Neustadt an der Dosse - Sein erstes Windrad war eine Sensation. Es war nur sechs Meter hoch, aber gegen Ende der 1980er-Jahre einmalig in der Gegend um Rheinsberg. Christian Wenger-Rosenau hatte es selbst gebaut und auf dem Bauernhof seiner Eltern aufgestellt. Ein grünes Kleinkraftwerk, in dem sich die Ablehnung des nahen Atomkraftwerks manifestierte und das der Familie zugleich zu klimaneutralem Warm-Wasser aus dem Hahn verhalf. Manchmal, wenn der Wind stark genug war, erinnert sich Wenger-Rosenau, habe der Strom sogar noch für den Haushalt gereicht. „Nicht viel, aber immerhin“, sagt er. Ein Anfang.

Mit der Atomkraft hat sich Christian Wenger-Rosenau, 57 Jahre alt, bis heute nicht angefreundet. Auf einem Feld bei Neustadt an der Dosse im nördlichen Brandenburg lehnt er am Fuß eines Windrades mit der Nummer 16996. Er trägt Jeans, ein blaues Sakko und robuste Schuhe. Hoch über dem Acker mähen mächtige Rotoren langsam, aber wuchtig durch den Himmel. „74 Meter bis zur Rotornabe, 100 bis zur Spitze“, sagt Wenger. Es ist sein Windrad, das hier aus nichts Strom macht. Etwa eine Million Kilowattstunden sind es im Jahr. Genug, um mehr als 300 Haushalte CO2-frei mit Strom versorgen zu können. Feldarbeit 3.0.

Gerd Engelsmann
Christian Wenger-Rosenau hat mit 25 Jahren sein erstes Windrad in Betrieb genommen.

Vor 18 Jahren hat der gebürtige Brandenburger die Anlage in Betrieb genommen. Nun läuft ihre Zeit ab. Wenger-Rosenau, dem noch vier weitere Windkraftanlagen in der Region gehören und der auch an der Anlage einer Bürgerinitiative beteiligt ist, wird demnächst wenigstens drei seiner Windräder abreißen lassen. Nummer 16996 steht ganz oben auf der Liste. Nachdem der Windkraft-Pionier einst 850.000 Euro in den Bau des Windrades investiert hatte und der Kredit erst seit zwei Jahren getilgt ist, muss er nun mit einem fünfstelligen Betrag für den Abriss kalkulieren. Obwohl die Anlage technisch absolut intakt ist und noch Jahre grünen Strom produzieren könnte. Wenger-Rosenau schüttelt den Kopf und lächelt bitter. „Irre.“

Bislang bekam der Windmüller neun Cent für jede Kilowattstunde Strom, die sein Kraftwerk ins Netz speiste. So ist es im sogenannten Erneuerbare-Energien-Gesetz, kurz EEG, festgeschrieben. Mit dem subventionierten Preis soll die Gewinnung von Strom aus Sonne, Wind und Biomasse vorangetrieben werden. Finanziert wird die Förderung über die EEG-Umlage, die auf den Strompreis aufgeschlagen und somit von jedermann gezahlt wird. Seit dem Jahr 2000 ist das so. Allerdings ist die Förderung auf 20 Jahre begrenzt. In zwei Jahren läuft sie auch für 16996 aus.

Im vergangenen Jahr hatten Grünstromerzeuger und Klimaaktivisten noch auf die anstehende Neufassung des EEG gesetzt und sich die Rettung der Förderung für sogenannte Altanlagen erhofft. Doch als das neue Gesetz kurz vor der Weihnachtspause im Bundestag beschlossen wurde, war darin keine verlängerte Förderung für mehr als 20 Jahre alte Anlagen vorgesehen.

Für Wenger-Rosenau bedeutet dies, dass er für den mit seinem Windrad produzierten Strom in zwei Jahren nur noch den Marktpreis bekommt. Der liegt aktuell bei zwei bis drei Cent. Dafür könne er das Rad nicht betreiben, sagt er. Allein, um Wartung, Versicherung und Pacht zahlen zu können, sei ein Preis von sechs bis sieben Cent nötig. Damit bleibt dem einstigen Ökostrom-Rebellen von Rheinsberg nur die Kapitulation. Auch Windrad Nummer 16997, das etwa 200 Meter entfernt steht, wird er demontieren müssen. Ende statt Wende.

Beim Bundesverband Windenergie schätzt man, dass bundesweit mehr als 2500 der aktuell 29.600 Windkraftanlagen vor dem Abriss stehen und eine kaum zu schließende Lücke in den Maschinenpark der Grünstromerzeuger reißen werden. Ist das so?

