Vorbild Schweden? Aktienrente droht in Deutschland zu einem Megaflop zu werden

Mit der Aktienrente kommt FDP-Finanzminister Christian Lindner seinem Wahlversprechen nach. Doch wie in Schweden wird es nicht, kritisieren Experten. Eine Analyse.

Finanzminister Christian Lindner wollte junge Menschen ansprechen.
Finanzminister Christian Lindner wollte junge Menschen ansprechen.imago/Maskot

Seit Jahren durchzieht ein Trend die jungen Menschen auch in Deutschland. Sie beschäftigen sich vermehrt mit ihren eigenen Finanzen und im Zuge dessen auch mit ihrer Rente.

Noch setzt ein Großteil der jungen Menschen auf ihre gesetzlichen Rentenansprüche, wie die „Jugendstudie 2022“ der Metallrente zeigt. 58 Prozent der Deutschen zwischen 17 und 27 geben etwa an, der gesetzlichen Rente „eher“ oder „voll und ganz“ zu vertrauen. Doch immer mehr Jugendliche und junge Erwachsene erkennen das Risiko, welches ihnen der demografische Wandel bereitet. Unsere Gesellschaft wird immer älter und die geburtenstarken Jahrgänge werden nach und nach selbst zu Rentenbeziehern. Das Risiko, dass die Rentenzahler das System, in dem immer weniger Erwerbstätige als Beitrags- und Steuerzahler für immer mehr Rentner als Leistungsempfänger aufkommen müssen, nicht mehr stemmen können, ist groß. Die Rentensicherung ist daher eine wahre Herkulesaufgabe für die deutsche Politik.

Mit Schweden haben wir einen Vorreiter bei der Aktienrente

Hier lernen wir richtigerweise von Schweden. Mit Schweden haben wir einen Vorreiter in Sachen Rentensicherung in Europa. Bereits vor mehr als zwanzig Jahren hat das Königreich im Norden erkannt: Nur eine kapitalgedeckte Rente als Ergänzung kann das umlagefinanzierte System von heute noch retten. Sie reformierten ihr Rentensystem grundlegend. Wir Deutschen ziehen jetzt auch nach. Die Aktienrente soll kommen. Und das bereits 2023.

Das Finanzministerium hat die geplante milliardenschwere Aktienrente zur Stärkung der gesetzlichen Rentenversicherung auf den Weg gebracht. Der Einstieg in die Kapitaldeckung sei ein wichtiger Schritt, um die Rente sicherer zu machen und das Rentenniveau langfristig zu steigern, heißt es in dem Entwurf. Bereits 2023 will man zehn Milliarden Euro in Aktien anlegen. Die Erträge sollen dann ab Mitte der 2030er-Jahre die gesetzliche Rentenversicherung stärken.

Finanzminister Christian Lindner wollte junge Menschen ansprechen

Finanziert wird das ganze über Schulden, die der Staat aufnimmt, um zu investieren. Weil die Renditen an den Kapitalmärkten langfristig vermutlich höher liegen, als die Zinssätze für Bundesanleihen, führt ein Kapitalstock im System der Altersvorsorge absehbar zu mehr Wohlstand. Selbst dann, wenn der Topf mithilfe von Staatsschulden gefüllt wird, so die Argumentation. Denn aktuell refinanziert sich der Staat kostengünstig. Mit 1,7 Prozent, war die Bundesanleihe im November 2022 verzinst. Dem gegenüber steht eine Jahresdurchschnittsrendite beim Dax von elf Prozent in den vergangenen zehn Jahren. Beim Aktienindex MSCI ACWI, welcher das Wirtschaftswachstum der gesamten Welt abbildet, lag der Durchschnittszins seit 2012 bei neun Prozent im Jahr.

Mit der Aktienrente kommt FDP-Finanzminister Christian Lindner also nun seinem Wahlversprechen nach, eines, welches mit für die hohe FDP-Quote von 23 Prozent bei den Erstwählern gesorgt haben dürfte. Denn die jungen Leute begeistern sich immer mehr für das Thema Kapitalanlage. Die Zahl der Aktionäre im Alter unter 30 Jahren stieg innerhalb eines Jahres von 2019 bis 2020 sprunghaft um 577.000 Menschen an. Das geht aus einer Studie des Deutsche-Aktieninstituts hervor. Im vergangenen Jahr erreichte die Zahl der jungen Anleger erneut einen Höchststand: Laut der Statistik des Deutschen Aktieninstituts haben mittlerweile rund 1,5 Millionen Menschen unter 30 Jahren Aktien oder Fonds.

