Frankfurt - „Mein Name ist Carsten Felsch, guten Tag“, sagt der Callcenter-Agent. Am anderen Ende der Leitung erkundigt sich ein Beschäftigter nach dem Mindestlohn: Wer muss die Arbeitszeiten dokumentieren? „Das ist Aufgabe des Arbeitgebers“, sagt Felsch und wendet sich wenig später wieder den Reportern zu. Viele Minijobber würden bei ihm anrufen, erzählt er. Deren Arbeitszeiten müssen seit Anfang des Jahres erfasst werden, damit überprüft werden kann, ob die Leute tatsächlich den gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde erhalten.

Rund 300 Menschen rufen täglich die bundesweite Hotline des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) an, unter der sie sich über den Mindestlohn informieren können, der seit Anfang des Jahres gilt. Die Anrufer landen im Callcenter Facts in Magdeburg, einem Unternehmen der Gewerkschaften. Dort beantworten Felsch und seine rund 40 Kollegen in einem Großraumbüro unterm Dach die Fragen der Leute.

Minijobs sind besonders oft ein Thema. Manche Beschäftigten berichten, dass sie nun die gleiche Arbeit in kürzerer Zeit machen müssen, erzählt Felsch. Ob das zu schaffen ist, wird sich zeigen. Der  DGB rate jedenfalls Beschäftigten, auch selbst ihre tatsächlichen Arbeitsstunden aufzuschreiben, sagt DGB-Vorstand Stefan Körzell. „Arbeitnehmer können drei Jahre nachträglich nicht gezahlten Lohn einfordern.“

Offenbar versuchten etliche Unternehmen, die neue Lohnuntergrenze zu umgehen, vermutet Körzell, nachdem rund 3000 Beschäftigte bei der Hotline angerufen haben: Beschäftigte erkundigen sich, ob das Weihnachtsgeld verrechnet werden darf. Das wäre ein klarer Verstoß gegen das Gesetz, urteilt der DGB. Sonnenstudios wollen einen Teil des Mindestlohns in Form von Gutscheinen fürs Bräunen abgelten. Auch das sei nicht erlaubt. „Wenn Arbeitnehmer betrogen werden, können sie das anonym bei der Finanzkontrolle Schwarzarbeit anzeigen“, erläutert Körzell. Verdichten sich die Hinweise, könne die Behörde gegen einen Betrieb Branche ermitteln.

Im Magdeburger Callcenter rufen auch Leute an, die verärgert sind, weil sie ihren Job verloren haben. Gerade aus der Taxibranche gebe es Klagen, erzählt Körzell, was wiederum ihn verärgert. Denn die Gewerkschaften seien bereit gewesen, mit der Taxibranche einen Tarifvertrag zu vereinbaren, um die Gehälter langsam an den Mindestlohn heranzuführen. Spätestens im Jahr 2017 hätten dann die 8,50 Euro gelten müssen. Doch die Arbeitgeberverbände hätten sich dem verweigert. Das gleiche gelte für das Hotel- und Gaststättengewerbe und die Bäcker-Innungen.

Doch nicht alle Unternehmer schimpfen über den Mindestlohn. Manche rufen auch einfach die DGB-Hotline an und erkundigen sich, wie sie ihn richtig umsetzen. Doch Arbeitgeber lassen die Agenten abblitzen. Sie sollen sich bei ihren Innungen und Verbänden informieren.

Wie massiv die Umsetzungsprobleme sind, und ob Firmen in großem Stil versuchen, den Mindestlohn zu umgehen, mag der DGB derzeit noch nicht abschätzen. Manche Beschäftigte wollen sich unter der Hotline einfach nur informieren und zum Bespiel wissen, ob sie überhaupt Anspruch auf die 8,50 Euro haben, erzählt Felsch. Ein Leiharbeiter habe sich kürzlich geärgert, dass er noch für weniger Geld arbeiten muss. Denn für Zeitarbeit in Ostdeutschland sieht der Tarifvertrag derzeit eine Untergrenze von 7,86 Euro vor, erst ab Juni 2016 haben die Beschäftigten Anspruch auf 8,50 Euro. Solche tariflichen Abweichungen sind laut Gesetz zulässig. Insgesamt haben bereits heute rund 3,7 Millionen Menschen Anspruch auf den vollen Mindestlohn – und damit auf ein höheres Gehalt als bisher.

Natürlich gibt es auch zahlreiche Unternehmer, die den Mindestlohn ohne Murren und Knurren eingeführt haben. Uwe Hauptmann zum Beispiel. Er ist Chef des Kastanienhofs, einem Hotel in Berlin, das Hauptmanns Familie nach der Wende 1992 gegründet hat. Die meisten der zwölf Beschäftigen – fast alle arbeiten Vollzeit – haben schon vor dem Jahreswechsel 8,50 Euro oder mehr verdient, nur für zwei Mitarbeiter galt das nicht. „Ihr Gehalt haben wir um zwölf Cent pro Stunde aufgestockt“, sagt Hauptmann. Fertig. „Der Mindestlohn ist für uns kein Thema mehr.“

Wie die Umsetzung insgesamt läuft, können auch Arbeitgeberverbände noch nicht so genau sagen.  „Die Auswirkungen sind noch unbestimmt“, sagt etwa Willy Weiland, Präsident des Berliner Hotel- und Gaststättenverbands. Klar ist für ihn zweierlei: „Wir müssen die Mitarbeiter vernünftig entlohnen.“ Und die Kunden müssten bereit sein, für die Dienstleistungen auch entsprechend zu zahlen.