Mit dem neuen iPhone 5 greift Apple seinen schärfsten Konkurrenten Google direkt an: Es ist das erste iPhone, das fast ohne Google-Produkte auskommt – nur die Suche bleibt noch übrig. Neben der Entfernung der Youtube-App ist der herbste Schlag: Die Entfernung von Google Maps, vorinstalliert seit 2007 das erste iPhone auf den Markt kam. Stattdessen bietet Apple nun mit „Karten“ einen eigenen Kartendienst an.

Für Google wird das wohl bedeuten, dass die mobilen Zugriffe auf seinen Kartendienst einbrechen– ein Feld, das entscheidend für Googles Umsatz im immer wichtiger werdenden Geschäft mit mobilen Anzeigen sein soll. Mehr als die Hälfte der Zugriffe auf Google Maps soll von iPhone- und iPad-Nutzern kommen. An sie wird nun Apple die eigenen Anzeigen ausspielen können.

Doch für Apple ist das nur ein Nebeneffekt. Tatsächlich geht es bei der Entwicklung des eigenen Kartendienstes darum, die Zukunft des iPhones zu sichern, Apples wichtigster Einkommensquelle. Denn digitale Kartentechnologie ist die entscheidende Schnittstelle zwischen virtuellem Raum und realer Welt. „Ortsbasierte Dienstleistungen“, sagt Analystin Annette Zimmermann vom führenden IT-Marktforschungsinstitut Gartner, „sind zu wichtig als dass Apple sich dabei auf die Karten des unmittelbaren Konkurrenten Google als Basis verlassen könnte.“ Nur indem unzählige lokale Daten verknüpft und auf den Standort und Anfragen des Nutzers bezogen werden können, können Smartphones zu den allumfassenden Alltagsassistenten werden wie ihn Apple mit Siri entwickeln will: etwa warnen, dass der Nutzer früher zu einem Meeting aufbrechen muss, da sich soeben ein Stau gebildet hat oder ein Bus ausfällt. Siri-Konkurrent Google Now kann auf Android-Smartphones solche Aufgaben bereits erledigen. Die bessere digitale Abbildung und das vollkommenere Verständnis der physischen Begebenheiten wird so zu einem Schlüsselkriterium dafür, welche Smartphones den Markt zukünftig dominieren werden.

Google setzt aus diesem Grund eine ganze Armee von Entwicklern auf die Entwicklung seiner Karten an. Branchenberichten zufolge arbeiten mehr als tausend Google-Vollzeitkräfte an den Kartendienstleistungen, hinzu kommen noch rund 6000 Arbeitskräfte externer Firmen. Apple müsste seine Beschäftigtenzahl um mehr als die Hälfte erhöhen, um eine vergleichbare Abteilung aufzubauen.

Für die Karten-App setzt Apple stattdessen auf andere Dienstleister. Wichtigster Kartenlieferant ist Tomtom. Das holländische Navigationsunternehmen ist neben Google und der von Nokia übernommenen US-Firma Navteq einer der drei globalen Kartenmonopolisten – und der letzte, der bis zu dem Apple Deal nicht eng mit einem der drei dominierenden Smartphone-Betriebssysteme verbunden war. Die Nokia-Geodatenfirma Navteq, an der Apple ebenfalls interessiert gewesen sein soll, liefert bereits an Windows Phone, das Smartphone-Betriebssystem von Microsoft.

Bei Tomtom sind mehr als tausend Mitarbeiter damit beschäftigt, die Karten zu pflegen. Zwar basiert ihre Tätigkeit auf den Milliarden Datensätzen, darunter Bewegungsprofile der Navigatoren-Nutzer oder Fehlerhinweise, die diese manuell übermitteln. Doch Georg Fisch, der die Tomtom-Abteilung für das Kartenmaterial in Nord- und Zentraleuropa leitet, sagt: „Zur Interpretation der Daten sind Menschen unersetzlich“.