Rentenexperte: Beginn zu spät, zu wenig Finanzen

Im Vergleich zu anderen Ländern, beginnt die Politik in Deutschland jedoch ziemlich spät, die Börse für die Alterssicherung zu entdecken. Und das geplante Volumen schätzt Dr. Johannes Geyer, Rentenexperte am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW), als viel zu gering ein. „Die 10 Milliarden Euro sind deutlich zu wenig, um Substantielles zu bewirken“, sagt der Experte der Berliner Zeitung. Geyer macht das an einem Beispiel fest: Im vergangenen Jahr lag der Renten-Beitragssatz bei 18,6 Prozent. Einem Beitragssatzpunkt entsprachen Einnahmen von ungefähr 17 Milliarden Euro. Um das durch Renditen von fünf bis acht Prozent am Kapitalmarkt zu finanzieren, bräuchte man einen Kapitalstock von ungefähr 300 bis 400 Milliarden Euro. Das Dreißig- bis Vierzigfache der geplanten Investition. „Zehn Milliarden Euro sind gerade mal eine gute Woche bei den Rentenausgaben“, so Geyer. Dass das Fondsvolumen in den nächsten Jahren allerdings anwachsen könnte, da zeigt sich der Experte skeptisch.

Selbst wenn das Fondsvolumen auf mehrere Hundert Milliarden Euro anwächst, ist die deutsche Aktienrente nicht das Wahlversprechen, welches die FDP ihren Wählern gab. Versprochen wurde eine Aktienrente mehr auf Individualismus basierend, wie es die Schweden bereits vormachen. So hieß es noch 2021 im Wahlkampf von der FDP: „Schweden macht uns seit Jahren vor, wie Aktien-Sparen so erfolgreich und risikoarm organisiert werden kann. Durch unser Modell erwerben zukünftig alle Beitragszahler– insbesondere auch Geringverdiener – echtes Eigentum für ihre Altersvorsorge und erhalten höhere Altersrenten.“ Doch die jetzige deutsche Herangehensweise lässt das Individuum außen vor, und hat nur wenig mit dem schwedischen Modell zu tun. „Für mich sieht das aus wie ein Kompromiss zwischen SPD und FDP in den Koalitionsverhandlungen“, schlussfolgert Dr. Johannes Geyer. Denn beim schwedischen System für Deutschland, hätte die SPD sich quergestellt, so der Experte.

Staatlicher Fonds vs. private Fondsanbieter in Schweden

Und das, obwohl das Königreich im Norden mit seinem System der Aktienrente mehr als nur erfolgreich ist. Neben der gesetzlichen Rentenversicherung haben die Schweden seit den 1990er-Jahren kapitalmarktbasierte Vorsorgefonds, die „Capital Funds“. Hier investieren Bürger 2,5 Prozent ihres Bruttoeinkommens in bis zu fünf vom Staat autorisierte Fonds. Wer sich nicht aktiv für einen bis maximal fünf der über 400 Fonds entscheidet, landet automatisch im staatlich verwalteten AP7-Fonds. Das steht für „Sjunde Allmänna Pensionsfonden“, siebter allgemeiner Pensionsfonds. Er investiert so, dass 94 Prozent des Portfolios die Wertentwicklung von Welt-Aktienindex MSCI ACWI nachbilden. Somit ist der AP7-Fonds in knapp 3000 Unternehmungen aus elf Branchen in 23 entwickelten und 24 aufstrebenden Märkten (Emerging Markets) investiert. Allerdings ist der AP7-Aktienfonds gesetzlich dazu verpflichtet, ausschließlich in Unternehmen zu investieren, die sich unter anderem an die UN-Leitlinien für verantwortungsvolle Unternehmensführung halten. Die restlichen sechs Prozent werden in einem Beteiligungsfonds angelegt.

Der AP7-Aktienfonds rentiert mit elf Prozent Jahresdurchschnittsrendite in den vergangenen zehn Jahren überdurchschnittlich gut und ist seit August 2020 der größte Anlagefonds Europas. Doch die Schweden können auch private Fondsanbieter für die Altersvorsorge nutzen. Wer den Anlegern aus der Behörde nicht vertraut, kann seine Aktienrente auch beispielsweise Blackrock, eine New Yorker Investmentgesellschaft und größter Vermögensverwalter weltweit, anvertrauen. Ein System, welches dem Individuum viele Investitionsfreiheiten bietet und einen jeden Bürger an den Preissteigerungen am Kapitalmarkt teilnehmen lässt.

Diese essenzielle Frage muss die Bundesregierung noch beantworten

Genau diesen Aspekt wird die deutsche Aktienrente nicht enthalten. Hierzulande werden wir keine eigenen Rentenkonten haben und uns entscheiden können, wie wir unsere Altersvorsorge investieren. Das deutsche Rentensystem bleibt im Wesentlichen umlagefinanziert.  

Eine essentielle Frage sei bei der deutschen Reform im Rentensystem ebenfalls noch ungeklärt, sagt Rentenexperte Johannes Geyer. Was passiert, wenn der Markt mal keine hohen Renditen abwirft, sondern sich im Tiefflug befindet? Werden dann die Renten gekürzt, oder die Beiträge kurzzeitig erhöht? Die Frage nach der Risikoabsicherung bleibt offen und muss dringend geklärt werden, so der Experte vom DIW. In Schweden ist es im Wesentlichen so, dass die Anleger das Risiko tragen. Der Staat schichtet das Investment aber bei zunehmendem Alter in sicherere Anlagen um. Außerdem haben die Schweden zu ihrer kapitalgedeckten Rente auch eine quasi flächendeckende Betriebsrente und eine einkommensgeprüfte Grundrente.

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