Bundesregierung rechnet nicht mit steigendem Strombedarf

Nicht, wenn man der Rechnung des Bundeswirtschaftsministeriums glaubt. Dort geht man davon aus, dass der Strombedarf hierzulande in den nächsten Jahren nahezu konstant bleibt, vielleicht sogar etwas zurückgeht.

Allerdings steht das in Sachen EEG federführende Ministerium mit dieser Prognose ziemlich allein da. Allgemein gilt als sicher, dass die umfassende Einführung der Elektromobilität, das Heizen mit Wärmepumpen, die Erzeugung von grünem Wasserstoff und nicht zuletzt neue Serverfarmen im Zuge der Digitalisierung den Strombedarf in diesem Jahrzehnt um wenigstens ein Viertel ansteigen lassen werden.

Im Bundesverkehrsministerium rechnet man mit einem Anstieg um mehr als 30 Prozent, die Deutsche Energieagentur hat sich auf ein Plus von 26 Prozent festgelegt, und auch von den Wirtschaftsweisen wird ein Zuwachs von bis zu 30 Prozent erwartet.

Berliner Zeitung/Jochen Knoblach
Nr. 16996 liefert eine Million Kilowattstunden Strom im Jahr.

Wird also der Ausbau erneuerbarer Energiequellen nicht radikal beschleunigt, geht der Ökostromanteil an der nationalen Stromproduktion ebenso zwangsläufig wie klimaschädlich zurück. Zumal der Bau neuer Windkraftanlagen bereits in den vergangenen Jahren stockte. Während vor fünf Jahren bundesweit noch gut 1600 Anlagen mit einer Gesamtleistung von mehr als 4600 Megawatt errichtet wurden, waren es im vorigen Jahr nur noch 420 Anlagen mit zusammen 1431 Megawatt Leistung.

Für Volker Quaschning ist die Situation völlig absurd. „Wenn jetzt die Windräder der Nullerjahre im großen Stil abgerissen werden, brauchen wir über Klimaschutz in Deutschland nicht mehr zu reden“, sagt der Wissenschaftler.

„Es ist in Deutschland einfacher, eine Munitionsfabrik zu bauen“

Quaschning, 51, ist Professor für Regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Der Campus an der Wilhelminenhofstraße in Schöneweide liegt auf dem ehemaligen AEG-Gelände, von dem aus sich Anfang des vorigen Jahrhunderts maßgeblich die Elektrizitätswirtschaft und die Elektroindustrie in der Stadt entwickelten und Berlin zu Elektropolis wurde. Nur ein paar Hundert Meter von Quaschnings Büro entfernt wurden schon damals Elektroautos gebaut.

„Wir haben viel aufzuholen“, sagt der HTW-Professor. Die von ihm mitinitiierte Bewegung Scientists for Future hat gerade erst einen sehr konkreten Vorschlag zur Begrenzung des globalen Temperaturanstiegs auf 1,5 Grad Celsius formuliert. Eine „Notbremse für den Klimawandel“, die unter anderem den Ausbau der Windenergie um neun Gigawatt pro Jahr vorsieht. „Wir brauchen sechsmal mehr neue Windanlagen als heute und das ab sofort“, sagt Quaschning, fordert dafür die radikale Abkürzung langwieriger Genehmigungsverfahren und beschreibt das wohl grundlegende Dilemma so: „Es ist in Deutschland derzeit einfacher, eine Munitionsfabrik zu bauen als eine neue Windkraftanlage.“

Das Windrad bringt 20.000 Euro im Jahr

Auf vorhandene Anlagen könne nicht verzichtet werden, sagt der Wissenschaftler, stellt aber zugleich die für Wenger-Rosenau so wichtige EEG-Umlage infrage, weil sie Strom teuer macht. „Für die Elektromobilität und die Wärmewende ist das kontraproduktiv“, sagt Volker Quaschning. Er ist dafür, die Umlage zu streichen und stattdessen die fossilen Energieträger von Heizöl bis Benzin teurer zu machen. Der Markt allein könne eine lohnende Ökostromproduktion noch nicht regeln.

Doch so absolut stimmt das nicht. Es gibt etliche Betreiber von Windkraftanlagen, die ganz gut am subventionierten Geschäft verdienen und nun auch ohne Förderung auskommen. Für Christian Wenger-Rosenau haben die Windräder jedoch nicht den Ertrag gebracht, mit dem er ursprünglich kalkuliert hatte. Über die Jahre habe sich die Situation verändert, sagt er. „Es gab mehr Sonne, aber weniger Wind.“

Tatsächlich ist Wenger-Rosenau mit seinem Windrad bei Neustadt nicht reich geworden. 16 Jahre zahlte er mit den Stromeinkünften den Kredit für das fast eine Million Euro teure Windrad vom Typ Vesta V52 ab. Erst seit zwei Jahren verdient er daran. Rund 20.000 Euro kämen im Jahr zusammen. „Hätte ich das Geld damals aufs Sparbuch gelegt, wäre mehr rumgekommen“, sagt er. Aber darum gehe es nicht. Wenger-Rosenau geht es tatsächlich um das Klima.

