Berlin - In deutschen Pflegeheimen werden weitaus mehr Psychopharmaka und andere Medikamente verabreicht als es aus medizinischer Sicht angemessen wäre. Nach Angaben des  aktuellen AOK-Pflege-Reports erhalten sechs von zehn Pflegebedürftigen täglich mehr als vier unterschiedliche pharmazeutische Wirkstoffe.

Eine solche Verordnungspraxis erhöhe das Risiko unerwünschter Neben- und Wechselwirkungen deutlich, so dass in vielen Fällen der Schaden den therapeutischen Nutzen übersteige, sagte Petra Thürmann, Professorin für klinische Pharmakologie an der Universität Witten/Herdecke am Mittwoch während der Präsentation des Reports. „Das fünfte Arzneimittel wird dann gegen die Nebenwirkungen der ersten vier verordnet“, kritisiert die Wissenschaftlerin.  

Besonders zweifelhaft ist dem Report zufolge der verbreitete Einsatz von Neuroleptika gegen Demenzerkrankungen. Diese Arzneien werden in der Regel Patienten mit Wahnvorstellungen und schwerwiegenden Angstzuständen verordnet und haben stark beruhigende Wirkung.

Neuroleptika in Praxis zu oft verordnet

Zur Behandlung von Demenzkranken seien lediglich zwei Präparate aus dieser Wirkstoffgruppe zugelassen und dies auch nur für einen begrenzten Behandlungszeitraum von bis zu sechs Wochen, erläuterte Thürmann. In der Praxis würden aber weitaus mehr Neuroleptika verordnet, und dies oft über Jahre hinweg.

Der Report untermauert diese These: Danach erhalten 43 Prozent der dementen Pflegeheimbewohner dauerhaft Neuroleptika, 30 Prozent Mittel gegen Depressionen, aber nur 24 Prozent ein Medikament gegen eigentliche Erkrankung Demenz. „Vielen Pflegebedürftigen werden zu viele Medikamente verabreicht. Da gibt es nichts zu beschönigen“, kommentiert der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbands, Martin Litsch.

Dieses „zu viel“ konkretisiert eine Studie des englischen Pharmakologen Sube Banerjee im Auftrag des britischen Gesundheitsministeriums aus dem Jahr 2009: Danach bewirken Neuroleptika bei zehn bis 20 Prozent der Demenzkranken mit Verhaltensstörungen tatsächlich spürbare Verbesserungen.

Einsatz der Mittel müsse deutlich reduziert werden

Zugleich aber traten im Untersuchungszeitraum von drei Monaten gegenüber einer Kontrollgruppe zehn Todesfälle und 18 Schlaganfälle zusätzlich auf. Unter dem Strich, so der britische Forscher, seien bei einer Therapiedauer von drei Jahren 167 zusätzliche Todesfälle zu erwarten. Angesichts einer solchen Bilanz müsse der Einsatz der Mittel deutlich reduziert werden, heißt es im AOK-Report.

Dass dies ohne Qualitätsverluste in der Versorgung möglich ist, zeigen Erfahrungen anderer Länder. Ähnlich viele Neuroleptika wie in Deutschland werden demenzkranken Pflegeheimbewohnern europaweit nur in Estland und Spanien verordnet. Dort liegen die Anteile bei 48 und 54 Prozent.

In Schweden dagegen wird die Regel zur Ausnahme: Nur zwölf Prozent der pflegebedürftigen Demenzkranken erhalten dort Neuroleptika. Aber auch in Frankreich (27 Prozent), Finnland (30), Großbritannien (33) und den Niederlanden (35) werden diese Arzneimittel deutlich seltener angewandt als in Deutschland, ohne dass es den dortigen Pflegebedürftigen gesundheitlich schlechter ginge.

Werden Psychopharmaka richtig eingesetzt?

Dazu passen Ergebnisse einer klinischen Studie aus Schweden, der zufolge Neuroleptika bei zwei Dritteln der dementen Pflegebedürftigen ohne negative Wirkungen abgesetzt werden können. In vielen Fällen wurde sogar eine Verbesserung des Allgemeinzustandes festgestellt. Allerdings sei der Untersuchungszeitraum von sechs Wochen zu kurz, um längerfristige Effekte auf das Befinden der Patienten feststellen zu können, räumt Thürmann ein.

Bei alledem liegt der Verdacht nicht fern, dass Psychopharmaka oftmals eher dem Ruhigstellen der Demenzkranken dienen als der Behandlung akuter Wahnvorstellungen. Zumindest indirekt wird diese Annahme durch eine Umfrage bestätigt, die das Wissenschaftliche Institut der AOK im vergangenen Sommer unter 2500 examinierten Pflegekräften durchführte.

Danach sind drei Viertel des Pflegepersonals täglich mit verbal auffälligem Verhalten und körperlicher Unruhe seitens  demenzkranker Heimbewohner konfrontiert. Von täglichen Beleidigungen und anderen verbalen Aggressionen berichten 37 Prozent, 15 Prozent sogar von körperlichen Attacken.

Kritik am Verordnungsverhalten der Mediziner

Zwei Drittel der Befragten empfanden diese Verhaltensweisen als persönlich belastend. Der häufige Einsatz von Psychopharmaka wurde von den Befragten nicht nur freimütig eingeräumt, sondern auch von 82 Prozent als angemessen bezeichnet. 84 Prozent der Pflegekräfte wirken eigenem Bekunden zufolge regelmäßig oder gelegentlich auf die ärztliche Verordnung von Psychopharmaka hin.

Die Verantwortung für den unangemessenen Medikamenteneinsatz sieht AOK-Chef Litsch allerdings nicht bei den Pflegekräften, „sondern ganz eindeutig bei den Ärzten“. Oftmals würden Rezepte auf telefonische Anforderung hin ausgestellt, ohne dass die Mediziner ihre Patienten auch nur zu Gesicht bekämen: „Das Verordnungsverhalten entspricht häufig nicht dem Stand der ärztlichen Kunst.“

Um die Kooperation mit den Ärzten zu verbessern, spricht sich der Report für eine zahlenmäßige Begrenzung der für die Bewohner eines Pflegeheims verantwortlichen Ärzte aus. „Wenn 100 Heimbewohner von 40 Ärzten behandelt werden, funktioniert es nicht“, so Thürmann. Notwendig sei stattdessen eine enge Kooperation engagierter und spezialisierter Mediziner mit Heimleitungen, Pflegekräften und Apotheken.