Aus dem Abfall auf den Teller: Containern soll legal werden

Ampelpolitiker wollen Menschen nicht mehr belangen, die Lebensmittel aus dem Müll der Supermärkte entnehmen. Die Branche lehnt den Vorstoß ab.

„Containern“ nennt man es, wenn Lebensmittel aus Abfalleimern geholt werden. Das soll künftig nicht mehr bestraft werden. 
„Containern“ nennt man es, wenn Lebensmittel aus Abfalleimern geholt werden. Das soll künftig nicht mehr bestraft werden. Roshanak Amini für Berliner Zeitung am Wochenende

Thomas Weber wartet auf eine Nachricht von seiner Facebook-Gruppe „Containern in Berlin“. Vielleicht wird er an diesem Abend mit anderen Mitgliedern der Gruppe auf der Suche nach nicht abgeschlossenen Mülltonnen vor Supermärkten durch die Straßen ziehen. Das wäre das erste Mal containern für ihn. So wird die Suche nach verwertbaren Lebensmitteln genannt, die andere in den Abfall geworfen haben. Die Müllsucher durchwühlen gern die Tonnen von Supermärkten und Einzelhändlern.

Werden sie dabei erwischt, können die Besitzer der Müllbehälter Anzeige erstatten. Containern wird in Deutschland als Diebstahl gewertet und ist strafbar. 

Geht es nach Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) und Justizminister Marco Buschmann (FDP) könnte sich das künftig zumindest ein wenig ändern. Sie forderten vergangene Woche gemeinsam eine Legalisierung des Containerns unter bestimmten Bedingungen. Hamburg hatte bereits 2021 einen Vorschlag vorgelegt, das Straf- und Bußgeldverfahren für das Containern zu reformieren. 

Containern soll unter bestimmten Voraussetzungen straffrei sein

Die Minister Özdemir und Buschmann setzen sich für eine Straffreiheit des Containerns unter bestimmten Voraussetzungen ein. So dürfte bei der Müllsuche kein besonderer Aufwand nötig sein, um physische Hindernisse auf dem Weg zum Müllcontainer zu überwinden. Andernfalls liege Hausfriedensbruch vor, erklären sie in einem gemeinsamen Schreiben.

Hebeln die Müllsucher ein Tor auf, um zu den Müllbehältern zu gelangen, bleibt das Containern strafbar. Muss nur ein kniehohes Mäuerchen überwunden werden, könnte die Sachlage nach den Vorstellungen der Minister künftig anders aussehen. Auch Sachbeschädigungen, etwa beim Aufknacken von mit Schlössern gesicherten Behältern, sollen nach den Plänen der beiden Minister auch in Zukunft geahndet werden.

Die Erwartungen sind gering

Thomas Weber erwartet sich wenig von den Plänen der Minister. Auch derzeit werde nur nach einer Anzeige der Mülltonnenbesitzer ermittelt, meint er. Verfahren würden regelmäßig wegen Geringfügigkeit eingestellt. Weber ist sich aber bewusst, dass er beim Containern geltendes Recht bricht. Er behält deshalb seinen echten Namen für sich. Weber könnte der Stimme nach ein Mann in den Zwanzigern sein. Etwas unwohl fühle ich mich schon. „Ich weiß ja nicht, ob ein Händler nicht doch Anzeige erstatten wird, wenn wir erwischt werden“, sagt er.

Etwas unwohl fühle ich mich dabei schon

Thomas Weber, Mitglied einer Facebook-Gruppe zum Containern

Weber erklärt, warum er trotz des Risikos, sich strafbar zu machen, unter die Müllsucher gehen will. „Ich bin gegen Lebensmittelverschwendung“, sagt er. „Ich denke, viele, die das Containern betreiben, machen das aus ideellen Gründen, nicht weil sie arm sind“, sagt er.

Das Containern gilt als Ausdruck des Protests

Wie viele Menschen in Müllbehältern von Supermärkten nach verwertbaren Lebensmitteln suchen, ist nicht bekannt. Die Facebook-Gruppe „Containern in Berlin“ hat 6316 Mitglieder. Sie tauschen sich über Supermärkte aus, bei denen der Zugriff auf Abfallcontainer einfach ist. Experten sehen das Containern tatsächlich eher im Zusammenhang mit globalisierungs- und kapitalismuskritischen Haltungen als mit Bedürftigkeit. Für Menschen mit knappem Budget gibt es in Deutschland andere Möglichkeiten, sich mit Essen zu versorgen. Tafelläden geben etwa Ware aus Supermärkten, die sonst im Müll landen würde, an Menschen mit geringem Einkommen weiter.

