Es geht um eine Billion Euro – 1000 Milliarden. Die möchte die Europäische Zentralbank (EZB) in die europäische Wirtschaft pumpen, um die Konjunktur anzukurbeln und die Inflationsrate zu erhöhen. Um dieses Ziel zu erreichen, wird die EZB am kommenden Donnerstag wahrscheinlich ein groß angelegtes Programm zum Ankauf von Anleihen beschließen.

Es ist ihre letzte und stärkste Waffe. Das Problem: Der Anleihekauf bleibt voraussichtlich wirkungslos. Dennoch muss die EZB handeln. Denn die Finanzmärkte haben ihren Beschluss schon vorweggenommen. Bleibt die Zentralbank untätig, drohen steigende Zinsen, Kapitalflucht und ein Kurssturz an den Börsen. „Die EZB ist ein Gefangener der Finanzmärkte“, so Patrick Artus von der französischen Bank Natixis.

Seit langem scheitert die EZB an ihrer zentralen Aufgabe: Geldwertstabilität, definiert als eine Inflationsrate von knapp unter zwei Prozent. Tatsächlich ist die Teuerung in der Euro-Zone seit Monaten im Sinkflug, im Dezember sackte sie sogar unter null Prozent.

Der Grund liegt in der schwachen Konjunktur und den Folgen der Euro-Krise. Sparprogramme bremsen die Staatsausgaben, Lohnsenkungen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit drücken die private Nachfrage. In diesem Umfeld haben Unternehmen keinen Spielraum, ihre Preise zu erhöhen. Angesichts der flauen Konjunktur investieren sie nicht. Stattdessen horten sie ihr Geld und nehmen keine neuen Kredite auf.

Diesen Teufelskreis versucht die EZB seit langem zu durchbrechen: Sie versorgt die Banken mit jeder Summe, die sie wünschen, zu niedrigsten Zinsen. Doch die Banken verzichten lieber auf das Geld der EZB. Obwohl sie Kredite von der Zentralbank zu Leitzinsen von fast null Prozent erhalten könnten, vergeben sie zum Beispiel in Italien Darlehen an Unternehmen nur zu Zinsen von vier bis fünf Prozent – zu viel für die dortigen Firmen.

Die stärkste Waffe der EZB

Folge: Die Kreditvergabe in der Euro-Zone schrumpft immer stärker. Denn starke Firmen könnten zwar billige Kredite bekommen, verzichten aber lieber. Schwache Firmen gerade in Südeuropa hätten zwar gern Kredit, können sie sich aber nicht leisten. Daher zieht die EZB nun ihren letzten Joker: Anleihekäufe. Voraussichtlich am Donnerstag dieser Woche wird sie ein breit angelegtes Programm verkünden, mit dem sie auch Staatsanleihen erwerben wird, in der Hoffnung, so weitere Milliarden in den Finanzsektor zu drücken – der dann gar nicht anders kann, als Kredite zu vergeben oder die Zinsen noch weiter zu senken.

Staatsanleihekäufe sind die stärkste Waffe der Zentralbank, ihre „Bazooka“. Und sie bleibt voraussichtlich wirkungslos, sagen Ökonomen. „Eine weitere Senkung der ohnehin niedrigen Zinsen wird keinen großen Einfluss auf die Wirtschaft haben“, so Carsten Brzeski von der niederländischen Großbank ING. Denn Liquidität ist bereits reichlich vorhanden, doch die Banken zeigen keinen zusätzlichen Bedarf. Wer bisher nicht Kredit genommen und investiert hat, wird es dann auch nicht tun.

Euro-Kurs fällt weiter

Bestenfalls führt die Geldschwemme dazu, dass der Euro-Kurs weiter sinkt, was den Exporteuren nützt. Dies wäre allerdings ein währungspolitischer Angriff auf das Ausland, dem Marktanteile streitig gemacht würden. Und das in einer Zeit, in der die Euro-Zone bereits immer weiter steigende Überschüsse im Außenhandel verbucht.

Ein schwächerer Euro würde für die Euro-Mitglieder zwar Importe verteuern und damit die Inflationsrate erhöhen. „Doch das ist genau die Art von Inflation, die wir nicht brauchen“, erklärt Natixis-Ökonom Artus. „Denn teurere Importe bedeuten, dass Kaufkraft in Europa sinkt und ins Ausland abfließt.“ Die Chancen sind also groß, dass auch diese EZB-Maßnahme ins Leere läuft – „und dann hätte die Euro-Zone ein Problem“, warnt Brzeski.

Dennoch kann die EZB nicht auf die Anleihekäufe verzichten. Denn erstens darf sie angesichts der niedrigen Inflationsrate nicht untätig bleiben. Und zweitens, noch wichtiger: Die Finanzmärkte spekulieren seit Ende November auf die Anleihekäufe, haben Aktienkurse steigen und Zinsen für Anleihen sinken lassen. In der Folge müssen Staaten wie Spanien und Italien für zehnjährige Kredite nur noch Zinsen von unter zwei Prozent zahlen, so wenig wie noch nie.

„Die EZB muss einfach liefern“, so Brzeski. „Es geht nun alles um die Erfüllung der Markterwartungen.“ Denn andernfalls, droht ein Ausverkauf an den Märkten. Anleihen würden fallen, die Rendite würde steigen und damit die Zinsen, die Südeuropas Regierungen Anlegern für Kredite zahlen müssen. Dazu kommt die Gefahr der Kapitalflucht: „Verstärkt die EZB ihre Anleihekäufe nicht, geriete die Euro-Peripherie unter extremen Stress, was Kapitalströme nach Deutschland auslösen würde“, so Gilles Moec von der Bank of America.

Steigen die Zinsen, so würden die Finanzanleger ab einem bestimmten Punkt wieder die Solvenz der schwächeren Euro-Staaten anzweifeln, warnt Moec. Schließlich liegen die Staatsschulden in Ländern wie Portugal, Italien, Irland, Belgien, Griechenland und bald auch Spanien über 100 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung. Angesichts der Schuldenlast braucht Europa die niedrigen Zinsen der EZB – auch wenn die Zentralbank dies nicht als Grund für ihre Zinssenkungen angibt. „Diese Zweifel an der Schuldentragfähigkeit haben den hässlichen Nebeneffekt: Sie können sich selbsterfüllende Prophezeiungen werden“, mahnt Moec. Wie in der Euro-Krise. „Anleihekäufe dürften also auch im deutschen Interesse liegen“, so der Ökonom, „sie sind das geringere von zwei Übeln.“