Lachmöwen gibt es nicht überall in Berlin, aber hier am Hultschiner Damm in Mahlsdorf, weit draußen im Osten der Hauptstadt, da kreisen sie zu Hunderten über ihrer Beute. Die steckt in riesigen Paketen, gut ein Meter hohe Würfel sind es, und sie riechen etwas faulig. Es ist Plastikmüll, genauer: Leichtverpackungen, der hier, gereinigt und sortiert, zu dicken Ballen gepresst und dann verschnürt wird. Irgendetwas scheinen die Möwenschnäbel aber immer noch zu finden, sie rupfen kreischend daran herum.

Der Müll ist jetzt wiederverwertbar – das ist der Zweck dieser Anlage im Mahlsdorfer Industriegebiet. Sie ist eine der modernsten der Welt, sagt ihr Besitzer stolz. Er heißt Eric Schweitzer und trägt eine grellorangefarbene Weste über der blauen Winterjacke. Schweitzer ist 47 Jahre alt und Chef des Berliner Entsorgungsunternehmens Alba. „Ein Familienunternehmen“, sagt er. Das klingt gemütlich und ist stark untertrieben, denn Alba ist weltweit der siebtgrößte Recyclingkonzern mit 9000 Mitarbeitern.

Schweitzers blaue Augen blitzen freundlich, als er durch die Anlage führt. Seine Anlage. Man marschiert über schmale Metallrost-Brücken, vorbei an breiten Förderbändern, an Sieben, Walzen, Rüttlern, Ansaugern und Infrarotlampen, die den Müll ordnen helfen, leichtes Plastik, schweres Plastik, Tetrapaks, Aluminium. Schweitzer erklärt gern, das sieht man ihm an, die Technik, teils von Alba entwickelt, begeistert ihn wie einen kleinen Jungen, und man vergisst in so einem Moment leicht, dass er einer der reichsten und demnächst auch einflussreichsten Männer Deutschlands ist.

Von diesem Mittwoch an wird Eric Schweitzer, der Alba-Chef, nicht nur für sein Unternehmen, sondern für die gesamte deutsche Wirtschaft sprechen. Er wird zum Präsidenten des Deutschen Industrie- und Handelskammertages gewählt, sehr sicher mit einem grandiosen Wahlergebnis. Es gibt keinen anderen Kandidaten.

Der DIHK ist neben der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) die wichtigste Interessenvertretung der deutschen Wirtschaft. Es gibt 3,6 Millionen Mitgliedsunternehmen, vom kleinen Kioskbesitzer über Baufirmen bis zu den großen Automobilherstellern. Per Gesetz ist jede deutsche Firma, jedes Unternehmen Mitglied in einer der 80 regionalen Kammern, nur Handwerksbetriebe, Freiberufler und Agrarfirmen sind anders organisiert. Eric Schweitzer wird also, ehrenamtlich, erster Repräsentant der deutschen Wirtschaft gegenüber der Bundesregierung, den Ländern, den Parteien, der Öffentlichkeit. Einen höheren Funktionärsposten gibt es nicht in Deutschland, ein Platz in der Kanzlermaschine auf Auslandsreisen ist ihm jedenfalls sicher.

Er sitzt selbst am Steuer

Schweitzer wird dieses Amt sehr wahrscheinlich mit Leidenschaft und Energie ausfüllen. Neun Jahre lang war er bereits Chef der Berliner IHK, ein Chef mit denkbar unprätentiösen Umgangsformen. Er spricht mit einem Pförtner ebenso verbindlich wie mit einem Unternehmensboss seiner Gehaltsklasse. Er ist faktensicher, kann klare Meinungen formulieren und dabei so unbedarft wirken wie der nette Klassenbeste. Als er 2004, nach der Wahl zum Berliner Kammer-Chef, im eigenen Auto zum Bundestreffen aller IHK-Präsidenten vorfuhr, da wurde ihm erst einmal gezeigt, wo der Aufenthaltsraum für die Chauffeure sei. Dass ein IHK-Chef selbst am Steuer sitzt, konnte sich niemand vorstellen.

Doch Eric Schweitzer ist auch ein beinharter Geschäftsmann, der seine Interessen hartnäckig und, wie viele sagen, sehr ehrgeizig verfolgt. „Manche wundern sich, wenn sie merken, wie tough er tatsächlich ist“, sagt einer, der mit ihm lange zusammengearbeitet hat. Und ein Unternehmer stellt nüchtern fest: „Schweitzers Programm heißt: Schweitzer und Alba.“ Dabei ist klar: Ohne Ehrgeiz und Härte wird ein Unternehmen im lobbygelenkten und korruptionsanfälligen Müllgeschäft wohl kaum so erfolgreich, wie Alba es ist.