Mehr als 70 Angestellte sind allein damit beschäftigt, die Karten für Deutschland aktuell zu halten. Sie prüfen etwa die rund 15.000 Hinweise, die von Nutzer über geänderte Straßenführungen oder Straßennamen eingehen. Zwei Drittel müssen die Mitarbeiter aussortieren – auch schon mal, weil Anwohner ihre Straße als gesperrt melden, nur um den Durchgangsverkehr zu verringern.

Zur Überprüfung solcher Angaben wertet Fischs Abteilung etwa Bewegungsdaten aus, die von den Navigatoren automatisiert übermittelt werden. „Fahren etwa mehr als 97 Prozent der Wagen in eine Richtung“, sagt Fisch, „kann man sicher sein, dass es sich um eine Einbahnstraße handelt.“ Zudem nutzt Tomtom die Bilder, die von Kameraabfahrten der wichtigen Verkehrslinien generiert werden. Fahrspurangaben auf Autobahnkreuzen oder Straßenschilder werden mit einem Programm ausgelesen und von den Tomtom-Mitarbeitern manuell in die Datenbank eingegeben, damit die Navigationssoftware sie nutzen kann.

Google erstellt auf ähnliche Weise seine eigenen Karten seit der Konzern nach einem drei Jahre andauernden Experiment mit eingekauftem Material 2008 zu der Überzeugung gekommen ist, dass es nur auf diese Weise möglich sei, solche umfassenden und exakten Karten zu erschaffen, die für die Entwicklung seiner ortsbezogenen Dienste benötigte.

Nur, dass Google dabei ungleich größere Datenmengen anhäuft als andere Unternehmen. Zentraler Baustein des von Google intern „Ground Truth“ getauften Projektes ist Street View, das wahnwitzig anmutendem Vorhaben, alle befahrbaren Straßen abzufotografieren – inzwischen selbst alpines Gelände mit Schneemobilen. Bis heute hat Google über acht Millionen Kilometer abgefilmt, eine Länge, die einer mehr als zweihundertfachen Erdumrundung entspricht. Die dabei eingesammelten 21,5 Milliarden Megabyte an Bildmaterial werden nicht nur auf Schilder und andere Fahrbahnmarkierungen ausgelesen, sondern auch auf Hausnummern oder Logos von Geschäften.

Auch vor den Toren von öffentlichen Gebäuden macht Google dabei längst nicht mehr halt: Mit schiebbaren Kameras werden etwa Museen von innen kartographiert. Die Integration von immer mehr Daten führt dazu, dass Google Maps inzwischen – zumindest in den USA – ebenso durch Ikea-Filialen und Shopping-Malls navigieren kann wie durch Flughäfen.

Solche Navigationsangebote innerhalb von Gebäudekomplexen werden für mobile Werbung zunehmend an Bedeutung gewinnen, sagt Gartner-Analystin Zimmermann. „Navigiert ein Nutzer etwa durch ein Shopping-Centre, können ihm Händler direkt Coupons mit Sonderangeboten auf das Smartphone schicken“. Der Markt solcher ortsbasierter Werbung soll in den nächsten Jahren rasant anwachsen: Zehn Milliarden US-Dollar sollen nach Prognosen von Strategy Analytics schon in vier Jahren umgesetzt werden.

Damit das passiert, müssen die Nutzer allerdings überzeugt werden, ihre Ortsdaten preiszugeben. Studien zeigen zwar, dass Nutzer dabei noch skeptisch sind. Doch Gartner-Analystin Zimmermann sagt: „Nutzer schieben ihre Bedenken schnell beiseite, sobald sie glauben, von der Preisgabe ihrer Ortsdaten zu profitieren.“ Ihren immer intelligenteren mobilen Assistenten werden Nutzer so mit ihren eigenen Daten bezahlen – und das umso bereitwilliger, desto perfekter diese die physische Umgebung verstehen können.