BerlinBis vor einem Jahr galt Berlin noch als die deutsche Jobwunderzone. Nirgendwo in der Republik wurden neue Arbeitsplätze schneller geschaffen. Jahr für Jahr kamen etwa 50.000 gute, sozialversicherungspflichtige Jobs hinzu. Aber es gab auch die Schattenseite. Parallel und ebenfalls überdurchschnittlich schnell wuchsen in der Dienstleistungsmetropole Berlin auch die schlechter bezahlten Stellen, die in der Krise nun ebenso leise und unauffällig verschwinden, wie sie entstanden sind.

Denn Minijobber etwa, sogenannte geringfügig entlohnte Beschäftigte, werden in den monatlichen Arbeitsmarktberichten und Arbeitslosenzahlen nicht aufgeführt. Sie haben gekellnert oder gekocht, Taxigäste chauffiert oder Supermarktregale aufgefüllt und waren in der Pandemie die ersten, die ihren Job verloren haben. Zu Tausenden, wie sich jetzt herausstellt: Laut neuesten Zahlen der Bundesagentur für Arbeit wurden in Berlin bereits im Sommer vergangenen Jahres mehr als 24.000 Minijobber auf die Straße gesetzt.

Tatsächlich ist der Minijob-Sektor eine Art zweite Buchführung in der bundesdeutschen Arbeitsmarktstatistik. Während die Arbeitslosenzahlen monatlich ermittelt werden, wird die Situation auf dem Markt der geringfügig Beschäftigten nur quartalsweise und mit sechsmonatiger Verzögerung analysiert. So liegen erst jetzt die Zahlen zum Stand Juni 2020 vor. Ergebnis: Gab es im Juni des Jahres 2019 in Berlin noch 218.000 Minijobber, so waren es im vorigen Sommer nur noch 193.750. Allein zwischen März und Juni vergangenen Jahres wurde in der Stadt 10.000 Minijobbern gekündigt. Viele von ihnen hatten keinen oder nur einen befristeten Arbeitsvertrag. In jedem Fall haben sie nach dem Verlust ihrer Anstellung weder Anspruch auf Arbeitslosen- noch auf Kurzarbeitergeld.

Der Minijob-Sektor in Berlin erlebt seit Jahren einen steten Aufstieg. Im Jahr 2003 gab es in der Stadt noch über 80.000 Minijobber weniger. Dabei ist der Minijob für die wenigsten ein Weg, sich per Nebenjob etwas dazuzuverdienen. In Berlin ist der Minijob für 64 Prozent der geringfügig Beschäftigten der Haupterwerb, während dieser Anteil im Bundesdurchschnitt nur bei 60 Prozent liegt.

Vor der Pandemie arbeiteten die meisten Berliner Minijobber im Gastgewerbe. Etwa jeder sechste war dort beschäftigt. Im Sommer 2020 waren in diesem Sektor bereits 9000 Minijobs verschwunden – jeder vierte Job. In keiner Branche war der Rückgang größer. Was mit den verbliebenen 26.500 Minijobs geschah und wie sich der seit Oktober wirksame Lockdown auf den Minijob-Arbeitsmarkt ausgewirkt hat, wird man belegbar erst im nächsten Sommer wissen.

Marcel Fratscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, sprach sich vor diesem Hintergrund bereits im Dezember in einem Blog dafür aus, Minijobbern „temporär ein Anrecht auf Kurzarbeitergeld zu geben“. Denn die Lage dürfte sich „gerade für viele Menschen mit prekären Beschäftigungsverhältnissen in den kommenden Monaten weiter verschärfen“.

DIW-Forscher Markus Grabka wandte sich indes gegen eine in der Politik diskutierte Anhebung der Minijobschwelle von derzeit 450 Euro auf 530 Euro. „Das geht meiner Ansicht nach in die falsche Richtung, weil man dadurch noch mehr Beschäftigte in diese prekäre Beschäftigungssituation bringen würde“, sagte er. Der richtige Weg sei es, die Minijobschwelle auf etwa 300 Euro pro Monat abzusenken. Damit könnte man Anreize setzen, diese Beschäftigungsverhältnisse in sozialrechtlich besser abgesicherte und besser bezahlte Teilzeit- beziehungsweise Vollzeitbeschäftigungsverhältnisse umzuwandeln.