Die unternehmerische Zwischenbilanz kann sich jedenfalls sehen lassen. In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist es Eric Schweitzer gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Axel gelungen, aus dem Familienunternehmen seines Vaters einen Weltkonzern zu machen. Die Alba Group hat rund 200 Beteiligungen in Deutschland, Europa, Asien und USA, der Umsatz lag zuletzt bei 3,2 Milliarden Euro. Zum Gewinn äußert sich Schweitzer öffentlich nie. Im Bundesanzeiger weist Alba in der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit ein Plus von 35,8 Millionen Euro für 2011 aus, der Konzernüberschuss betrug 18 Millionen Euro. Das Unternehmen entsorgt Gewerbe- und Hausmüll, baut Recyclinganlagen, gewinnt und verkauft Rohstoffe aus Abfällen aller Art, sammelt und verwertet Plastikmüll aus der Gelben Tonne.

Das zur Gruppe gehörende Unternehmen Interseroh in Köln, geführt von Axel Schweitzer, ist zudem eine Größe im Metallrecycling. Alba ist die Nummer 2 der Branche in Deutschland, die Nummer 5 in Europa. Vor allem das internationale Potenzial ist gewaltig: Die Müllmengen wachsen rasant. Benötigt werden immer mehr Rohstoffe. Zugleich steigt die Bedeutung des Klimaschutzes – und Alba verfügt über die modernste Technik dafür. Das Wort Müll meidet Schweitzer: Er spricht lieber vom Recycling- und Umweltdienstleister, vom Rohstoffversorger Alba.

Begonnen hat dies alles vor 45 Jahren mit einem gebrauchten Lkw in Berlin. Schweitzers Vater, Bauingenieur bei Hochtief, war 1968 mit seiner Familie aus dem Ausland zurückgekehrt. Franz Josef Schweitzer hatte zwar keine Vorkenntnisse in Sachen Müllabfuhr, schloss aber mit dem Hotel Kempinski am Kudamm einen Vertrag. Er fuhr die Abfallhaufen vom Hof, die die Stadtreinigung nicht zuverlässig bewältigte. Er besorgte dafür drei Laster, stellte sechs Leute ein und bezog mit Frau und Söhnen eine Baracke auf einem Gewerbehof in der Koloniestraße im West-Berliner Arbeiterbezirk Wedding. Vorn das Büro, hinten raus die Kinderzimmer. Die Erkenntnis des Vaters, dass im Abfall wertvolle Dinge stecken, die man sich nicht entgehen lassen sollte, ist bis heute die elementare Geschäftsidee des Unternehmens. Eric Schweitzer erzählt gern, wie der Vater die Teenager frühmorgens zur Schutthalde gebracht, einen Behälter aufgestellt und viel Glück beim Schrottsammeln gewünscht habe. Stundenlang klaubten die Jungs alles zusammen, was nach Metall aussah, an guten Tagen bekamen sie abends beim Schrotthändler ein paar Hundert Mark dafür. Die entscheidende Erfahrung: Die Kinder durften das Geld behalten.

Harte Kämpfe im Hintergrund

Die Schweitzer-Söhne studierten und promovierten in Rekordzeit und stiegen Anfang der 90er in die Firma ein. Eric kümmerte sich zunächst um die Ausweitung des Entsorgungsgeschäfts in den neuen Bundesländern. Es muss eine Art Goldgräberstimmung geherrscht haben. Tatsächlich wuchs Alba in den 90er-Jahren gerade auch deshalb, weil es dem Unternehmen gelang, beim „Grünen Punkt“ mitzumischen. Alba entsorgte in Berlin und anderswo die von Umweltminister Klaus Töpfer (CDU) eingeführten Gelben Tonnen mit dem Plastikmüll. Eine Gelddruckmaschine, ja ein Selbstbedienungsladen sei dies für die Beteiligten gewesen, sagen Branchenkenner, besonders in den ersten Jahren.

Sehr viel Geld stand zur Verfügung, ein bisschen wie von Zauberhand. Denn die Entsorgung der Verpackungen, organisiert vom privatwirtschaftlichen Dualen System Deutschland, finanziert jeder Verbraucher über höhere Preise an der Ladenkasse. Pro Einkauf sind das nur Cent-Beträge, doch kamen auf diese Weise ganz legal Milliardensummen zusammen. Auf diese Weise kann man im ökologisch bewussten Deutschland sehr reich werden. Im Jahr 2003 griff schließlich das Bundeskartellamt ein, rügte wettbewerbsfeindliche Absprachen und beendete das „Goldesel“-Prinzip, wie es der FU-Umweltexperte Michael Weltzin, wissenschaftlicher Berater der Grünen im Bundestag, nennt. Alba gehörte nicht zu den damals per Polizeirazzia durchsuchten Firmen. Verdient wurde ohnehin genug.

#image1

Eric Schweitzer baute in diesen Jahren das Geschäft im Ausland aus und engagierte sich zu Hause als Lobbyist. Er wurde Präsident der Berliner IHK, mit 275.000 Mitgliedsunternehmen die zweitgrößte Kammer in Deutschland. Auch als DIHK-Chef wird er an der Spitze der Berliner Kammer bleiben. Wie es sich für einen Verbandschef gehört, forderte er Jahr für Jahr Bürokratieabbau, Privatisierungen und bessere Schulergebnisse, damit Berlins Betriebe gute Auszubildende bekommen. Beim Thema Abfallentsorgung hielt er sich zwar offiziell zurück und vermied jede öffentliche Stellungnahme als IHK-Präsident, um nicht parteiisch zu wirken.