Tafeln unterstützen Legalisierung

Die Berliner Tafeln sprechen sich für die Pläne der Bundesminister aus. „Uns erschließt es sich auch nicht, warum es überhaupt dazu kommt, dass Supermärkte Lebensmittel im Müll entsorgen“, meint Antje Trölsch, Geschäftsführerin der Berliner Tafel. Ähnlich bewertet das auch die Berliner Landesregierung. Sie will das Vorhaben der Bundesminister unterstützen.

Branche lehnt Vorstoß ab

Der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels BVLH bewertet das Containern als potenziell gesundheitsschädlich. So könnten etwa Lebensmittel aus Waren­rück­rufen konsumiert werden, die mit Fremdkörpern wie Glas- oder Metallsplitter verunreinigt sind, warnt Christian Böttcher, Sprecher des BVLH.

Verband warnt vor Gesundheitsgefahren

Auch nach gängiger Rechtslage gibt es Möglichkeiten, Verfahren einzustellen

Christian Böttcher, BVLH

Böttcher hält die Pläne der beiden Minister für überflüssig. „Auch nach gängiger Rechtslage gibt es Möglichkeiten, Verfahren einzustellen“, sagt er. Da viele Supermärkte ihre Mülltonnen abschließen oder mit Barrieren schützten, dürfte auch bei einer Neuregelung die meisten Fälle von Containern strafbar bleiben. Die von den Ministern vorgeschlagene Änderung sei nur homöopathisch dosiert, meint der Sprecher.

Neuregelung sei unnötig

Jedes Signal zu einer Entkriminalisierung ginge aber in die falsche Richtung, meint Böttcher. „Wer containert, gefährdet die eigene Gesundheit“, sagt er. Das Verbot setzt für den Sprecher immerhin ein Zeichen.

Der BVLH schlägt als Mittel gegen das Anwachsen des Lebensmittel-Müllbergs Anpassungen im Lebensmittel- und Steuerrecht vor, um Supermärkten und Lebensmittelgeschäften Warenspenden an Hilfsorganisationen zu erleichtern. 

Supermärkte versorgen Tafeln

BVLH-Sprecher Christian Böttcher betont, dass Tafeln in Deutschland bereits erheblich von Lebensmittelhändlern versorgt würden. „Wir spenden 80.000 Tonnen Ware im Jahr an die Tafelläden“, sagt Böttcher. Die Branche optimiere außerdem ihr Planungswesen, um Verschwendung weiter zu reduzieren. „Das ist allerdings für einen Supermarkt schwieriger als für den einzelnen Verbraucher“, meint Böttcher. 

Wir spenden 80.000 Tonnen Ware im Jahr an Tafelläden

Christian Böttcher, BVLH

Der Verband lehnt nicht nur strafbares Containern ab, sondern auch ein von Klimaaktivisten gefordertes Gesetz gegen Lebensmittelverschwendung nach französischem Vorbild.

Branche lehnt Gesetz gegen Verschwendung ab

Die Entsorgung nicht verkaufter Lebensmittel ist seit 2016 Einzelhändlern und Supermärkten in Frankreich verboten. BVLH-Sprecher Böttcher ist überzeugt, dass die Branche auch ohne eine entsprechende Gesetzgebung in Deutschland Lebensmittelverschwendung wirksam einschränken könne. Der Verband habe dem Landwirtschaftsministerium bereits Vorschläge für eine entsprechende Zielvereinbarung übermittelt, erklärt Böttcher. Sie soll dann als Selbstverpflichtung für die Unternehmen gelten, erläutert der Sprecher. 

Es sei außerdem falsch, bei der Lebensverschwendung immer zunächst an die Händler zu denken, meint der Sprecher. „Der Handel produziert sieben Prozent der Lebensmittelabfälle in Deutschland, den Rest schmeißen die Verbraucher weg“, sagt Böttcher. Laut dem Sprecher des BVLH ist der Berg, den Deutsche im Jahr mit weggeworfenen Lebensmitteln anhäufen, elf Millionen Tonnen schwer. 800.000 Tonnen stammen Böttcher zufolge aus dem Lebensmittelhandel.