Konzern-Mitarbeiter mit Trillerpfeifen und gelben Warnwesten: Sie fordern einen fairen Sozialplan von Marlboro-Hersteller Philip Morris.
Foto: Markus Wächter/ Berliner Zeitung

Berlin-TreptowDie Mitarbeiter der Philip-Morris-Zigarettenfabrik stehen in gelben Westen vor dem Werksgelände in der Neuköllnischen Allee. Der Lärm von vielen hundert Trillerpfeifen ist ohrenbetäubend. Die Beschäftigten der Berliner Niederlassung des US-amerikanischen Tabakkonzerns halten an diesem Freitag eine Mahnwache ab.

Sie machen ihrem Ärger über den Abbau von 950 Arbeitsplätzen Luft. Philip Morris will zum Jahreswechsel die Zigarettenproduktion in Berlin nach 47 Jahren einstellen. Nun kämpfen Mitarbeiter und Betriebsrat um einen fairen Sozialplan.

Die Verkündung des Personalabbaus war im Mai dieses Jahres aus heiterem Himmel gekommen. Viele Mitarbeiter hatten geglaubt, beim weltweit größten privaten Tabakhersteller sichere Jobs bis zur Rente zu haben. „Ich arbeite seit 34 Jahren in dieser Fabrik“, sagt Larsen Herzog, 56, Schichtleiter in der Filterherstellung.

Nicht nur die Jobs bei Philip-Morris sind bedroht

Er empfindet den Personalabbau, der mehr als 90 Prozent der Beschäftigten trifft, als Respektlosigkeit. „Die Belegschaft hat jahrzehntelang hart gearbeitet und für den Konzern viel Geld erwirtschaftet“, sagt er. Nun würden viele Kollegen in einem Alter entlassen, in dem man meist keine neue Stelle mehr finde.

Ein junger Mitarbeiter hat seine Frau und im Kinderwagen sein drei Monate altes Baby zur Mahnwache mitgebracht. Er stellt sich als Robert, 33, vor und möchte seinen Nachnamen zum Schutz der Familie lieber nicht sagen. Für den Maschineneinrichter aus Großziethen kommt der Stellenabbau zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. „Ich habe gerade ein Haus gekauft und eine Familie gegründet“, sagt er. Doch nun wisse er nicht, wie er nächstes Jahr Geld verdienen solle. Seine Frau, die für einen externen Personaldienstleister von Philip Morris tätig sei, werde im schlimmsten Fall auch arbeitslos.

Bei der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) heißt es, dass nicht nur die 950 Philip-Morris-Beschäftigten ihre Stellen verlieren könnten, sondern insgesamt 1300 Berliner Arbeitnehmer. „Man muss zum Beispiel Zulieferer, Reinigungs- und Kantinenpersonal mitrechnen“, sagte Gewerkschaftssekretärin Birgit Weiland am Freitag auf Anfrage.

Das Ziel aller Arbeitnehmervertreter sei es nun, in den Verhandlungen möglichst gute Sozialpläne durchzusetzen. Die Beschäftigten müssten Planungssicherheit für die nähere Zukunft haben. Das bisherige Angebot von Philip Morris sei unzureichend. „Die Gespräche zeigen, dass es der Arbeitgeberseite leider nur ums Geld geht“, bekräftigte der vom Philip-Morris-Betriebsrat beauftragte Wirtschaftsprüfer, Nikolai Laßmann.

Philip Morris setzt jetzt auf Herstellung von rauchfreien Alternativen

Der Tabakkonzern begründet den Personalabbau, an dessen Ende nur noch rund 80 Beschäftige im Berliner Werk verbleiben sollen, mit dem deutlichen Rückgang der Nachfrage nach Zigaretten. „Die Veränderung des Konsumentenverhaltens erfordert eine deutliche Reduzierung der Produktionskapazitäten“, so Mark Johnson-Hill, Vice President EU Manufacturing.

Bei Philip Morris setze man nun auf die Entwicklung und Produktion von rauchfreien Alternativen, wie zum Beispiel sogenannten Heets, bei denen Tabak nur noch erhitzt und nicht mehr verbrannt wird.

Betriebsratschefin Petra Selchow hatte gehofft, dass neue Produkte wie der Tabakverdampfer „Iqos“ in Zukunft in Berlin hergestellt würden. „Aber offensichtlich setzt man im Konzern darauf, dass die Produktion im Ausland billiger ist als in Deutschland“, so Selchow. Die Berliner Beschäftigten von Philip Morris wollen ihre Mahnwache nun fortsetzen.