Im Hintergrund lieferte sich der Alba-Chef allerdings harte Kämpfe mit der Berliner Stadtreinigung (BSR), der größten kommunalen Müllabfuhr in Deutschland. Ganz so sauber wie der Müll in der Recyclinganlage waren die Rollen nicht zu trennen. Alba sammelte in der lukrativen Gelben Tonne immer mehr Wertstoffe, was der BSR – also den Berliner Gebührenzahlern – empfindliche Einbußen brachte. Zeitgleich veröffentlichte die IHK, unter Schweitzer klar politisch aufgestellt, Studien mit klingenden Titeln wie „Auf dem Weg zur Hauptstadt der Green Economy“ oder „Fahrplan für mehr Wettbewerb“ – in denen Albas „Gelbe Tonne Plus“ ausdrücklich gelobt wurde. Schweitzers IHK-Hauptgeschäftsführer Jan Eder übernahm es, ganze Pressemitteilungen mit Lobpreisungen des Alba-Systems zu füllen.

Auch der Bundesverband der Entsorgungswirtschaft (BDE) assistierte oft passgenau mit Aufrufen zu mehr privatem Wettbewerb im Müllgeschäft. Kaum zufällig, denn BDE-Chef ist der Ex-Alba-Vorstand Peter Kurth, den Schweitzer nach dessen Aus als CDU-Finanzsenator ins Unternehmen geholt hatte. Ein regelrechter „Müllkrieg“ um die Wertstoffe entwickelte sich in Berlin, am Ende gab es einen Waffenstillstand: BSR und Alba stellten eine gemeinsame Tonne auf. Farbe: BSR-orange.

Auch die Gewerkschaften in Berlin haben mit Schweitzers betrieblichen Gepflogenheiten Probleme. Bereits 2002 trat Alba aus dem Flächentarifvertrag aus, immer wieder gab es Konflikte um Lohndrückerei. Von den 45 Beteiligungen Albas in Berlin und Brandenburg hätten allenfalls zehn einen Betriebsrat, beklagt Verdi-Sekretär Dieter Wickel. Er führt das etwas vage auf „versteckten Druck“ zurück. Bei mehr als 30 der regionalen Firmen gebe es keine Tarifbindung. „Da herrscht dann das Hausrecht.“ Die Löhne liegen laut Verdi-Statistik 15 bis 20 Prozent unter den ausgehandelten Branchenvergütungen. Alba rechnet anders: Die Mitarbeiter bekämen „in vielen Fällen“ deutlich mehr als Tarif, 70 Prozent von ihnen seien durch Betriebsräte vertreten. Er könne einen Betriebsrat ja nicht selbst gründen, sagt Schweitzer.

Es geht aufwärts

Ein „begnadeter Netzwerker“ sei er, das sagen auch Gegner. Bei Heimspielen der Alba-Basketballer, deren Sponsor das Unternehmen seit 1991 ist, knüpft und pflegt er Kontakte. Er hat beste Beziehungen in den Berliner Senat, auch in die Bundesregierung. Er flog im Tross der Bundeskanzlerin nach China mit, er sitzt in Merkels Nachhaltigkeitsrat. Beim Staatsbesuch in der Türkei war er dabei und unterzeichnete gleich einen Joint-Venture-Vertrag. Parteipolitisch kennt er kaum Berührungsängste. Er war mal in der CDU, mal in der FDP. Zur Berlin-Wahl 2001 war er im Wahlkampfteam von Frank Steffel (CDU). Die Grüne Renate Künast kam schon zur Alba-Sauvesper nach Berlin-Dahlem. Er tritt bei der SPD-Fraktionsklausur auf und war sich auch nicht zu schade, den ehemaligen Wirtschaftssenator Harald Wolf von der Linkspartei zu loben.

Ohne seinen Erfolg als Unternehmer wäre Schweitzer aber nie für das DIHK-Hochamt in Frage gekommen. Seine Wahl ist auch ein Zeichen für die Veränderungen im Verhältnis der Republik zu ihrer Hauptstadt. Der Alba-Manager ist seit der Wende der erste Berliner, der eine Spitzenfunktion in den Wirtschaftsverbänden übernimmt. Seine Vorgänger kamen stets aus dem Westen, von dort, wo die geballte Wirtschaftskraft sitzt. Aber aus dem einst drittklassigen Wirtschaftsstandort Berlin ist eine Stadt mit bemerkenswerter Dynamik geworden. Schweitzer hat als IHK-Präsident seinen Anteil daran. Noch hat der Standort zwar nicht die Wirtschaftskraft von Baden-Württemberg oder Bayern, aber es geht aufwärts. Berlin wird nun ernst genommen. Auch dafür steht Schweitzers Aufstieg.