folge seiner Ansicht, dass sich nur unter optimalen (Ausnahme)Bedingungen der egozentrische Zug des Menschen und sein Bedürfnis nach Mystik, nach Seelenfrieden, wie er sagt, die Waage halten. Dies anzuerkennen ist für Tugendhat allerdings Voraussetzung für ein intellektuell redliches Philosophieren: Philosophen haben es nie nur mit der Aufklärung von Worten, sondern von "zentralen anthropologischen Haltungen und Einstellungen" zu tun.Zur Philosophie gekommen ist Tugendhat durch Martin Heidegger - die Mutter gab dem 15-Jährigen "Sein und Zeit" zu lesen. Als Sohn wohlhabender Juden in Brünn geboren, emigrierte er als Kind 1938 erst in die Schweiz und 1941 nach Venezuela. In Stanford begann er zu studieren, in Freiburg setzte er das Studium von Philosophie und alten Sprachen fort. Er blieb in Deutschland, wurde Professor in Heidelberg und Mitarbeiter am Starnberger Max-Planck-Institut. Bis 1992 war er für 22 Jahre Philosophieprofessor an der FU Berlin, fühlte sich allerdings immer auch als Fremder in Deutschland - nach seiner Emeritierung ging er für sieben Jahre nach Chile; heute lebt er, vor allem der Bibliotheken wegen, in Tübingen.Die Zeit des Philosophierens, hat er vor drei Jahren gesagt, sei für ihn jetzt vorbei. Nie vorbei war für ihn aber das politische Engagement, das sich gerade auch aus seinem Philosophieren ergibt. Entschieden ist er immer wieder für die Friedensbewegung eingetreten, im Vorstand des Berliner Arbeitskreises "Atomwaffenfreies Europa" und der "Gesellschaft für bedrohte Völker" hat er entscheidend mitgearbeitet. Die 50 000 Euro Preisgeld für den 2005 verliehenen Meister-Eckhart-Preis hat er an eine Schule in Palästina gespendet. Wie man leben und entsprechend handeln soll, war für Tugendhat eben nie nur eine theoretische Frage. Soll sie aber praktische Folgen haben, muss man genau verstanden haben, wonach man dabei fragt. Es ist das, was man bei Tugendhat lernen kann. Heute wird er 80 Jahre alt.------------------------------Foto: Ein Meister der intellektuellen Redlichkeit: Ernst Tugendhat, geboren am 8. März 1930 in Brünn.

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