Aldi Nord kürzt Öffnungszeiten: Gibt es in Berlin bald einen Energie-Lockdown?

Aldi Nord will seine Filialen früher schließen, um Energie zu sparen. Ziehen andere Einzelhändler nach? Wie der Einzelhandel in Berlin sich gegen die Energiekrise stemmt.

Das Firmen-Logo eines Aldi Marktes
Das Firmen-Logo eines Aldi Marktesdpa/Rolf Vennenbernd

Eine sechszeilige Mitteilung reichte, um Erinnerungen wachzurufen. Am 18. Oktober verkündete Aldi Nord auf Twitter, als „erster Lebensmitteleinzelhändler in Deutschland“ ab dem 1. November und den ganzen Winter lang viele Filialen bereits um 20 Uhr statt um 21 Uhr oder um 22 Uhr zu schließen. Das Unternehmen leistet damit aktiv „einen Beitrag zum Energiesparen“, hieß es.

Noch steht nicht fest, welche Aldi-Märkte konkret früher schließen sollten, doch das Echo war groß. Viele Menschen begrüßten die Maßnahme, die anderen dürfte sie jedoch an die Corona-Lockdowns erinnern, als die Gastronomen komplett schließen und viele Einzelhändler ihre Öffnungszeiten verkürzen sollten. Mit der Energiekrise stehen wir vor einer neuen Realität. Setzt Aldi Nord hiermit einen neuen Trend?

Rewe: Die Energieeinsparung geht so nur minimal

Macht die Entscheidung von Aldi Schule, könnte eine ähnliche Situation wie in den Lockdowns auch im kommenden Winter drohen. Danach sieht es aber vorerst nicht aus. Auf Anfrage der Berliner Zeitung teilt der Pressesprecher von Rewe, Thomas Bonrath mit, dass eine Verkürzung der Öffnungszeiten weder für die Rewe- noch für die Penny-Märkte geplant sei. Nach Ansicht der Rewe Group wäre die damit erzielte Energieeinsparung minimal, da mehr als die Hälfte des Energiebedarfs der Lebensmittelmärkte auf die Kühlschränke und Tiefkühltruhen entfällt, die 24/7 in Betrieb sein müssen. Zudem möchte die Rewe Group Energieeinsparungen erzielen, ohne die Kunden einzuschränken.

Ohnehin verfolgt das Unternehmen, so Bonrath, bereits seit Jahren eine Nachhaltigkeitsstrategie, die ein professionelles Energiemanagement mit einschließt. So erfolgt zum Beispiel die Beleuchtung der Märkte über energiesparende LEDs. Auch nutzen die Heizsysteme die Abwärme der Kühlanlagen, die ihrerseits über Türen oder Glasscheiben verfügen, um die Wärmeverluste zu minimieren. Zum Konzept gehören auch Photovoltaikanlagen auf den Dachflächen, Zeitschaltungen für die Heizungen und je nach Möglichkeit eine Reduzierung der Beleuchtung im Außenbereich. Somit konnten bereits in den letzten Jahren „deutliche Energiesparpotenziale“ umgesetzt werden. Die Innovationsmöglichkeiten von Discountern wie Aldi dürften an der Stelle geringer sein.

Kaufland heizt mit Abwärme der Kühlanlagen

Auch Kaufland-Kunden müssen vorerst nicht fürchten, um 20 Uhr vor verschlossenen Türen zu stehen. Die Filialen decken bereits vier Fünftel ihres Wärmebedarfs, lässt die Pressestelle wissen, indem sie die Abwärme der Kühlanlagen verwenden. Zusätzlich seien hier in den letzten Jahren verglaste Kühlschränke und Kühltruhen implementiert worden, und Neubauten würden zudem nach Möglichkeit Photovoltaikanlagen erhalten. Frühere Schließungen, so der Pressesprecher Dominik Knobloch, seien dagegen nicht vorgesehen.

Der andere Discounter und der unmittelbare Konkurrent von Aldi, Lidl – der wie Kaufland zur Schwarz Gruppe gehört –, stellt seinerseits die Erwartungen der Kunden in den Vordergrund. Vor allem Berufstätige würden von längeren Öffnungszeiten profitieren, sagt ein Pressesprecher. Aus diesem Grund wird eine Veränderung nicht erwogen.

Ähnlich geht es auch der Biolebensmittel-Kette Alnatura. Die Märkte würden sich an die älteren Vorgaben des Wirtschaftsministeriums zur Sicherung der Energieversorgung halten, heißt es. Sie würden also die Temperatur in Nichtwohngebäuden auf 19 Grad reduzieren und die beleuchteten Werbetafeln von 22 bis 6 Uhr ausschalten. An den Öffnungszeiten der Filialen wird sich aber nichts ändern.

Einzelhändler in Berlin sparen bei Beleuchtung und Spülmaschine

Wer sich die Preise von Rewe und Kaufland nicht leisten kann, wird sich an die neuen Öffnungszeiten allerdings schon anpassen. Hinter der Entscheidung der vielen Einzelhändler, nichts an den Öffnungszeiten zu ändern, steht jedoch eine einfache Nutzen-Risiko-Abwägung: Soll ich unbedingt mehr Energie sparen oder will ich alle Kunden behalten?

Doch nicht nur die Supermärkte, sondern auch viele Inhaber kleiner Geschäfte in Berlin ächzen unter hohen Strom- und Gaskosten. Gleichzeitig versuchen sie, nach zwei Corona-Jahren ihren Umsatz zu steigern und mit dem Online-Handel halbwegs erfolgreich zu konkurrieren.  Möchten kleine Geschäfte eine attraktive Alternative zum Online-Handel bieten, müssen sie sich so flexibel wie möglich positionieren. Wenn sie noch die Öffnungszeiten verkürzen, könnte es vor allem außerhalb des Lebensmittelhandels dazu führen, dass noch mehr Menschen online kaufen.

Der Weinhandel ist so ein Beispiel. Norbert, ein Verkäufer bei Jacques’ Wein-Depot in Berlin-Pankow, sagt der Berliner Zeitung dazu, dass kürzere Öffnungszeiten fürs Geschäft, das vor allem mit Weinverkostungen werbe, nicht infrage kommen. Denn der Name Jacques’ ist nur eine Franchisemarke, hinter der selbstständige Wein-Facheinzelhändler in ganz Deutschland stecken. Der Shop in Berlin-Pankow setzt nach seinen Angaben bereits Energiesparmaßnahmen um. Dafür wird die Beleuchtung reduziert, wenn es draußen hell genug ist. Auch optimieren die Mitarbeiter die Nutzung der Spülmaschine. Frühere Schließzeiten würden jedoch gerade an den umsatzstarken Tagen einen Umsatzverlust bedeuten, so Norbert.

Somit ist es unwahrscheinlich, dass deutsche Fußgängerzonen und Einkaufszentren in diesem Winter wieder an eine Einöde erinnern werden. Möglich ist, dass die Beleuchtung spärlicher wird. Dennoch müssen und werden Geschäftsinhaber um Kunden kämpfen. Es bleibt abzuwarten, ob sie die auf Rekordtief gesunkene Kauflaune umkehren können. Angesichts der hohen Inflation werden viele Verbraucher zwingend sparen müssen, und eine Trendwende ist vorerst nicht in Sicht.

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