Sicherer Rückzugsort: Auf Frégate urlauben Menschen, die die Abgeschiedenheit schätzen.
Foto: Win Schumacher

FrégateBalthasar müsste man sein. Den ganzen Tag nichts anderes tun, als im Schatten von Kokospalmen träge auf das Türkisblau des Indischen Ozeans blicken. Die Pandemie einfach Pandemie sein lassen. Angst vor schwerer Krankheit, dem Tod? Hat man mit 150 Jahren irgendwann hinter sich gelassen. Was kümmert eine Aldabra-Riesenschildkröte auf einem weltabgeschiedenen Eiland schon Corona? Balthasar tut einfach das, was er seit seiner Geburt Tag für Tag tut: Er schiebt seinen inzwischen 200 Kilogramm schweren Panzer über seine Seychellen-Insel.

Grafik: BLZ/Galanty

Um Balthasar und seine mehr als 3500 Artgenossen auf der Insel Frégate kümmert sich heute Anna Zora. Die Meeresbiologin lebt seit 13 Jahren auf dem Eiland vor der Ostküste Afrikas. „Das hier ist mein Zuhause“, sagt die 37-Jährige. Nachdem Mitte März die ersten beiden Covid-19-Fälle auf den Seychellen nachgewiesen wurden und wenig später das Land für Touristen geschlossen wurde, konnten Zora und ihr Mann Hilton Hastings, der Hotelmanager der Insel, Frégate nicht mehr verlassen. „Ich habe Familie im Norden Italiens“, sagt Zora, „am Anfang wollte ich einfach nur wissen, ob es ihnen gut geht, aber wir hätte ohnehin nirgendwohin reisen können.“ Mit ihren beiden sechs und sieben Jahre alten Töchtern musste das Paar auf der Insel bleiben.

Die letzten Gäste hatten Frégate noch rechtzeitig verlassen, bevor der Flughafen für mehr als zwei Monate geschlossen wurde. Nur wenig später nahm die Privatinsel die Besatzung einer Megayacht auf. Die belgischen Touristen konnten auf der Hauptinsel nicht an Land gehen und mieteten sich bis zum Ende des Lockdowns in zwei der Gästevillen ein.

Die Meeresbiologin Anna Zora kümmert sich um Schildkröten auf der Insel.
Foto: Win Schumacher

„Wir hatten unglaubliches Glück“, sagt Hastings. „Wir waren das einzige offene Hotel auf den Seychellen.“ Das Luxusresort verfügt nur über 17 Villen. Schon in Vor-Corona-Zeiten hatte sich die Insel einen Ruf als Rückzugsort für schwerreiche Urlauber erworben, denen kaum etwas wichtiger ist als Privatsphäre. Isolation – oder im Hochglanzkatalog-Jargon: „Weltabgeschiedenheit im Paradies“ – hat auf Frégate seinen Preis. Mehr als 4000 Euro zahlen Gäste hier pro Nacht. Bill und Melinda Gates, Claudia Schiffer, Pierce Brosnan und Paul McCartney sollen sich hier erholt haben. Bestätigen wird einem deren Aufenthalt auf Frégate jedoch niemand. Über die illustre Gästeliste herrscht strengstes Stillschweigen.

„Wir haben eine große Nachfrage“, sagt Hastings. Die ersten Neuankömmlinge sind bereits im Juni auf der Insel angekommen. Zu den Resorts, die wie Frégate bereits im Juni wieder Gäste aufnehmen konnten, gehörten die exklusiven Privatinseln Cousine und North Island. Zunächst konnten Urlauber nur in Privatjets einreisen. Damit erhoffte sich die Regierung maximalen wirtschaftlichen Nutzen bei gleichzeitig minimiertem Risiko für neu eingeschleppte Coronafälle. Seit August haben verschiedene Fluggesellschaften auch wieder Linienflüge nach Mahé aufgenommen.

