Abtrennung von Großbritannien: Das sind die Folgen, wenn Schottland unabhängig wird

Ende des 17. Jahrhunderts fällte die schottische Regierung eine folgenschwere Entscheidung: Sie wollte Kolonialmacht werden. Von Bürgern und Adligen, Städten und Gilden sammelte man knapp 400 000 Pfund ein, rüstete ein Schiff aus und schickte es an die Küste von Darién, dem heutigen Panama, wo es im November 1698 landete. Doch das Unternehmen endete im Fiasko, das Land war moskitoverseucht, unfruchtbar, zudem bekämpften spanische Siedler die Neuankömmlinge. Das Abenteuer vernichtete einen Großteil des schottischen Volksvermögens.

Diese Notlage nutzte England aus: 1707 übernahm es die schottischen Schulden. Der Preis war hoch. Schottland verlor seine Unabhängigkeit und wurde Teil des Königreichs Großbritannien. Heute, 307 Jahre später, haben die Schotten die Möglichkeit, sich wieder unabhängig zu machen.

Am 18. September sind die Bewohner Schottlands aufgerufen, über die Abtrennung von Großbritannien abzustimmen. Bislang liegen die Befürworter in Umfragen leicht hinter den Gegnern. Seit Monaten trommelt die Scottish National Party (SNP) für die Unabhängigkeit. Ihr Motto: „Yes Scotland“. Es sei an der Zeit, dass die „tapferen Schotten“ ihr Schicksal und ihre Finanzen selbst in die Hand nehmen, sagt SNP-Chef Alex Salmond. Sein Gegenspieler ist Alistair Darling, Ex-Finanzminister Großbritanniens, der die „Better together“-Kampagne anführt: Ein unabhängiges Schottland sei kaum lebensfähig, warnt er. Bei einer Abtrennung verliere Großbritannien acht Prozent seiner Wirtschaftsleistung.

Gütertrennung steht an

Die Beziehung zwischen Schottland und England gleiche einer schlechten Ehe, spottet Bloomberg-Kolumnist Mark Gilbert. „Ein Partner ist dauernd unglücklich, eine Vermittlung ist gescheitert, doch eine Trennung wäre schmutzig und teuer.“

Aber wie teuer? Würde sich eine Trennung lohnen? Auf jeden Fall, wirbt Salmond. Er verspricht jedem schottischen Haushalt einen „Unabhängigkeits-Bonus“ von 2 000 Pfund pro Jahr und Erleichterungen: Ausweitung der kostenlosen Kinderbetreuung, Senkung der Körperschaftssteuer, Senkung der Steuern für Flugreisende und mehr. London hingegen sieht einen Vorteil von 1 400 Pfund für jeden Schotten, sollte das Referendum scheitern. „Das sind 1 400 Gründe zusammenzubleiben“, so die britische Regierung.

Die Wahrheit liegt wahrscheinlich in der Mitte: Zwar würden die Trennungskosten gewaltig unterschätzt, kommentiert Peter Dixon, Ökonom bei der Commerzbank. Auf lange Sicht sei keines der Probleme unüberwindbar. „Einem unabhängigen Schottland ginge es besser, als die britische Regierung erwartet“, so Dixon, „aber deutlich schlechter, als die schottische Regierung zugeben will.“

Die ökonomischen Folgen einer Unabhängigkeit stehen zwar im Zentrum der Debatte. Gleichzeitig liegen sie im Nebel. Denn wie bei jeder Scheidung steht die Gütertrennung an. Und hier sind drei Fragen offen: Wer kriegt das Öl? Wer kriegt die Schulden? Wer kriegt das britische Pfund?

Zum Öl: Ohne den Ölsektor beträgt Schottlands Bruttoinlandsprodukt (BIP) etwa 200 Milliarden Dollar. Pro Kopf der Bevölkerung gerechnet wäre das Land damit so wohlhabend wie Italien. Erhält es das ganze Nordseeöl, steigt das BIP auf knapp 230 Milliarden. „Die wirtschaftliche Prosperität eines unabhängigen Schottlands hängt in hohem Maß von den Einnahmen ab, die es aus dem Ölsektor erzielen kann“, so Commerzbank-Ökonom Dixon.

Unklar ist allerdings erstens, wie viel Öl noch in der Nordsee ist. Die SNP schätzt den Wert der Reserven auf 1,5 Billionen Pfund, was allgemein angezweifelt wird. Die leicht zugänglichen Reserven sind weitgehend erschöpft, die Neuerschließung ist teuer. Ein weiteres Risiko für den schottischen Staatshaushalt ist Auf und Ab des Ölpreises. Das zeigt die Vergangenheit: „In den letzten vier Jahren hat man Schwankungen der schottischen Öleinnahmen von bis zu 40 Prozent erlebt“, errechnet die französische Bank Natixis.

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