Apple Samsung: Runde Ecken und Milliarden

Bereits seit Wochenmitte beraten die neun Geschworenen im kalifornischen San José. Es ist ein extrem hartes Stück Arbeit, das sie vor sich haben. Sie müssen entscheiden, ob der Elektronikkonzern Samsung bei Apple das Design und das gesamte Konzept für die Handhabung von Smartphones und Tablet-Rechnern gestohlen und damit eine Reihe von Patenten verletzt hat. Und umgekehrt geht es darum, ob sich Apple für eine Reihe technischer Lösungen bei seinem koreanischen Erzrivalen bedient hat.

Der Zivilprozess an der Westküste der USA läuft seit Wochen. Er hat in vielerlei Hinsicht monströse Dimensionen. Als „Patentprozess des Jahrhunderts“ wurde das Verfahren Apple versus Samsung im US-Blog All Things D bezeichnet. Beobachter rechnen damit, dass es Wochen dauern wird, bis die Geschworenen, sieben Männer und zwei Frauen, zu einer Entscheidung kommen werden. Allein die Anweisungen und Erläuterungen des Gerichts für die Mitglieder der Jury sind 109 Seiten stark.

Komplexe Materie

Die Materie ist extrem komplex. Es geht einerseits um viel Geld. Denn Apple verlangt 2,5 Milliarden Dollar Schadenersatz, Samsung 400 Millionen. Nach Ansicht von Achim Himmelreich vom Beratungsunternehmen Mücke Sturm und Company geht es um noch viel mehr: „Von dem Urteil hängt ab, welchen Weg die Branche künftig geht.“ Carolina Milanesi, Analystin beim Marktforschungsunternehmen Gartner, stimmt zu: „In dem Verfahren geht es um den Umgang mit Innovationen, und Innovationen bestimmen diese Industrie.“

Tatsächlich entwickelt sich kein anderer Sektor so rasant wie der Mobilfunk. Apple hat hier im vergangenen Jahrfünft die Rolle des Treibers übernommen. Um dies nachzuvollziehen, ist es hilfreich sich in die Zeit um die Jahrtausendwende zurückzuversetzen. Damals wussten alle in der Branche, dass dem mobilen Internet die Zukunft gehört. Doch die Branche lag in einer Art Wachkoma, weil die etablierten Gerätebauer keine vernünftige Lösung fanden, wie die Nutzer mit Texten und Bildern auf einem kleinen Handy hantieren und dabei noch Spaß haben sollen. Als Newcomer zeigte Apple der Branche im Jahr 2007 wie es geht und präsentierte nach fünfjähriger Entwicklungszeit das iPhone.

In der Biographie des verstorbenen Konzernchefs Steve Jobs wird über viele Seiten geschildert, wie die verschiedenen Komponenten entwickelt und ihr Zusammenspiel optimiert wurde. Lange kämpften Jobs und die Designer etwa darum, ob das iPhone mit einer Tastatur ausgestattet wird oder diese nur auf einem berührungsempfindlichen Multitouch-Display dargestellt wird.

Es ging um die Darstellung der verschiedenen Anwendungen (Apps) mittels stilisierter Grafik (Icons). Sogar die Radien der abgerundeten Ecken des iPhones und später des iPads wurden von Jobs und Designchef Jonathan Ive genauestens festgelegt. Zusammenfassend sagte Apple-Anwalt Harold McElhinny in seinem Schluss-Pädoyer vor Gericht, dass Samsung drei Monate gebraucht habe, um zu kopieren, was bei Apple in fünf Jahren mühsam entwickelt worden sei.

Viele verschiedene Varianten

Samsung-Anwalt Charles Verhoeven versuchte, den Kopiervorwurf zu entkräften. So ließ er die Designerin Jeeyuen Wang aussagen, das Gestalten der Icons für Samsung-Handys habe sie derart in Anspruch genommen, dass sie noch nicht einmal die Zeit gehabt habe, ihrem Neugeborenen die Brust zu geben. Beim Icon für die Telefonierfunktion etwa seien enorm viele verschiedene Varianten ausprobiert worden. Ergebnis: Ein traditioneller Telefonhörer in Weiß auf grünem Grund. Er sieht allerdings dem Apple-Icon zum Verwechseln ähnlich.

Gleichwohl, für Verhoeven geht es Apple nur darum, Wettbewerb zu verhindern und den wichtigsten Konkurrenten zu lähmen, indem man den Verkauf von Geräten verbieten lässt und den Wettbewerber mit überzogenen Schadenersatzforderungen belastet. Schließlich habe heutzutage jedes Smartphone ein großes Display und abgerundete Ecken. Analyst Himmelreich kann dieser Argumentation einiges abgewinnen: „Apple hat die Basisform vorgegeben, die für die gesamte Branche maßgeblich geworden ist.“ Er hofft deshalb auf ein weises Urteil der Geschworenen. Fatal wäre es, das Grundprinzip des Multitouch-Displays unter Schutz zu stellen.