Die Seychellen sind bisher glimpflich durch die Pandemie gekommen – im Vergleich etwa zu den Malediven, wo insgesamt fast 11.000 Covid-19-Fälle verzeichnet wurden, waren es auf den Seychellen bisher weniger als 150 Fälle. Tote gab es bisher nicht. Unter Auflagen können die Seychellen nun auch wieder bereist werden. Voraussetzung ist unter anderem ein negativer Corona-Test, der nicht älter als 72 Stunden sein darf. Das Robert-Koch-Institut stuft das Land seit dem 23. September als eines von nur wenigen Fernreisezielen weltweit nicht mehr als Risikoland ein. Die Reisewarnung des Auswärtigen Amts wurde am 1. Oktober aufgehoben.

„Die Leute sind auf der Suche nach sicheren Orten, wo sie sich zurückziehen können“, sagt Hastings. Weltweit scheinen Luxushotels und exklusive Privatinseln sich schneller von der Krise zu erholen als andere Branchen des Tourismus – solange sie für ihre wohlhabende Kundschaft erreichbar bleiben. Gleichzeitig scheinen exklusive Naturreiseziele jetzt noch gefragter als luxuriöse Herbergen in den einst begehrten Metropolen des Jetsets.

Frégate engagiert sich seit mehr als 40 Jahren für den Erhalt der ökologischen Vielfalt auf den Seychellen und gilt heute als Vorzeigeprojekt für die Umwandlung von Privatinseln in Ökoresorts. Lange vor Anna Zora setzten sich hier Meeresbiologen und Zoologen für die einzigartige Tierwelt der Insel ein.

Einer von vielen seltenen Vögeln auf Frégate: der Seychellendajal.
Foto: Win Schumacher

Anna Zora bricht regelmäßig auf, um die Strände nach frischen Spuren von Meeresschildkröten abzusuchen, die zu Dutzenden die Insel zur Eiablage aufsuchen. Die Biologin berichtet von seltenen Vogelarten wie dem Seychellendajal oder dem graugrünen Mahé-Brillenvogel, die am Rande der Ausrottung standen und hier nur dank eines engagierten Artenschutzprogramms überlebten. „Frégate ist anderen Inseln, die gerade erst mit der Renaturierung beginnen, um viele Jahre voraus“, sagt Zora.

Auf dem Eiland wurde bereits Ende der 70er-Jahre damit begonnen, das einstige Ökosystem mit seiner ganzen biologischen Vielfalt wieder herzustellen. Nach und nach ließ man die Kokospalmen der ehemaligen Plantage durch eine Vielzahl an einheimischen Bäumen ersetzen. Eingeschleppte Ratten und Katzen wurden ausgemerzt.

Ein Ausflug in den Urwald im Inselinneren erscheint einem heute wie eine Zeitreise nach Gondwanaland. Die Luftwurzeln von riesigen Banyanbäumen greifen ins Halbdunkel, durch das fette Skinke und Geckos huschen. Flughunde gleiten vorbei wie kleine Saurier mit ausgebreiteten Schwingen. Im Unterholz des Dschungels stöbert Zora Bewohner auf, die den meisten Besuchern der Insel verborgen bleiben. Die riesige Geißelspinne etwa oder der Frégate-Riesenkäfer kommen fast nur noch auf dieser Insel vor.

Als Zora am längsten Strand der Insel ankommt, gräbt gerade eine Karettschildkröte ein Loch für ihre Eier. Die Meeresbiologin misst die Länge ihres Panzers und erfasst die Breite der Spur. Als die Schildkröte sich auf den Rückweg über den Strand macht und flugs ins Meer verschwindet, sieht ihr die Biologin noch einen Moment lang nach. In etwa zwei Monaten werden die kleinen Schildkröten schlüpfen und ihrer Mutter in den Indischen Ozean folgen. Nur wenige werden bis zum Erwachsenenalter überleben. Vielleicht wird nur eine einzige von mehr als 100 Schlüpflingen zu ihrem Geburtsort unter den Kokospalmen zurückkehren. Vielleicht schiebt dann noch immer eine träge Riesenschildkröte namens Balthasar ihren schweren Panzer über Frégate.