München - Das Sündenregister des ADAC wächst unaufhaltsam. Es umfasst mittlerweile einen frisierten Autopreis und zweckentfremdete Flüge mit gelben Rettungshubschraubern sowie einen ADAC-Ambulanzjet, eine teuere Villa und anrüchig gewordene Untersuchungen von Badegewässern. Deutschlands mitgliederstärkster Verein versinkt immer tiefer im Sumpf von Manipulationen rund um den Autopreis „Gelber Engel“ und anderen zweifelhaften Vorgängen. Nun offenbarte Clubpräsident Peter Meyer im hauseigenen Mitgliedermagazin Motorwelt, dass es noch viel schlimmer sein könnte. Bei der Abstimmung zum Lieblingsauto der Deutschen sei möglicherweise nicht nur die Zahl der Stimmen, sondern auch die Reihenfolge der Preisträger verändert worden.

Unterlagen verschwunden

Diese brisante Frage könne er nicht mit Gewissheit beantworten, räumte der 64-Jährige ein. Der mittlerweile gefeuerte ADAC-Kommunikationschef Michael Ramstetter habe eingestanden, dass von ihm die Zahl der Stimmen, aber nicht die Reihenfolge der Preisträger verändert wurde. „Ob das der Wahrheit entspricht, soll die Untersuchung ans Licht bringen, mit der wir externe Prüfer federführend beauftragt haben“, erklärte Meyer.

Bei diesen Prüfern handelt es sich um die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte. Sie nehmen alle Abstimmungskategorien seit Existenz des „Gelben Engels“ unter die Lupe. Damit geht die Untersuchung bis ins Jahr 2005 zurück. Ergebnisse sollen in den nächsten Wochen vorliegen, heißt es im Club. Was noch aufklärbar ist, bleibt offen. Denn offenbar sind nicht mehr alle Abstimmungsunterlagen vorhanden. Die Ergebnisse waren exklusiv beim gefeuerten Ramstetter zusammengelaufen, der mutmaßlich Spuren verwischt hat.

Über die Gründe der Manipulation kann nur spekuliert werden. Die einen führen das übersteigerte Ego des ehemaligen Kommunikationschefs ins Feld. Nur 3 409 Stimmen für das Lieblingsauto der Deutschen bei 19 Millionen Mitgliedern und einer Auflage der Motorwelt von 14 Millionen, das passe nicht zum gewichtigen Vertretungsanspruch des ADAC in Autofragen. Bei einer Verzehnfachung der Stimmen sieht das schon anders aus. Andere sehen es nüchterner. Wenn durch ein mageres Abstimmungsergebnis belegt wird, dass die „Motorwelt“ offenbar kaum gelesen wird, brächte das ihre hohen Anzeigenpreise unter Druck.

Sollte sich herausstellen, dass nicht nur die Stimmenzahl vervielfacht, sondern auch die Reihenfolge der Preisträger verändert wurde, möglicherweise über Jahre hinweg, bekäme der Skandal noch eine ganz andere Dimension. Dann würden die Autokonzerne ihre wertlos gewordenen Trophäen wohl zurückgeben, um nicht selbst zum Teil des Gespötts zu werden. Noch halten sie sich bedeckt und warten die Deloitte-Untersuchung ab. Ebenfalls bedrohlich für das einst makellose Image des global zweitgrößten Automobilclubs sind bekanntgewordene Flüge von ADAC-Funktionären zu Veranstaltungen per Rettungshubschrauber. Das werfe ein schlechtes Licht auf den Club, sagt Meyer nun. Seine Selbstkritik wirkt bemüht. „Zukünftig fliegen Hubschrauber ausnahmslos Rettungseinsätze“, sagt er, als wäre das entgegenkommend und keine Selbstverständlichkeit.

Am Freitag gab es neue Vorwürfe: Der Autoclub soll seine Pannenhelfer gedrängt haben, eigens für den ADAC von der Firma Varta gefertigte Auto-Batterien zu verkaufen. Dafür gebe es eine Prämie. Der Klub wies den Vorwurf zurück.

Auch im Bau einer Villa für den Geschäftsführer des Regionalclubs Hessen-Thüringen kann der ADAC-Präsident kein echtes Fehlverhalten erkennen. Das komme zwar mit einem „Geschmäckle“ rüber. Dienstwohnungen seien aber in vielen Unternehmen üblich, findet Meyer.

Erkannt hat er dagegen, dass es beim ADAC Zeit für einen „kompromisslosen Reformprozess“ ist und alle Vorwürfe aufgeklärt werden müssten. Allerdings gilt Manipulierer Ramstetter bis dato als Alleintäter, dem offenbar niemand auf die Finger gesehen hat.

Anhaltspunkte, dass auch bei den umfangreichen Tests des ADAC manipuliert wurde, hat der Club mit einer Ausnahme bislang nicht. Bei der in Hof erscheinenden Frankenpost ist der Brief eines anonymen ADAC-Mitarbeiters eingegangen, demzufolge Informationen über die Wasserqualität an Badestränden über Jahre hinweg von den betroffenen Gebieten finanziert und beeinflusst worden sind. „Der Vorwurf der Bestechlichkeit wiegt schwer,“ kommentierte ein ADAC-Sprecher. Eine Überprüfung sei angelaufen.

All das hat nun zu ersten Austritten geführt, räumt Meyer ein. Einer aktuellen Umfrage des Magazins Stern zufolge denken 1,3 Millionen ADAC-Mitglieder über ihr Ausscheiden nach.

Sich selbst sieht Meyer unvermindert als den richtigen Mann, um die ADAC-Reform zu managen. „Ich traue mir diese schwierige Aufgabe zu“, sagt er. Der ADAC sei ein offener, demokratischer Verein, bei dem allerdings eingestandenermaßen nur ein kleiner Bruchteil aktiv ist. Diese Delegierten sollen demnächst bei einer außerordentlichen Hauptversammlung über die in Arbeit befindlichen Reformen abstimmen. Es wird die erste Hauptversammlung seit 66 Jahren sein.