Berlin - Soziale Marktwirtschaft ist kein Lieblingsthema des Amazon-Gründers Jeff Bezos. Neulich lud der Senator Bernie Sanders den mächtigen Unternehmer ein, im Haushaltsausschuss des Senats zu erklären, warum er bereit war, viel Geld auszugeben, um die Gewerkschaftsgründung an einem Standort zu vermeiden, während die Mitarbeiter unübersehbar gute Arbeit geleistet hatten. Denn Amazon ist während der Pandemie um 78 Milliarden Dollar reicher geworden. Bezos lehnte erwartungsgemäß ab. Sanders schrieb danach bei Twitter: „Jeff Bezos, der reichste Mensch der Welt, ist in vielerlei Hinsicht ein Symbol für den uneingeschränkten Kapitalismus, den wir heute in Amerika sehen.“

Wie aber kann es dann sein, dass der 57 Jahre alte Bezos sich für die von US-Präsident Joe Biden angekündigte Anhebung der Unternehmensteuer von 21 auf 28 Prozent ausgesprochen hat? Bezos schrieb von einer richtigen und ausgewogenen Lösung, die die Wettbewerbsfähigkeit der USA erhalte oder steigern werde. Da passt irgendetwas nicht zusammen. Amazon wird seit Jahren kritisiert, weil der Konzern wenig oder gar keine Unternehmenssteuern zahlt. Auch Biden hatte Amazon kürzlich angegriffen: Er zitierte eine Studie von 2019, wonach viele der 500 weltweit größten Unternehmen, „inklusive Amazon, keinen einzigen Penny Bundessteuer zahlen“. 

Es wäre nur zu schön, wenn der uneingeschränkte Kapitalist Bezos einmal nicht nur an sich selber dächte, es nicht um Gier und Habsucht ginge. Doch der US-Präsident plant mit den Steuereinnahmen ein Infrastruktur-Investitionsprogramm. Es geht also darum, Straßen sicherer zu machen, Bahnstrecken auszubauen und Flughäfen zu modernisieren.

Davon würde Amazon so sehr wie kaum ein anderes Unternehmen profitierten. Das Geschäftsmodell des Onlineversandhändlers basiert auf einem funktionierenden Transport- und Logistiksystem. Die Steuerausgaben würden die Transportwege schneller und sicherer machen – Bezos und Amazon wäre also mit staatlicher Finanzierung geholfen, das Geschäftsmodell noch erfolgreicher zu machen. Der Verdacht liegt nahe, dass es Bezos nur darum geht.