Digital-Unternehmen siedeln sich in Berlin an.
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BerlinEs ist ein Bau, in dem sich der Technologiestandort Berlin unübersehbar manifestieren wird. 140 Meter soll der sogenannte Edge-Tower in den nächsten fünf Jahren an der Warschauer Brücke in die Höhe wachsen. Ist der Turm mit seinen 35 Etagen fertig, wird er nahezu komplett von Amazons Berliner Forschungs- und Entwicklungsbereich bezogen. Ab 2024 sollen dort etwa 3500 IT-Spezialisten an neuen Sprachassistenten, Cloud-Anwendungen und Übersetzungsprogrammen arbeiten. Es werden dann dreimal mehr Amazon-Entwickler in Berlin tätig sein als heute.

Nachdem Google vor ziemlich genau einem Jahr seine Pläne für einen Campus in Kreuzberg nach heftigen Protesten begrub und dem Investitionsklima der Hauptstadt danach prompt ein irreparabler Schaden prophezeit wurde, wirkt der Magnet Berlin nun stärker als zuvor. Vor allem im Technologiebereich.

SAP will Digital-Campus in Berlin aufbauen

Erst vor vier Wochen hatte SAP als wertvollster Dax-Konzern bekannt gegeben, am Hauptbahnhof einen Digital-Campus zu installieren. 200 Millionen Euro will das nach Microsoft und Oracle drittgrößte Softwareunternehmen der Welt dafür in Berlin investieren. 1200 Menschen werden in dem Komplex arbeiten, womit die Zahl der SAP-Mitarbeiter in Berlin um fast 500 steigt. Siemens macht 600 Millionen Euro locker, um an der Spandauer Nonnendammallee eine neue Siemensstadt entstehen zu lassen, die Forschungs- und Produktionsstandort, Technologiepark und Brutkasten für neue Ideen sein soll. Und inzwischen ist auch Google doch noch ein Berliner. Im Sommer hatte das Unternehmen ein Bürohaus am Bahnhof Friedrichstraße gekauft und dort 300 Arbeitsplätze geschaffen.

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Im Berliner Senat ist man ob der Entwicklung hoch erfreut. „Berlin ist wirtschaftlich eine Erfolgsgeschichte“, sagt Wirtschaftssenatorin Ramona Pop von den Grünen und verweist darauf, dass allein seit Amtsantritt des Senats über 100.000 neue Arbeitsplätze entstanden seien. Die vergangenen Zeiten mit fast 20 Prozent Arbeitslosigkeit wünsche sich sicher niemand zurück, sagt sie. „Deshalb sind Unternehmensansiedlungen wie SAP oder jetzt Amazon und die Schaffung gut bezahlter Arbeitsplätze eine gute Nachricht.“

Tatsächlich geht es in erster Linie nicht mehr um prekär bezahlte, sondern gut dotierte Jobs, und die Firmen wissen, dass sie vor allem in Berlin das gesuchte Personal finden können. Hier sind die Hochschulen und Institute zu Hause und hier herrscht das kreative und auch kulturelle Klima, das die besten Köpfe anzieht. Das berufliche Digital-Netzwerk LinkedIn, nach eigenen Angaben weltweit die Nummer eins, ermittelte kürzlich, dass etwa jeder zweite der über 700.000 registrierten Mitglieder in der Hauptstadtregion über digitale Fach- und Anwendungskompetenzen verfügt. Fast jeder fünfte der Experten für Künstliche Intelligenz in Deutschland arbeitet in Berlin.

Nicht ohne Grund kommen die am stärksten wachsenden Arbeitgeber in der Hauptstadt aus dem Tech-Bereich. Sie heißen Zalando, N26, Wayfair, Auto1 oder Delivery Hero. Volkswagen, derzeit zuvorderst eine analoge Größe im Wirtschaftsleben, hat im Sommer an der Mollstraße in Mitte einen Bürokomplex von Zalando übernommen, um dort seine Digital-Division aufzubauen. 5000 Menschen sollen dort einmal arbeiten.

Allerdings hat der Hauptstadt-Boom auch eine Kehrseite. Büroflächen sind hier mittlerweile so knapp wie nie zuvor. Die Leerstandsrate ist die geringste im ganzen Land. Entsprechend hoch sind die Mieten. Laut Immobiliendienstleistungsunternehmen Cushman & Wakefield liegt die Spitzenmiete aktuell bei 38 Euro pro Quadratmeter, das sind sechs Euro mehr als noch vor einem Jahr. Die Durchschnittsmiete kletterte um 27 Prozent auf 25,05 Euro, und Besserung ist kaum in Sicht. Von den für 2020 erwarteten neuen Flächen sind 70 Prozent bereits vorvermietet.

Verband warnt: Start-ups nicht vergessen

Bei aller Freude über die Ansiedlungen von Amazon & Co warnt man beim Bundesverband Deutsche Start-ups inzwischen davor, kleine Unternehmen zu vergessen. „Das wäre ein fataler Fehler“, sagt Christoph Stresing, Geschäftsführer Politik. Große Player kämen auch wegen der vitalen Start-up-Szene nach Berlin. Die jungen, technologieorientierten Start-ups gehörten zu der mittlerweile berühmten Vielfalt, die diese Stadt attraktiv macht. „Diese Firmen brauchen auch Platz zum Atmen und Wachsen“, sagt Stresing. Das müsse eine zentrale Aufgabe der Politik sein.

Insbesondere im Innenstadtbereich ist es für Jungunternehmen heute immer schwerer, geeignete und bezahlbare Büroflächen zu finden. Dabei ist die Citylage nicht vordergründig wegen der besseren Cafés und der größeren Veggie-Bistro-Dichte von Bedeutung. Der Firmensitz sei oft ganz entscheidend im harten Wettbewerb um die talentiertesten Köpfe, heißt es in der Szene.

Offenbar hat sich Berlin also vom Ideal des Start-up-Standorts entfernt. Der „Global Startup Ecosystem Report“, der jährlich die Bedingungen für Jungunternehmen in internationalen Metropolen analysiert, hatte Berlin im vergangenen Jahr auf Platz sieben gelistet. In der aktuellen Ausgabe rangieren wir nur noch auf Platz zehn hinter Paris.