JOHNSTON/IOWA - Bauern, die zaubern können, gibt es höchstens im Märchen. Trotzdem will James C. Borel von einem Mann in Afrika gehört haben, der seine Dorfgemeinschaft mit einer unglaublichen Ernte überrascht haben soll. Die ganze Familie des Bauern konnte sich davon ernähren und einen Teil trug er sogar zu Markte. So soll der Bauer auch zu bescheidenem Wohlstand gekommen sein. Seither werde er „The Magic Farmer“ genannt. Der Bauer, der zaubern kann.

Für Märchen ist der Ort, an dem James C. Borel die Geschichte erzählt, eigentlich nicht geeignet. Der hochgewachsene Mann mit dem silbergrauen Haar, den gütigen Augen und dem Schnauzbart empfängt in einem schmucklosen Konferenzraum des amerikanischen Saatgutherstellers Pioneer. Das Unternehmen gehört zu DuPont, einem der größten Chemiekonzerne der Welt, in dessen Vorstand Borel sitzt. Auf den Feldern vor dem Pioneer-Hauptsitz in Johnston, im US-Bundesstaat Iowa, wächst gentechnisch veränderter Mais. Daneben stehen Gewächshäuser, in denen an neuen Sorten geforscht wird.

Neun Milliarden Menschen ernähren

Wissenschaftler in Latzhosen, Karohemden und Gummistiefeln wuseln über die Flure. Bildschirme flackern im Halbdunkel, während junge Maispflanzen auf Transportbändern aus den Gewächshäusern in eine weiße Box befördert und dort von allen Seiten fotografiert werden. An Bildschirmen analysieren die Forscher Farbe, Form und Pigmentierung der Blätter der gentechnisch veränderten Pflanzen. So funktioniert heute die Suche nach widerstandsfähigeren, ertragreicheren Pflanzen.

„Wir müssen herausfinden, wie wir neun Milliarden Menschen ernähren können“, sagt Borel. Und fügt hinzu: „Wir können Teil der Lösung sein.“ Er scheint ein wenig ergriffen, als er erzählt, dass der Bauer in Afrika Saatgut von Pioneer verwendet habe. Dieses Saatgut könne Hunger und Armut in der Welt beenden. DuPont wirbt mit dem Slogan: „Die Wunder der Wissenschaften.“

Diese Wunder der Wissenschaften haben sich in den Vereinigten Staaten längst durchgesetzt, es gibt kaum einen Farmer, der das neue Saatgut nicht nutzt. Außerhalb des Landes hat die Grüne Gentechnik aber weiter einen schweren Stand, nicht nur in Europa, wo das Misstrauen gegenüber gentechnisch veränderten Pflanzen und die Angst vor möglichen Risiken groß ist. Nichtregierungsorganisationen kritisieren, dass die teure genmanipulierte Saat in zahlreichen Ländern den Einsatz von Pestiziden erhöht, zu mehr Seuchen geführt, Bauern ruiniert und die Erträge letztlich nicht verbessert habe.

Borel wischt solche Einwände zügig, aber durchaus mit Charme beiseite. „Viele Leute haben etwas gegen Biotechnologie – und die pflanzen sehr erfolgreich Ängste“, sagt er. Für ihn sind die Skeptiker Plagegeister, die sich noch nie Gedanken darüber machen mussten, wie sie den nächsten Tag überleben. Gegen Kritik ist man hier, in der Kornkammer der Vereinigten Staaten, so resistent wie der gentechnisch veränderte Mais auf den umliegenden Feldern gegen Schädlingsbefall.

"Getting the Vatican to Yes"

Auch die Beamten der US-Regierung haben wenig Verständnis für Kritiker. Sie bezeichnen sie sogar abschätzig als „Naysayers“, als unbelehrbare Miesmacher. Man werde sich die Naysayers vorknöpfen, kündigte ein hochrangiger Mitarbeiter des US-Außenministeriums im Mai 2010 auf einer Konferenz einer Biotechnologieorganisation an. Dass das nicht einfach so dahergesagt ist, wird klar, wenn man sich durch Hunderte Depeschen von US-Diplomaten arbeitet, die Wikileaks öffentlich gemacht hat. Als sich vor fünf Jahren die französische Regierung gegen gentechnisch veränderte Pflanzen aussprach, war in Unterlagen der US-Botschaft in Paris sogar von „Vergeltung“ dafür die Rede.

