Geschlossene Läden und leere Städte lassen das Versandgeschäft mit Gütern aller Art boomen.
Foto: dpa/Marcel Kusch

BerlinWird sich, was jetzt geschieht, in das kollektive Gedächtnis der Menschheit so einbrennen wie die Pestepidemien des Mittelalters, die Verheerungen des 30-jährigen Krieges, oder die Erinnerung der Älteren an die letzte Kriegs- und Nachkriegszeit?

Was den Menschen in den ärmsten Ländern der Welt bevorsteht, sprengt unsere Vorstellungskraft. Schon fast vergessen sind die Luxusdebatten der jüngsten Tage, als darüber diskutiert wurde, ob Geisterspiele der Fußball-Bundesliga zumutbar seien oder Olympische Spiele unaufschiebbar. Hamsterkäufe wurden eher belustigt wahrgenommen. Heute scheint es bereits absurd, dass uns diese Themen mit so viel medialer Aufmerksamkeit und irrwitziger Uneinsicht überhaupt beschäftigen konnten. Die Furcht, dass nichts mehr so sein wird, wie es war, dass eher alles noch schlimmer werden könnte, frisst sich in die Träume und Momente des Aufwachens vor den ersten Nachrichten.

Doch wie in allen Krisen gibt es auch in einer weltumfassenden Pandemie Gewinner. Es scheint, als stünden sie in gehörigem Sicherheitsabstand auf der Tribüne und beobachteten durch ihre Fernstecher das Überlebensspektakel in der Manege, wo selbst einstige Konkurrenten aus der Upperclass wie Apple und Microsoft mit 30 Prozent Aktienverlusten im Staub liegen.

Amazons Einkünfte explodieren

Für Amazon läuft es dagegen bestens. In nur zehn Tagen hat das Megaunternehmen 100 Milliarden Dollar an Wert zugelegt. Geschlossene Läden und leere Städte lassen das Versandgeschäft mit Gütern aller Art boomen. Dazu haben Heimarbeitsplätze und ein gewaltig gewachsener Datenaustausch den Umsatz des Amazon-Web-Service mit gemieteter Speicherkapazität in der Cloud die Einkünfte explodieren lassen. Hinzu kommt der gestiegene Bedarf an Serien und Filmen, die per Amazon Prime gestreamt werden, um die Langeweile in den Wohnungen zu bekämpfen.

Es heißt, Jeff Bezos persönlich sei in zwei Wochen um zehn Milliarden Dollar reicher geworden. Mehr als die Hälfte der Verbraucher öffnet im Netz zuerst die Suchmaske von Amazon. Für sie zählt nur, was über die Plattform verkauft wird. Die „Amazonisierung des Handels“ scheint unaufhaltsam zu sein.

Das wäre – wenn die EU nicht gerade an den Grenzen ihrer Handlungsfähigkeit angelangt wäre – eigentlich der richtige Moment, von Amazon endlich eine gerechte Steuerzahlung zu verlangen. In vielen Ländern werden gerade Milliarden-Hilfspakete für den Überlebenskampf der Wirtschaft zusammengestellt, während Amazon an der Neuaufteilung der Weltwirtschaft arbeitet. Das ist im Großen so ein Skandal wie im Kleinen die findige Geschäftsidee der Manager von Adidas, H&M und anderen, die Aussetzung von Ladenmieten zunächst auch für sich zu beanspruchen. Die Mietstundungen waren als Hilfe vorgesehen für Zehntausende Läden, denen das Existenz-Aus droht.

Aber das Prinzip, wonach sich jeder selbst der nächste zu sein hat, steckt so tief in der DNA des Neoliberalismus, dass Appelle, in einer Notsituation an die solidarische Gesellschaft gerichtet, von den Cleveren nur als weltfremde Fantasterei wahrgenommen werden.

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