Mannheim - Der Mann, der in der Arbeitsagentur am Tisch sitzt, hat gleich mehrere Probleme: Er braucht einen Job, seine Stelle als Lastwagenfahrer hat er verloren. Wohl für länger, denn sein Führerschein wurde ihm wegen Alkohols am Steuer abgenommen - schon zum zweiten Mal. „Ich kann zwar fahren, aber ich darf nicht mehr“, sagt er.

Der Berater der Mannheimer Arbeitsagentur schaut ihn stirnrunzelnd an. Der Jobsuchende könnte sich auch vorstellen, wieder als Automechaniker zu arbeiten, doch seine Ausbildung hat er im Jahr 1981 absolviert. „Seitdem hat sich sehr viel verändert“, sagt der Berater. Und fragt: „Wie viel trinken Sie denn?“

Raimund Becker macht den Test

Dieser Fall ist fiktiv, der Mann auf Jobsuche ist in Wahrheit im Vorstand der Bundesagentur für Arbeit (BA) und heißt Raimund Becker. Er ist nach Mannheim gereist, um sich in die Situation eines Arbeitslosen einzufühlen und das Prozedere bei der Jobsuche mitzuerleben. Doch auch wenn der Fall nur gespielt ist: Das Problem dahinter ist ein echtes. Denn die Bundesarbeitsagentur verzeichnet immer mehr Menschen mit „komplexeren Problemlagen“, wie es im Fachjargon heißt. Ulrich Manz, Vorsitzender der Geschäftsführung in der Mannheimer Agentur, sagt: „Wir stellen fest, dass der Beratungs- und Betreuungsaufwand wirklich zunimmt.“

Für die schwierigen Fälle soll künftig mehr Zeit da sein. „Allen den gleichen Service zu bieten, ist nicht nötig.“ Wer leicht zu vermitteln sei, kann und muss Manz zufolge schnell wieder aus dem System raus sein.

Was die BA künftig ändert

Die BA will daher in den kommenden ein bis zwei Jahren Prozesse umstellen: Die Arbeitslosen sollen zum Beispiel zu Beginn ihre Daten selbst eingeben, um so besser vorbereitet in das Gespräch zu gehen - das bestenfalls gleich im Anschluss erfolgt. Außerdem soll es häufigere Treffen mit den Beratern geben, so dass ein Vertrauensverhältnis entstehen kann. Wer erzählt schon jemandem von seinem Alkoholproblem, den er kaum kennt?

„Die Kunden sollen so schneller durchs System laufen“, sagt Vorstand Becker. Das mache beide Seiten zufriedener: Arbeitslose und Berater. Die Mannheimer Arbeitsagentur sei schon besonders weit mit der Umsetzung der Neuerungen.

Alkohol, Dorgen, Schulden, Krankheiten - vielfältige Gründe zur Arbeitslosigkeit

Der Anteil der komplexeren Fälle nehme bundesweit immer mehr zu: Inzwischen betreffe das schon gut die Hälfte der Kunden. Sogenannte „Hemmnisse“ bei der Vermittlung sind Becker zufolge vielfältig: Probleme mit Alkohol oder Drogen, Schulden, Krankheiten, eine Schwerbehinderung. Oft gehe es auch um Menschen, die nach langer Zeit in einem Unternehmen arbeitslos werden und deren Qualifikation nicht mehr dem aktuellen viel komplexeren Berufsbild entspricht. „Die Stellen sind da, aber die Leute passen nicht mehr drauf.“

Arbeitsmarktforscher Werner Eichhorst vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit findet die Neuerungen sinnvoll. „Es ist wichtig, dass man wegkommt von einer Kurzzeitberatung von ein paar Minuten und einer sehr bürokratischen, schematischen Herangehensweise“, sagt er. „Die Berater müssen sich Zeit nehmen und sich interessieren dafür, was die Kunden für Probleme mit sich herumschleppen.“

Investitionen für Arbeitslose lohnenswert

Studien zeigten, dass es sich lohne, in die Gruppe der schwierigen Fälle zu investieren. Aus Sicht des Rektors der Hochschule der BA, Andreas Frey, geht es ganz stark darum, die Jobsuchenden zu motivieren. Diese Fähigkeit sei bei Beratern und Vermittlern immer gefragter. Denn nicht jeder Kunde erkenne den Sinn einer neuen Ausbildung: „Die meisten Älteren wollen nicht mehr die Schulbank drücken und die Jüngeren sehen oft den Bedarf gar nicht, sich zu qualifizieren.“ (dpa)