Seit mehr als zehn Jahren versucht das US-Außenministerium nachweisbar, gentechnisch verändertem Saatgut zum weltweiten Durchbruch zu verhelfen. Denn in den USA hat die Grüne Gentechnik ihren Siegeszug abgeschlossen, neues Wachstum muss jetzt aus dem Ausland kommen. US-Botschaften weltweit sind zum organisatorischen Rückgrat dieser Mission geworden. Sie stehen in Kontakt mit Wissenschaftlern, katholischen Geistlichen, Saatgutriesen, Entwicklungshilfeorganisationen, Politikern. Nach der Lektüre der Depeschen kann man getrost behaupten, dass die US-Regierung die wichtigste Lobby-Organisation der Gentechnik ist.
In einem Strategiepapier des Außenministeriums zur Verbreitung der Gentechnik steht etwa, zu den Zielen der Diplomaten gehöre, „die Interessen von amerikanischen Bauern und Exporteuren zu schützen“. Die Länder, auf die ihre Lobbyarbeit zielt, haben die Amerikaner in drei Kategorien unterteilt: Länder, deren Wort Gewicht hat in der Debatte über die Gentechnik, Länder, die Vorbilder für andere Staaten sind und Länder, in denen die US-Regierung kurz- oder mittelfristig die Chance sieht, dass mit entsprechender Nachhilfe ein Meinungsumschwung zugunsten der Gentechnik entstehen kann.
Im Fokus standen im Jahr 2010 Brasilien, Burkina Faso, China, Kolumbien, Tschechien, Ägypten, Deutschland, Ghana, Indien, Indonesien, Kenia, Nicaragua, Nigeria, Peru, die Philippinen, Rumänien, Russland, Südafrika, Thailand, die Ukraine, Vietnam – und auch der Vatikan, dessen Haltung für über eine Milliarde Menschen potenziell wegweisend ist.

"Getting the Vatican to Yes", wie man den Vatikan zu einem Ja bewegen kann, ist ein Papier vom 10. Mai 2002 überschrieben. Darin heißt es, die Autorität des Vatikans könne Entwicklungsländer beeinflussen und die Argumente von Gentechnik-Gegnern unterminieren. Wissenschaftler und sogar ein Industrievertreter wurden auf Kosten des Außenministeriums nach Rom geflogen. „Nach vielen Jahren des Lobbying durch die Botschaft ist der Vatikan vorsichtig optimistisch bezüglich genetisch veränderten Nahrungsmitteln“, schreiben die Diplomaten 2006. Im Jahr 2010 dann veröffentlicht die Päpstliche Akademie der Wissenschaften ein Positionspapier, das einem Plädoyer für die Grüne Gentechnik gleichkommt. Der Vatikan ist geknackt.

Der Vorgang ist ein Beispiel für die beeindruckende Hartnäckigkeit der Diplomaten. Egal, wie oft sich Länder gegen gentechnisch veränderte Pflanzen entscheiden, sie geben nicht auf. Über die Jahre haben sie viele Ideen entwickelt.

Im Jahr 2003 richtet die Universität von Bologna mit der Unterstützung der Amerikaner eine Konferenz mit dem Titel „Von der grünen Revolution zur Gen-Revolution“ aus. Mehr als 300 Wissenschaftler aus 30 Ländern reisen an. Die Amerikaner versprechen sich von der Konferenz einen neuen Schub für die Gentechnik, sind dann allerdings verärgert, dass die Universität Bologna „vielleicht absichtlich“ eine schlechte Pressearbeit gemacht habe.

Etappensieg für US-Saatgutkonzern Monsanto

Aus Thailand soll so schnell wie möglich ein Anbauland für gentechnisch veränderte Pflanzen werden. Denn Thailand sei „ein wichtiges Land für die Biotechpolitik der US-Regierung, weil Thailand generell amerikanische Positionen in internationalen Gremien teilt“, heißt es in dem Strategiepapier.
In der Türkei stellen die Diplomaten fest, dass das dortige Landwirtschaftsministerium Vorschlägen von Ländern, in denen der Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen erlaubt ist, argwöhnisch begegnet. Deshalb arbeiten die Amerikaner „mit einer Handvoll von Importeuren und Endverbrauchern zusammen, die auf Biotechnologie angewiesen sind, einigen hochgebildeten Bauern und biotech-freundlichen Wissenschaftlern.“ Sie könnten die türkische Regierung besser beeinflussen.

