Berlin - Diese Nachricht hatte den Mitarbeitern des Daimler-Werks in Marienfelde gerade noch gefehlt: Ende vergangener Woche teilte der Daimler-Vorstand in Stuttgart mit, dass man gemeinsam mit dem chinesischen Automobilhersteller Geely neue Benzinmotoren entwickeln und bauen werde. Als wir Fevzi Sikar, den stellvertretenden Betriebsratschef im Berliner Werk, per Telefon erreichen, klingt er kurzatmig und ist in Eile. „Jetzt ist die Katze aus dem Sack“, sagt er. „In Daimlers Strategieplanung kommt Berlin nicht mehr vor.“

In dem Werk im Süden Berlins liegen bei den Mitarbeitern die Nerven seit Monaten blank. Viele sind über 50, haben seit Jahrzehnten Motoren gebaut. Kleine für den Smart und ganz große für die Luxuslimousinen von Mercedes. Inzwischen ist die Unsicherheit dort aber so stark konzentriert wie an wenigen Orten dieser Stadt. Dass Motoren, die Diesel oder Benzin verbrennen, nicht zukunftsfähig sind und die Transformation unumgänglich ist, wissen auch die 2500 Beschäftigten in Daimlers ältestem Werk. Nun erfahren sie aber, dass Verbrenner für Daimler offenbar doch nicht tot sind. „Wir sind nicht gegen das Neue, aber wir wollen Fairness“, sagt Sikar.

Wie in den meisten Automobilkonzernen ging auch bei Daimler der Technologiewechsel bislang nur schleppend und mit wenig Engagement voran. Doch seit Corona die Absätze und Gewinne einbrechen ließ, soll auf einmal alles ganz schnell gehen. „Electric first“ lautet plötzlich die Devise, mit der Daimler die Nummer eins in Sachen Elektromobilität werden will. Bis 2030 sollen mehr als die Hälfte der weltweit verkauften Fahrzeuge elektrifiziert und vollelektrisch fahren. Zugleich würden die Investitionen in Verbrennungsmotoren schnell zurückgehen und die Zahl der Varianten um 70 Prozent reduziert werden. Und: Konzernweit sollen 30.000 Stellen gestrichen werden.

Foto: Berliner Zeitung/Jochen Knoblach
Fevzi Sikar arbeitet seit 33 Jahren im Berliner Daimler-Werk.

Dass das Berliner Werk davon massiv betroffen sein könnte, ist mit dem Geely-Deal nun offensichtlich. Den Planungen zufolge sollen in vier Jahren die ersten der neuen Motoren gefertigt werden. Geplant seien einige Hunderttausend Aggregate pro Jahr. Die Motoren sollen auch mit synthetischen Kraftstoffen sowie grünem Wasserstoff betrieben werden und in Fahrzeugen mit Hybridantrieb zum Einsatz kommen können. Außerdem sollen sie nicht nur Fahrzeuge mit Mercedes-Stern bewegen, sondern auch Autos von Volvo. Geely hatte den schwedischen Hersteller 2010 von Ford übernommen.

Für Daimler ist das Unternehmen aus China aber mehr als ein Geschäftspartner. Geely ist auch oder vor allem größter Einzelaktionär beim Stuttgarter Dax-Unternehmen. Dem erst 1986 gegründeten Autobauer gehören 9,7 Prozent der Daimler-Aktien. Bereits zu Jahresbeginn hatte Daimler Entwicklung und Produktion der nächsten und ausschließlich mit Strom fahrenden Smart-Generation an Geely übertragen, wobei die Stuttgarter nur noch für das Design verantwortlich zeichnen werden. Der zukünftige Produktionsstandort des einst von Swatch-Vater Nikolaus Hayek erdachten Kleinwagens wird in jedem Fall in China sein.

Wenngleich die nun angekündigten neuen Verbrennungsmotoren nicht nur in China, sondern auch in Europa gefertigt werden sollen, fürchten die Beschäftigten hierzulande um die Auslastung der Werke. „In den Werken zittern die Beschäftigten und haben Angst um ihre Zukunft. Die Belegschaft in der Verwaltung fühlt sich verstoßen“, heißt es in einer Mitteilung des Gesamtbetriebsratsvorsitzenden Michael Brecht. Im „Handelsblatt“ warf Brecht der Daimler-Führung schlechten Stil vor. Das Management agiere „absolut beratungsresistent“.

Für das Werk in Marienfelde scheint das Ende mit den jüngsten Entscheidungen wahrscheinlicher denn je. Bereits vor neun Wochen hatte die Werksleitung den Arbeitnehmervertretern ein Szenario vorgestellt, nachdem die südlich der Daimlerstraße gelegene Hälfte des Werks verkauft werden solle. Für den verbleibenden Rest sei eine Art Campus vorgesehen. Für Betriebsrat Fevzi Sikar, der selbst seit über 30 Jahren im Marienfelder Daimler-Werk arbeitet, werden die Zusammenhänge „immer klarer“. „Daimler will sich von der Produktion in Berlin verabschieden“, sagt er.

Damit verbunden wären drastische Stellenstreichungen. Bei der Berliner IG Metall befürchtet man, dass von den aktuell 2500 Jobs in Marienfelde am Ende nur noch 500 übrig bleiben könnten. Während für Sikar sowie für die meisten Mitarbeiter damit das Ende des Werks besiegelt wäre, versicherte Werksleiter René Reif noch vor zwei Monaten, dass das Werk nicht geschlossen werde.

Allerdings ist diese Versicherung inzwischen so wenig wert wie ein Gewinnversprechen eines Lottoladenbesitzers. Denn Reif, der seine berufliche Karriere nach dem Studium eben in Daimlers ältestem Werk in Marienfelde begann und 2017 dessen Leitung übernommen hatte, ist nicht mehr an Bord. Vor zwei Wochen quittierte der 57-Jährige seinen Dienst und verließ das Unternehmen „auf eigenen Wunsch“ zum 31. Dezember 2020. Dem Vernehmen nach habe er nicht als der gelten wollen, der das Werk schließt. In jedem Fall wird er in der Region bleiben. Er wird zu Tesla in die Grünheider Gigafactory wechseln. Der Kapitän ist also schon weg.