Nur der Absatz zählt: Großunternehmen handeln auch in Corona-Zeiten ganz im Geiste des Homo oeconomicus.  
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Okay, zugegeben, auch die Damen und Herren Unternehmer müssen in diesen herausfordernden Corona-Zeiten sehen, wo sie bleiben. Und weil es bei diesem „Wo bleiben“ nicht um ein unbestimmtes oder gar mildtätiges Niemandsland, sondern um eine einträgliche Gewinnzone gehen soll, mag ihnen der ideengeschichtlich nicht grundverkehrte, da grundangemessene Homo oeconomicus eingefallen sein: So jedenfalls müssen wir die Ankündigung von so großen Handelsketten wie etwa Deichmann und H&M oder solchen Markenherstellern wie Adidas verstehen, infolge der coronabedingten Filialschließungen in Deutschland fürderhin keine Miete mehr zu zahlen.

Schäbig, und zudem ein echt mieses Vorbild

Wenn der Homo oeconomicus sein Haupt erhebt, dieses etwas biedere, aber nichtsdestotrotz wahrhaftige Gesicht des Kapitalismus: Dann straft er, der einfache Nutzenoptimierer, das ganze Governance- und Accountability- und Responsibility- und Fairness- und Stakeholder-Gedöns der Unternehmen sehr wirkungsvoll der Lüge.

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Angesichts der Corona-Pandemie ließe sich die Aufkündigung jedweder Gemeinwohlorientierung als moralisches Totalversagen beschreiben: Im großen Stil die Miete nicht mehr zu bezahlen und damit die gesellschaftliche Kette feinverwobener Abhängigkeiten im Zeichen des panischen Rette-sich-wer-kann zu zerreißen, ist schäbig – und zudem ein echt mieses Vorbild.

Gemeinwohlgestus des Homo oeconomicus ist ein Fake

Allerdings ist ein Unternehmen im Sinne seines wohlverstandenen Eigeninteresses und fernab des glorios bimmelnden Selbstverpflichtungsgedöns zu mehr auch gar nicht verpflichtet: Adidas oder Deichmann sind schließlich nicht die Heilsarmee. Auch sind sie nicht verpflichtet, durch ihr Tun das Marktgeschehen mit seiner feinaustarierten Angebots- und Nachfragebalance zu bewahren. Dem allzu schlichten Gemüt des Homo oeconomicus ist dergleichen vollkommen schnuppe, er wäre mit allem, was sein unmittelbares, zeitlich wie örtlich sehr begrenztes Optimierungskalkül übersteigt, auch überfordert.

Fassen wir zusammen: Der Homo oeconomicus ist suizidal, seine allenthalben propagierte Selbsttransformation zum eifrigen Gemeinwohldiener ist ein Fake. Das gilt übrigens nicht nur für Adidas & Co, sondern auch für die Datensammler bei Facebook und Google … Erinnern wir mal an eine ökonomische Basisunterstellung, gewissermaßen die kapitalistische Leithypothese: Mehr Geld ist besser als weniger Geld. Die einzig interessante Frage lautet: Genau wann trifft sie nicht zu und ist also falsch?