Die US-Botschaft in Ecuador rechnet 2010 damit, dass in dem Land in Kürze entschieden würde, ob Versuchsreihen und der Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen erlaubt werden. Fünf ecuadorianische Journalisten sollten deshalb nach Washington und St. Louis reisen und dort mit Bauern und Forschern sprechen. Ziel sei, dass die Berichterstattung der Journalisten „mit der Position der US-Regierung zu Biotechnologie übereinstimmt“, hielten die Diplomaten fest. So werde „ein öffentlicher Aufschrei verhindert, wenn der Präsident oder das Parlament Biotechnologie für Tests oder Anbau erlauben“.
Und natürlich geht es immer wieder um die Europäische Union. Ihre Haltung zu der Technologie hat weltweit Gewicht. Vor wichtigen Abstimmungen auf EU-Ebene über die Gentechnik macht Washington deshalb Druck auf die Mitgliedsstaaten. Es schickt seine Diplomaten los, die, ausgestattet mit detaillierten Handlungsanweisungen, „bei geeigneten Offiziellen der Ministerien für Landwirtschaft und Außenpolitik und anderen Offiziellen“ vorstellig werden, etwa in der Slowakei im Jahr 2009. „Wir wiederholten, dass aus einer positiven Haltung zu Biotechnologie zwingend ein Ja in der Abstimmung folgen muss“, dokumentierten die Diplomaten das Treffen. „Enthaltung reicht nicht aus.“

Solche Vorgänge sind auch für Portugal und die Niederlande belegt. Vor wenigen Tagen erst konnte der US-Saatgutkonzern Monsanto einen Etappensieg verzeichnen: Die Europäische Lebensmittelbehörde gab einem Antrag des Konzerns für den Anbau gentechnisch veränderter Soja statt. EU-Kommission und Mitgliedsländer müssen allerdings noch überzeugt werden.

Es ist vor allem eine Meinungsschlacht, die die Amerikaner zu gewinnen versuchen. Dafür setzen sie viel Personal ein und geben viel Geld aus. 10.000 bis 20.000 Dollar für einzelne Aktionen sind die Regel. In Einzelfällen kann eine Maßnahme aber auch mal mehr als 100.000 Dollar kosten.

Gentechnisch veränderte Aubergine

Die Geschäftstüchtigkeit der amerikanischen Saatguthersteller hat einen prominenten Kritiker: Howard Buffett, Sohn der Investorenlegende Warren Buffett, Philanthrop, Fotograf und Großbauer, hält die Fixierung auf Gentechnik für falsch hält. Mit seiner Stiftung versucht er seit Jahren, die Landwirtschaft in Entwicklungsländern zu verbessern. Er gibt Studien in Auftrag, reist viel und macht Anbauversuche. Mit seiner Arbeit hat er einiges Ansehen erworben. Auf seinen eigenen Farmen verwendet er modernste Geräte und gentechnisch veränderte Pflanzen. Doch er sagt auch, dass das moderne Saatgut nichts nütze, wenn die Leute in den Entwicklungsländern nicht gut ausgebildet seien, wenn es an Infrastruktur und Technik fehle, wenn es keine fruchtbaren Böden gebe, auf denen das Korn sprießen könne.

„Hier geht es nicht darum, reich zu werden, hier geht es darum, ein Problem zu lösen“, rief Buffett die Konzerne vergangenen Herbst auf einer Ernährungskonferenz in Iowa zur Ordnung. Denn die Unternehmen verdrängen mit ihrem teuren, patentgeschützten Saatgut immer stärker herkömmliches Saatgut. Das erhöht den Druck, bei den Konzernen teuer einzukaufen, wofür sich viele Bauern verschulden. Und das jedes Jahr aufs neue. Für die Konzerne ein lukratives Geschäft.

Mit Buffetts Worten im Ohr erscheint auch das Engagement der staatlichen Entwicklungshilfeorganisation USAID umso fragwürdiger. Das größte Hilfswerk der Welt forciert die Gentechnik in Entwicklungsländern vehement: gentechnisch veränderte Bananen in Uganda, Cassava in Kenia, Augenbohnen in Nigeria, Kartoffeln in Südafrika, Mais in der Subsahara. In Indien förderte USAID mindestens sechs Jahre lang die Firma Maharashtra Hybrid Seed Company, kurz Mahyco. Diese entwickelte eine gentechnisch veränderte Aubergine. Das empfindliche Gemüse ist ein Nationalgericht der Inder. 30 bis 40 Sorten werden von 1,4 Millionen Bauern angebaut. Die Aubergine ist also die ideale Pflanze, um den Indern die Segnungen der Gentechnik nahe zu bringen. Allerdings stoppte die indische Regierung die Aussaat im Sommer 2009 vorerst.

Die Reaktion der US-Diplomaten darauf zeigt deutlich, dass es den Amerikanern nicht nur darum geht, den Hunger in der Welt zu lindern. „Die Entscheidung ist ein riesiger Rückschlag für die Entwicklung und Vermarktung von gentechnisch modifiziertem Saatgut in Indien, genauso wie in anderen Entwicklungsländern“, kommentierte die amerikanische Botschaft in Neu Delhi. Zu diesem Zeitpunkt war Monsanto zu 25 Prozent an Mahyco beteiligt.