Die tödlichen Keime gedeihen im Stall. Wo massenhaft Tiere leben, wo es feucht ist und warm, in Schweine- und Geflügelmastbetrieben. Dort vermehren sich Erreger, gegen die buchstäblich kein Kraut mehr gewachsen ist. Es handelt sich um Bakterien, denen gängige Antibiotika nichts mehr anhaben können. Ihnen fallen jedes Jahr einige tausend Menschen in Deutschland zum Opfer. Wenn es so weiter geht, könnten es schon bald Hunderttausende sein.

Bekannt sind multiresistente Keime bisher vor allem in Krankenhäusern. Der am weitesten verbreitete Typus trägt das Kürzel MRSA (Methicillin resistenter Staphylococcus aureus) und wurde erstmals vor 50 Jahren in einer britischen Klinik identifiziert. Das ausgerechnet dort, wo besonders viele Medikamente zum Einsatz kommen, besonders häufig hochgefährliche Erreger auftauchen, ist keineswegs widersinnig. Zwar werden durch Antibiotika fast alle Erreger getötet, aber eben nur fast. Jene Keime, die aufgrund einer zufälligen genetischen Abweichung unempfindlich gegen die Präparate sind, können sich in Abwesenheit der dahingerafften Verwandtschaft ungestört vermehren. Mithin gleicht der massenhafte Einsatz von Antibiotika einem Zuchtprogramm für resistente Erreger.

Industrielle Landwirtschaft

In diesem Zusammenhang wirkt die industrialisierte Landwirtschaft wie ein Brandbeschleuniger. Die Tiere, gehalten in drangvoller Enge, bestimmt zu raschem Wachstum, sind extrem anfällig für Erkrankungen. In Hallen mit tausend Puten, Hühnern oder hunderten Schweinen reicht ein infiziertes Tier, um den ganzen Bestand dahin zu raffen. Daher setzen Bauern den Tränken große Mengen Antibiotika zu, die überdies im Ruf stehen, das Fleischwachstum zu befördern.

Die Bundesrepublikist in dieser Disziplin Europameister. „Deutschland ist Spitzenreiter beim absoluten Antibiotikaverbrauch in der Tierhaltung, heruntergerechnet auf die Tierpopulation in der Spitzengruppe mit Zypern, Ungarn, Spanien und Italien“, kritisiert der agrarpolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Friedrich Ostendorff. Der Landwirt verweist auf eine aktuelle Studie der European Medicines Agency (EMA), die europaweit den Antibiotika-Verbrauch im Stall erhoben hat. Danach werden in deutschen Ställen pro Kilogramm Nutztier mehr Tetracycline und Penicilline verabreicht als in fast allen anderen EU-Ländern.

Besonders bedenklich ist, dass nicht allein diese gängigen Stoffgruppen zum Einsatz kommen. Da sich gegen die hergebrachten Antibiotika bereits zahlreiche resistente Erregerstämme gebildet haben, mischen viele Bauern nun auch sogenannte Reserveantibiotika ins Futter. Dabei sollen gerade sie, als gleichsam letztes Mittel, Patienten retten, die mit multiresistenten Keimen infiziert sind.

Tausende Opfer im Jahr

Wie ernst das Problem tatsächlich ist, zeigen die Opferzahlen. Zwar gibt es keine systematischen Erhebungen, die Schätzungen aber sind besorgniserregend genug. Das Bundesgesundheitsministerium geht von jährlich mindestens 7 500 Todesfällen in Deutschland aus, bis zu 40 000 Tote hält sich die Deutsche Krankenhausgesellschaft für realistisch. Dass es bald viel mehr werden könnten, liegt nicht nur an der Zunahme der Resistenzen, sondern auch an den vielfältigen Übertragungswegen vom Nutztier auf den Menschen. Schon durch eine kleine Verletzung beim Zerlegen des Geflügels können die Keime in den Blutkreislauf gelangen, wo sie sich ungehemmt vermehren. Zudem gelangen die Keime über die Abluft der Mastbetriebe in die Umgebung. Über die Gülledüngung verteilen sie sich in bodennahen Wasserschichten und in der Ackerkrume, wo sie Gemüse und Salat verunreinigen können. Besonders gefährdet sind neben Tierärzten und den Landwirten selbst daher auch Anwohner großer Tiermastanlagen. Im Kreis Vechta etwa sind bereits zehn Prozent der Infektionen mit resistenten Keimen auf die intensive Schweinemast in der Region zurückzuführen. Anderorts liegt der Anteil bisher bei nur zwei Prozent. Einen Ausweg bietet nach Ansicht von Umweltschützern, Ökoverbänden und Biobauern nur die Abkehr von der auf billigen Fleischkonsum ausgerichteten Tiermast. Ostendorff spricht von den Antibiotika als einem „Treibstoff der massenhaften Billig-Fleischproduktion. Ein Weiter-so ist unverantwortlich und nicht hinnehmbar.“