Appell an die Wirtschaftslehre: Lehre ohne akademische Prostitution

Mit der globalen Finanzkrise ist auch die Wirtschaftswissenschaft unter Beschuss geraten. Nicht nur haben die Ökonomen die Krise nicht vorhergesehen – das ökonomische Denken hat die Grundlage für die Krise gelegt, so die Kritiker. Mit ihren mathematischen Modellen und abstrakten Konstrukten zeichnen die Professoren ein Bild des Ideal-Marktes, fern von Moral und Ethik. Dagegen wendet sich nun ein Aufruf „besorgter Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen“. 98 Ökonomen, Soziologen, Politologen und Philosophen fordern darin die Erneuerung einer Lehre, die „sich ökonomisch verkapselt hat“.

Was gut und richtig ist

Was an den Universitäten gelehrt wird, betrifft nicht nur Professoren und Studenten. Denn der Lehrinhalt formt das Weltbild der Absolventen, die anschließend die Politik beraten oder in die Chefetagen von Banken und Konzernen aufsteigen und dort ihr Wissen praktisch anwenden. Zudem beeinflusst die Lehre die in der Gesellschaft vorherrschende Sicht auf Markt, Geld und Unternehmen und legt so fest, was als gut und richtig gilt.

Dieser Aufgabe ist das Fach derzeit nicht gewachsen, kritisieren die Akademiker in ihrem Aufruf. „Die Wirtschaftswissenschaften haben sich seit Jahrzehnten dogmatisch verkapselt“, so der Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann, Initiator des Aufrufs. Trotz Finanzkrise würden Lehre und Forschung immer noch von einer einzigen Sichtweise dominiert, die sich selbst zu wenig in Frage stelle. Das sei „unwissenschaftlich“ – und hat Folgen.

Stichwort Marktgläubigkeit: Laut Umfragen vertrauen nur 28 Prozent aller Deutschen auf die Selbstheilungskräfte des Marktes. Anders bei den Ökonomen: „Der Glaube an den Markt hat in unserer Disziplin oft die Fakten übertrumpft“, kritisierte der Nobelpreisträger Paul Krugman.

Folge ist laut Thielemann ein um sich greifender Ökonomismus – die Marktmächte werden als Natur-Tatsache hingenommen. Gleichzeitig gilt das Prinzip Markt als Inbegriff der Vernunft. Fragen der Gerechtigkeit bleiben außen vor. Zum Beispiel, ob die Tauschgewinne und die Lasten der Erzeugung fair verteilt sind. Die zunehmende Ungleichheit weltweit spricht eher dagegen. Auch die Behauptung, der Markt diene dem Wohle aller, ist fragwürdig. „Der Wettbewerb schafft immer Gewinner und Verlierer“, erklärt Thielemann.