Das Angebot, vorgetragen von einer sonoren Männerstimme, klingt gut. Wer wöchentlich fünf bis zehn Stunden erübrige, etwa an der Bushaltestelle, während der Bahnfahrt zur Arbeit, abends vor dem Fernseher oder in der Mittagspause, könne monatlich 1 000 Euro und mehr hinzu verdienen. Und zwar risikolos, seriös und dauerhaft, ganz nebenbei, ohne Vorkenntnisse, Verpflichtungen oder Leistungsdruck. Gezahlt werde pro Arbeitseinheit. Da seien beispielsweise Waren für bekannte Online-Shops wie Amazon oder Zalando zu kategorisieren: Hemd, blau, klick und fertig. Bis zu 28 Euro Stundenlohn ließen sich mit solchen und ähnlichen Tätigkeiten verdienen.

Unter den Auftraggebern, die die Internet-Seite „Seriöse Online Jobs“ des Weiteren aufführt, finden sich prominente Namen. Der Getränkehersteller Gerolsteiner, der Energiekonzern EnBW und das Immobilienportal Immonet, der Bezahldienst PayPal, die Mietwagenfirma Sixt und Süßwarenproduzent Haribo – sie alle suchen Mitarbeiter, die nebenher am PC, Tablet oder Smartphone einfache Aufgaben erledigen. Dabei beruht das Fehlen jedweder Verpflichtung auf Gegenseitigkeit: Die Unternehmen zahlen weder Beiträge an die Sozialversicherung noch Zuschläge für Nacht- oder Feiertagsarbeit. Vereinbart ist nur eines: der Preis, den das Unternehmen den Online-Jobbern pro erledigter Arbeitseinheit zahlt.

Rallye-Wagen konzipiert

„Crowdsourcing“ nennt sich dieses Geschäftsmodell, an dem in den USA bereits Millionen Menschen teilnehmen. Mittlerweile gibt es auch in Deutschland Online-Plattformen, die als Vermittler zwischen den „Sourcees“ genannten Mitarbeitern und den Unternehmen fungieren. Humangrid aus Dortmund zählt mehr 10.000 registrierte Sourcees. Im benachbarten Essen verfügt die Clickworker GmbH über 500.000 Onliner auf Abruf, die „kleinere standardisierte Aufträge“ erledigen und „Daten in großen Mengen“ verarbeiten können – für kleines Geld versteht sich. Fünf bis sieben Cent gibt es bei Humangrid pro Datenabgleich oder Adressen-Recherche.

Dabei ist Crowdsourcing nicht notwendigerweise auf simple Tätigkeiten beschränkt. Der amerikanischer Amazon-Ableger Mechanical Turk hat sich auf Arbeiten spezialisiert, „für die menschliche Intelligenz benötigt wird“, wie es auf der deutschsprachigen Internetseite heißt. Ganz auf Forschung und Entwicklung ist das US-Unternehmen Local Motors spezialisiert. Die Firma hat zwar nur 100 feste Mitarbeiter, doch angeschlossen sind ihr 40.000 Entwickler, Designer und Ingenieure. Auf diese Weise wurde bereits ein Rallye-Wagen konzipiert und gebaut, von dem mehr als 50 Exemplare verkauft wurden.

Billig gewinnt

Jüngst hat BMW den Schwarm der klugen Köpfe mit der Entwicklung eines nachhaltigen Geländefahrzeugs beauftragt. Man setzt auf die Intelligenz der Vielen in einer digitalen Welt der unbegrenzten Möglichkeiten. Dass die Idee Früchte tragen kann, zeigt die grandiose Online-Enzyklopädie Wikipedia, an deren Aufbau Millionen Nutzer mitarbeiten.

Mit solch idealistischen Ansätzen hat die Unternehmensphilosophie von Clickworkers und Co. freilich nichts mehr zu tun. Mechanical Turk sagt das ganz unverhohlen: Man verfolge „das Ziel, menschliche Intelligenz einfach, skalierbar und kosteneffektiv bereitzustellen“. Unternehmen oder Entwickler könnten bei Bedarf „auf die Hilfe Tausender qualifizierter, kostengünstiger, globaler Mitarbeiter zugreifen und die Ergebnisse von deren Arbeit dann programmatisch und direkt in ihre Geschäftsprozesse und -systeme integrieren“. Somit könnten Firmen „ihre Ziele schneller und kostengünstiger zu erreichen, als dies früher möglich war“.

Faktisch handelt es sich um Online-Auktionen, um Arbeitskosten zu minimieren: Billig gewinnt. Dass diese Form der Arbeit für Gewerkschaften eine ungeheure Herausforderung bedeutet, liegt auf der Hand. „Crowdworking vollzieht sich in einem nahezu rechtsfreien Raum“, sagt IG-Metall-Chef Detlef Wetzel. Die Mitarbeiter seien in keiner Weise abgesichert, hätten keine Mitspracherechte und seien bei nicht gezahlten Entgelten auf sich allein gestellt. Die Allgemeinen Geschäftsbedingungen der meisten Online-Plattformen nennt IG-Metall-Vorstandsmitglied Christiane Benner „sittenwidrig“. Eine Befragung amerikanischer Sourcees von Mechanical Turk ergab einen durchschnittlichen Stundenlohn von 1,25 US-Dollar. Für 60 Prozent der Befragten ist das Crowdworking die einzige Einnahmequelle. Wetzel spricht von der „extremsten Form denkbarer Prekarisierung der Arbeit“.

Selbstständige in die IG Metall

Zugleich ist Crowdsourcing auch die extremste Form denkbarerer Globalisierung der Arbeit. Reisekostenabrechnungen deutscher Unternehmen können grundsätzlich auch indonesische Hausfrauen zu Hause am PC bearbeiten, an Design-Wettbewerben nehmen Menschen in Brasilien und Namibia teil, Stromzählerdaten überprüfen ceylonesische Sourcees so gut wie ägyptische. Dazu müssen nicht, wie sonst bei Standortverlagerungen, anderswo Fabriken gebaut oder Büros gemietet werden. Mindeststandards wie die der internationalen Arbeitsorganisation ILO haben keine Bedeutung. Das gilt erst recht für nationale Regularien zu Mindestlöhnen, Leiharbeit und Werkverträgen.

Aus Sicht der Gewerkschaften ist es unabdingbar, auf nationaler, europäischer und globaler Ebene eine „Straßenverkehrsordnung für Crowdworking“ zu entwickeln. Die IG-Metall will sich zu diesem Zweck sogar Soloselbständigen öffnen: Sourcees sollen ihre Interessen in der Gewerkschaft organisieren. Am Dienstag kommen 350 Fachleute in Rüsselheim zu einer dreitägigen Konferenz zusammen, die gemeinsam von IG Metall und Hans-Böckler-Stiftung unter der Überschrift „Die digitale Arbeitswelt gestalten“ organisiert wurde. Wetzel: „Es geht um die Frage, ob Digitalisierung zu einer Demokratisierung oder Amazonisierung der Arbeitswelt führt.“