Der Online-Handelsgigant Amazon zählt zu den großen Gewinnern der Coronakrise. Zugleich ist der Konzern immer wieder in die Kritik geraten, zu  spät auf Infektionen in seinen Logistikzentren zu reagieren.
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BerlinAm Amazon-Standort im hessischen Bad Hersfeld sollen die Covid-19-Infektionen erheblich zugenommen haben, wie stark genau, weiß niemand, die Mitarbeiter jedenfalls nicht. Seit mehr als einer Woche nenne die Standortleitung dem Betriebsrat keine Gesamtzahlen mehr, teilte ein Mitarbeiter der Berliner Zeitung mit: „In der Belegschaft herrscht totale Verunsicherung.“

Ein Amazon-Sprecher wies die Kritik zurück. „Nichts ist wichtiger als die Gesundheit und das Wohlbefinden unserer Mitarbeiter, und wir tun alles, was wir können, um die Sicherheit zu gewährleisten“, schrieb er. Zudem arbeite Amazon eng mit den Behörden zusammen, „um proaktiv zu reagieren und sicherzustellen, dass wir auch weiterhin Kunden bedienen und uns gleichzeitig um unsere Mitarbeiter kümmern.“ Zu Fallzahlen äußere sich der Konzern generell nicht öffentlich.

Zuletzt war am 9. Juni bekannt geworden, dass sich in dem Logistikzentrum 17 Beschäftigte infiziert hatten. Seither, so sagt der Mitarbeiter, gebe die Standortleitung nur noch über die Lautsprecher durch, wie viele Neuinfektionen aktuell dazugekommen sind. „Die Durchsagen kamen letzte Woche Montag, Mittwoch und Donnerstag, das heißt, wir hatten fast jeden Tag neue Fälle.“

Auch der Betriebsrat erhalte zwar immer wieder Zahlen zu Neuinfektionen; diese sollen sich zuletzt im einstelligen und niedrigen zweistelligen Bereich bewegt haben. Jedoch hätten die meisten Beschäftigten inzwischen keinen Überblick mehr über die Gesamtsituation: „Wir addieren die neuen Fälle selbst, und es gehen Gerüchte um, dass die Zahlen inzwischen schon viel höher sind.“

Nach Informationen der Berliner Zeitung erwägt der Betriebsrat nun, die Auskunft über die Zahlen  einzuklagen. Auch Mechthild Middecke, Gewerkschaftssekretärin bei Verdi Nordhessen, bemängelt die fehlende Transparenz des Konzerns: „Es ist ein ganz großes Problem. Weder wir noch der Betriebsrat sind umfassend informiert, die Beschäftigten sind mehr als beunruhigt.“

Der Online-Handelsgigant zählt zu den Gewinnern von Coronakrise und Ausgangsbeschränkungen; seit März hat die Aktie um 60 Prozent zugelegt. Zugleich ist Amazon mehrfach in die Kritik geraten, zu spät auf Infektionen in seinen Logistikzentren zu reagieren. Bislang machte vor allem der Standort im niedersächsischen Winsen deswegen Schlagzeilen; dort wurden im Mai 53 Covid-19-Fälle gemeldet. In Bad Hersfeld, wo rund 3500 Menschen arbeiten, hatte es bis vor gut vier Wochen nur zwei Infektionen gegeben; dann kam es bis Anfang Juni zu dem Anstieg auf 17, drei Beschäftigte sollen inzwischen wieder genesen sein.

Wie die Zahlen sich an dem Standort  in den vergangenen beiden Wochen entwickelt haben, ist auch von den örtlichen Behörden nicht zu erfahren. Eine Sprecherin des Kreises Bad Hersfeld teilte lediglich mit, Amazon sei „kein Hotspot“. Den Erkenntnissen der Behörden zufolge hätten sich die Mitarbeiter bei privaten Feiern infiziert. Allerdings kennt das Amt nur die Zahlen aus dem Kreis Bad Hersfeld, viele der Amazon-Mitarbeiter pendeln aber auch aus den Nachbarkreisen zur Arbeit.

 Der Unternehmenssprecher verweist darauf, dass Amazon an dem Standort 51 Maßnahmen eingeleitet habe, um die Mitarbeiter zu schützen, dazu zählen verstärkte Reinigungen, Desinfektionen Körpertemperatur-Kontrollen und eine Entzerrung der Schichten. Zweimal waren Mitarbeiter des Gesundheitsamts seit Ende Mai vor Ort und ordneten eine Maskenpflicht an.