Der Vertrag ist unterschrieben. Lufthansa wird mehr als die Hälfte von Air Berlin übernehmen. Nach Frankfurt, München und Hamburg gibt die Lufthansa nun auch an den Flughäfen Berlin und Düsseldorf den Ton an. Kartellrechtlich nicht unproblematisch, finden Wettbewerbsexperten. Die Ticketpreise werden vermutlich steigen. Lufthansa wird von der insolventen Airline voraussichtlich 81 Flugzeuge der noch vorhandenen 130 Maschinen übernehmen sowie 3000 Mitarbeiter der zuletzt 8000 einstellen. Die Verhandlungen mit der Interessentin Easyjet dauerten demnach weiter an.

Aus der Politik kommt allerdings Kritik am Vorgehen der scheidenden Bundesregierung, die sich für diese Lösung stark gemacht hatte. „Die Übernahme von Air Berlin durch Lufthansa muss von den Kartellbehörden geprüft werden“, sagt der Vorsitzende der grünen Bundestagsfraktion, Anton Hofreiter, der Berliner Zeitung. Die Entscheidung müsse nun allein das Bundeskartellamt treffen – und nicht etwa das Bundeswirtschaftsministerium. Ohne einen funktionierenden Wettbewerb würden die Kunden die Extra-Profite der Quasi-Monopolisten zahlen, warnt er. „Die Kartellbehörden haben sich bereits kritisch zum Zusammenschluss geäußert. Ihre anstehende Entscheidung darf nicht einfach per Ministererlaubnis weggewischt werden“, sagt der Grüne.

„Jede Strecke ist ein Markt für sich“

Auch die Monopolkommission, die die Bundesregierung in solchen Fällen berät, hält Komplikationen für möglich: Je nachdem, wie der Übernahmevertrag gestaltet sei, könnte die EU-Kommission Einwände vorbringen, sagt der Kommissionsvorsitzender, Achim Wambach, der Berliner Zeitung. Das gelte besonders für Strecken, auf denen es wenig Konkurrenz gebe. Ob jedoch Lufthansa eine Monopolstellung hat, ist oft schwer zu berechnen – etwa, wenn Bus und Bahn innerdeutsch eine Alternative darstellten. Daher muss jede einzelne Strecke geprüft werden. Konkret geht es um Start- und Landegenehmigungen – sogenannte Slots – auf einzelnen Verbindungen, die im Zweifel an Konkurrenten vergeben werden müssten: „Jede Strecke ist ein Markt für sich“, sagt Wambach.

Dass die Lufthansa einzelne Slots abgeben muss, erwartet auch Tomaso Duso, Ökonom am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin: „Die Kommission dürfte die Lufthansa zwingen, einige der Start- und Landerechte auf bestimmten Strecken an Wettbewerber zu verkaufen.“ Andernfalls werde die Übernahme den Wettbewerb reduzieren.
Sollte die EU-Kommission mangelnde Konkurrenz sehen, komme es auch auf die Lösungsvorschläge der Lufthansa an, sagt Monopolkommissionschef Wambach. Diese habe genug Zeit gehabt, sich auf die Prüfung vorzubereiten und sollte einen Plan B haben.

Experten befürchten höhere Ticketpreise und rechtliche Probleme

Das hat Lufthansa-Chef Carsten Spohr tatsächlich angedeutet. Die Tochter Eurowings könne auf solchen Strecken gegen die Lufthansa antreten, die bislang von der Air Berlin bedient wurden, kündigt er an. Kartellrechtler Daniel Zimmer zweifelt aber an diesen Plänen. „Das ist ein netter Versuch, die Wettbewerbsprobleme kleinzureden“, sagt der Ex-Chef der Monopolkommission. Niemand in der Geschäftsleitung eines Konzerns werde dafür sorgen, dass sich die verschiedenen Unternehmen des eigenen Hauses gegenseitig so viel Konkurrenz machten, wie es bisher zwischen Air Berlin und Lufthansa der Fall gewesen sei, so Zimmer.

Ökonom Duso zweifelt zudem am Versprechen der Lufthansa, dass die Ticketpreise trotz der Übernahme sinken werden. „Diese Aussage ist nichts wert“, sagt der DIW-Experte. In vergleichbaren Fällen, wo sich Unternehmen eines Konzerns Konkurrenz machen sollten, habe das zu Preissteigerungen und Qualitätseinbußen geführt. Beides fürchtet Duso für die Strecken Frankfurt-Berlin, Köln-Berlin oder Köln-München, wo es dann kaum Wettbewerb gebe. Wer im Moment buchen will, muss für die Tickets schon deutlich mehr zahlen.

Mitarbeiter von Air Berlin inzwischen auf Jobsuche

Das Bundeskartellamt gab sich auf Nachfrage zurückhaltend. Eine Prüfung der Übernahme stehe noch aus, sagte Präsident Andreas Mundt der Berliner Zeitung. Die EU-Kommission werde „sich das sehr genau ansehen“. Sein Amt werde das Verfahren begleiten.
Die Monopolkommission der Bundesregierung erwartet indes, dass das Prüfverfahren mindestens einen Monat dauert – je nach Art und Zahl der Vorbehalte der Wettbewerbshüter. Die Lufthansa hofft, bis Ende des Jahres aus Brüssel die Zustimmung zu bekommen.

Die Gewerkschaft Verdi forderte, die Lufthansa müsse für betroffene Arbeitnehmer Übernahmeregelungen vereinbaren. Die Vereinigung Cockpit forderte die Lufthansa ebenfalls dazu auf, die „soziale Verantwortung für die Arbeitsplätze“ zu übernehmen. Die meisten Mitarbeiter von Air Berlin sind inzwischen auf Jobsuche. „Ich rechne fest damit, dass ich meine Arbeit verliere“, sagt ein Mann in der Firmenzentrale am Saatwinkler Damm.

„Das war mein letzter Flug mit Air Berlin“

„Es ist überhaupt nicht raus, ab wann uns gekündigt wird“, kritisiert Andreas H. aus der Personalverwaltung. „Das ist kein Betriebsübergang. Doch Bewerben ist unsere einzige Chance“, ergänzt sein Kollege Thomas H. Auch Fluggästen in Tegel ist klar, dass Air Berlin als Marke vom Himmel verschwinden wird – und was auf sie zukommt.

„Das war mein letzter Flug mit Air Berlin“, sagt die Ärztin Sine Lund, 35, kurz vor ihrem Rückflug nach Kopenhagen. Martin Berger, 56, pendelt regelmäßig zwischen München und Berlin. „Mit der Lufthansa-Übernahme werden die Tickets teurer. Es ist eine Alternative für mich, auf den Zug umzusteigen.“