Sie wurden gebeten, nach Deutschland zu kommen, weil hiesige Firmen Arbeitskräfte brauchten. Millionen Menschen folgten dem Ruf und verließen in den 60er- und 70er-Jahren ihre Heimatländer in Süd- und Osteuropa, um der Armut zu entfliehen. Die früher Gastarbeiter genannten Männer und Frauen arbeiteten viele Jahre in Fabriken und Büros. Nun sind sie alt – und etliche von ihnen leben nun wieder am Rande der Armut. 41,5 Prozent der Ausländer im Rentenalter waren 2011 armutsgefährdet. Das zeigt eine Studie des Wissenschaftlers Eric Seils vom gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI), die der Berliner Zeitung vorliegt. Die Analyse beruht auf amtlichen Daten des Mikrozensus.

Die Armutsquote unter älteren Ausländern ist demnach mehr als dreimal so hoch wie unter deutschen Staatsbürgern im Rentenalter, bei denen die Rate 12,1 Prozent beträgt. Als armutsgefährdet gelten laut EU-Definition Menschen, die über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügen. Für Alleinstehende bedeutet dies, dass sie 2011 mit weniger als 848 Euro im Monat auskommen mussten, inklusive Rente und anderer Einkünfte. In der Debatte über die Rückkehr der Altersarmut sei bisher übersehen worden, „dass es mit den ehemaligen ,Gastarbeitern’ schon heute eine Gruppe gibt, die in sehr hohem Maße von Altersarmut betroffen ist“, schreibt Seils.

Migranten haben oft nur sehr geringe Renten. So erhielt ein ausländischer männlicher Neurentner vor zwei Jahren im Schnitt 623 Euro im Monat von der Rentenversicherung – 361 Euro weniger als Ruheständler mit deutschem Pass. Oft sind die Menschen zusätzlich auf staatliche Hilfen angewiesen. So bezogen zuletzt 12,7 Prozent der Ausländer ab 65 Jahren Grundsicherung. Unter älteren Deutschen waren nur 2,1 Prozent darauf angewiesen.

Aber warum erhalten Ausländer so geringe Renten? Viele Italiener, Türken und Bürger aus dem ehemaligen Jugoslawien haben doch in Großbetrieben gearbeitet, wo die Löhne oft relativ hoch sind. Schon wahr. Allerdings übernahmen sie häufig einfache Tätigkeiten, für die es weniger Geld gibt als für Facharbeiterjobs. Hinzu kommt: Als nach den 60er-Jahren die Wirtschaft schwächelte, verloren viele ihre Stelle. Noch heute ist die Arbeitslosenquote unter Ausländern sehr hoch. Zudem dürften viele in ihrer Heimat im informellen Sektor gearbeitet und kaum Rentenansprüche erworben haben, vermutet Seils.

Heute werben deutsche Politiker und Firmen wieder um Arbeitskräfte aus den Krisenstaaten Südeuropas, aus Osteuropa und Asien. Viele sind dem Ruf bereits gefolgt. Droht auch ihnen Altersarmut? Seils betont, dass heute Fachkräfte und nicht Ungelernte angeworben werden. Und sie haben bessere Chancen auf ein finanziell abgesichertes Leben im Alter. Allerdings sind hierzulande nicht nur gut bezahlte IT-Spezialisten und Ärzte aus dem Ausland tätig. In der Pflege, am Bau, in Schlachthöfen, in Hotels und Gaststätten arbeiten Hunderttausende Ausländer oft für extrem wenig Geld. Viele sind nicht ordentlich sozialversichert. Vielen wird ein ähnliches Schicksal drohen wie den vor Jahrzehnten Eingewanderten.