Allerdings sei der Kampf gegen den Klimawandel schwieriger statt einfacher geworden. Wenger-Rosenau kennt natürlich die Transparente der Windkraftgegner, die auch in dieser Gegend an Kreuzungen und Gartenzäunen hängen und „Keine neuen Windräder“ fordern. Auf die Frage, ob er darüber nachgedacht habe, das alte Windrad durch ein neues, effektiveres zu ersetzen, das mehr Strom liefern könnte, winkt der Strommüller ab. Dafür wäre ein fast ebenso aufwendiges Genehmigungsverfahren nötig wie bei einem Neubau, sagt er. „Das dauert drei Jahre, wenn es gut läuft.“ Zwölf Jahre seien nicht unwahrscheinlich. Tesla wird seine in Luftlinie nur 100 Kilometer entfernte Fabrik Giga Berlin derweil nach voraussichtlich zwei Jahren eröffnen.

In Sachen Windkraft weiß Wenger bestens, wovon er spricht. Über viele Jahre hat er mit einer eigenen Firma insgesamt 160 Windkraftanlagen im nördlichen Brandenburg projektiert und stromnetzfertig übergeben. Die Windräder liefern zusammen etwa 300 Millionen Kilowattstunden Strom im Jahr. Darauf ist Wenger-Rosenau stolz.

Vor eineinhalb Jahren hat er sein Unternehmen jedoch verkauft. Er war es leid, ewig auf Genehmigungen zu warten, der Bürokratie ausgeliefert zu sein und sich mit Windradgegnern auseinanderzusetzen. Wenger-Rosenau versteht Bürgerinitiativen, wenn sie sich dagegen wehren, dass Windräder zu nah an ihren Häusern gebaut werden. Er war selbst bürgerbewegter Aktivist gegen das Bombodrom in der Kyritzer Heide. Aber oft werde nur egoistisch eine private Idylle verteidigt, sagt er. „Das nervt.“ Es gehe schließlich um Verantwortung gegenüber den nachfolgenden Generationen.

Der Tüftler unter den Klimaschutz-Aktivisten

Christian Wenger-Rosenau wollte die Welt schon immer ein bisschen besser machen, und auch Neuanfänge hat er gelernt. Als er sein erstes Windrad baute, war er Werkzeugmacher im VEB Elektrophysikalische Werke Neuruppin. Dort wurden bis zur Wende Leiterplatten für Fernsehgeräte und elektronische Schreibmaschinen von Robotron hergestellt. Es war das größte Leiterplattenwerk in Europa. 2500 Menschen arbeiteten dort. Als es 1991 dichtgemacht wurde, orientierte sich Wenger-Rosenau neu und studierte Sozialarbeit. Danach ging er für zwei Jahre nach Papua-Neuguinea, um in der Berufsausbildung zu arbeiten. „Ich habe Knastis Metallbau beigebracht“, sagt er.

Nach der Rückkehr nach Deutschland führte er fort, was er auf den elterlichen Bauernhof begonnen hatte und gründete das Projektierungsbüro für Windkraftanlagen. Er selbst bezeichnet sich als Überzeugungstäter. In der Region gilt er als eine Art Daniel Düsentrieb unter den Klimaschutz-Aktivisten, seit er Anfang der 2000er-Jahre einen stromlinienförmigen Zweisitzer namens Jetcar als Antwort auf die ewig leeren Ankündigungen der Automobilindustrie für ein Ein-Liter-Auto auf die Räder stellte.

Berliner Zeitung/Jochen Knoblach
Vom Jetcar wurden insgesamt vier Exemplare verkauft.

2003 hatte er das Fahrzeug auf der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt am Main vorgestellt. „Volkswagen kam erst sechs Jahre später“, sagt Wenger-Rosenau, der eigentlich 100 Fahrzeuge pro Jahr fertigen und verkaufen wollte. Am Ende fanden sich nur vier Käufer, die bereit waren, 48.000 Euro für das Auto auszugeben. Später versuchte er es mit einer Elektroversion des Jetcar, das aber wegen der seinerzeit teuren Batterie chancenlos blieb. Das orangefarbene Unikat steht noch immer in der Wenger’schen Werkstatt.

Jetzt hat er ein Elektromotorrad entwickelt, dessen Serienproduktion wohl unmittelbar bevorsteht. Aber er bleibt auch Windmüller. Ein Windrad bei Zehdenick will er behalten, um mit dem erzeugten Strom per Elektrolyse grünen Wasserstoff zu produzieren. Um die Welt zu retten? Christian Wenger-Rosenau lacht. „Immer noch besser als nur reden.“