Abgehängt: Mercedes-Werk in Ludwigsfelde verliert Transporter-Produktion

Mercedes will Elektro-Vans künftig zusammen mit dem US-Start-up Rivian bauen. Für die Beschäftigten des Sprinter-Werks bei Berlin ist das ein folgenreicher Plan.  

Die nächste Generation E-Sprinter bei der Wintererprobung zu Jahresbeginn
Die nächste Generation E-Sprinter bei der Wintererprobung zu JahresbeginnMercedes-Benz

Eigentlich war es eine gute Nachricht. Vor gut einer Woche hatten Mercedes und der US-Elektroauto-Hersteller Rivian den Beginn einer Kooperation verkündet. Eine gute Nachricht, weil es nicht um Schließung, Verlagerung und Ende ging, sondern um Neubau und Investition. „Wir wollen die Elektrifizierung des Van-Markts mit nachhaltigen und technologisch überlegenen Produkten vorantreiben“, sagte Mathias Geisen, Chef der Van-Sparte von Mercedes.

Tatsächlich wollen beide Unternehmen Elektro-Transporter künftig gemeinsam bauen. Dafür ist eine gemeinsame Fabrik geplant. Wo genau sie entstehen wird, sagt man nicht. Noch ist nur von einem „Standort in Mittel-/Osteuropa“ die Rede. Dort will einerseits das 2009 gegründete Unternehmen Rivian aus Plymouth im US-Staat Michigan einen eigenen Strom-Van fertigen. Parallel soll in dem neuen deutsch-amerikanischen Werk auch die dritte Generation des E-Sprinters vom Band rollen.

Im kaum zehn Kilometer von der südlichen Berliner Stadtgrenze entfernten Ludwigsfelde, wo seit Jahren Sprinter gebaut werden, brachte die Nachricht von der Partnerschaft indes die Seele der Belegschaft an den Siedepunkt. Denn die hat schnell erkannt, dass ihr Werk in den Konzernplanungen für den neuen vollelektrischen Mercedes-Transporter nicht mehr vorkommt. Dabei haben dort viele fest mit dem neuen Modell gerechnet. Allein in den Entwicklungsbereichen des Werks wird seit mehr als zwei Jahren am neuen E-Sprinter gearbeitet.

In Ludwigsfelde sind derzeit etwa 2200 Mitarbeiter beschäftigt. Sie fertigen im Drei-Schicht-System den Sprinter mit Verbrennungsmotoren. Während die geschlossenen Kastenwagen-Modelle im Düsseldorfer Werk produziert werden, kommen aus Ludwigsfelde alle anderen Varianten vom Pritschenwagen für Bauunternehmen bis zu solchen mit boxenartigen Aufbauten, wie sie Paketzusteller, Rettungsdienste und Krankentransporte einsetzen. 60.000 Fahrzeuge rollen jährlich in Ludwigsfelde vom Band.

Zuletzt 50 Millionen Euro in Ludwigsfelde investiert

Darüber hinaus gibt es bereits seit 2019 einen E-Sprinter. Der wird bislang allerdings nur in Düsseldorf gebaut, da es das Modell nur als Kastenwagen gibt. Die sogenannten offenen Versionen sollen im nächsten Jahr folgen und werden dann ebenfalls aus Ludwigsfelde kommen. 50 Millionen Euro hat Mercedes eigenen Angaben zufolge dafür in das brandenburgische Werk investiert. In der Stuttgarter Konzernzentrale geht man davon aus, dass die Nachfrage „bis zum Ende des Jahrzehnts eine hohe Auslastung sicherstellt“.

Was danach kommt, ist allerdings offen. Denn die neuen Pläne mit Rivian sehen vor, dass die Kastenversionen des nächsten Elektro-Sprinters, der „Mitte des Jahrzehnts“ serienreif sein soll, im neuen Werk in Osteuropa gebaut werden. Die offenen Versionen, auf die sich die Ludwigsfelder in den vergangenen Jahren spezialisiert haben, sollen indes aus dem Düsseldorfer Mercedes-Werk kommen, das darauf für 400 Millionen Euro vorbereitet wird. Folglich bleibt für Ludwigsfelde nichts.

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Getty/Kevin Dietsch
Der E-Auto-Hersteller Rivian ...
... wurde 2009 von dem heute 39-jährigen Robert Scaringe gegründet. In den USA betreibt das Unternehmen bereits ein Werk in Illinois, bis 2025 soll eine weitere Fabrik in den USA entstehen. An Rivian beteiligt ist auch der Lieferdienst Amazon, der der hoch verschuldeten Firma einen Großauftrag über 100.000 E-Lieferwagen sicherte. Bis 2030 will Rivian über eine Million Elektrofahrzeuge im Jahr fertigen. 

Wenngleich Benz-Mann Geisen trotz der eindeutigen Sachlage feststellt, „wir reden nicht von einer Verlagerung der Produktionskapazität“, räumt er ein, dass für Ludwigsfelde neue Aufgaben gefunden werden müssten. Mercedes wolle als einziger Van-Hersteller weiterhin am Standort Deutschland produzieren, müsse aber sicherstellen, dass „wir bei steigenden Material- und Produktionskosten wettbewerbsfähig bleiben“.

Im Ludwigsfelder Werk herrschten indes Wut und Enttäuschung, heißt es bei der IG Metall. Regionalchef Tobias Kunzmann sagt: „Wenn das Werk seine Fahrzeugproduktion verliert, blutet der Standort nach und nach aus.“ Bei Mercedes verweist man derweil darauf, dass nichts final entschieden sei. Die Gespräche auch mit den Arbeitnehmervertretern würden erst noch beginnen.

Als ein Zukunftsmodell für den Standort wird im Konzern erwogen, das Ludwigsfelder Werk zum „Kompetenzcenter für eVan-Individualisierungen“ zu entwickeln, um das dortige Know-how auf diesem Gebiet zu nutzen. In welchem Umfang damit Beschäftigung gesichert wäre und überhaupt Produktion erhalten bliebe, sei derzeit allerdings völlig offen.