Deutschland – Land der Ideen. Mit diesem Slogan werben die Bundesregierung und die deutsche Wirtschaft für den Standort Deutschland. Jedes Jahr werden Unternehmen für ihren Ideenreichtum und ihre Leidenschaft prämiert. Keine Auszeichnung verdient offenbar der Dienstleistungssektor. Der Wirtschaftszweig schöpfe sein Innovationspotenzial nicht aus, kritisieren Hunderte Betriebs- und Aufsichtsräte. Sie wurden für das Innovationsbarometer der Gewerkschaft Verdi befragt, dessen Ergebnisse der Frankfurter Rundschau vorab vorliegen.

„Die Ergebnisse des Innovationsbarometers verdeutlichen, dass die Unternehmen in der Dienstleistungsbranche vor allem darauf setzen, die Intensität der Arbeit und den Leistungsdruck zu erhöhen, statt ein modernes Innovationsmanagement umzusetzen“, kritisiert Verdi-Bundesvorstandsmitglied Lothar Schröder vor dem heutigen Innovationsdialog der Bundesregierung. Dies sei alarmierend im Hinblick auf die Innovationsfähigkeit der deutschen Wirtschaft.

Die Gewerkschaft hatte Ende vergangenen Jahres 6529 Betriebs- und Aufsichtsräte angeschrieben, von denen 784 antworteten. Sie vertreten unter anderem den Handel, das Kfz-Gewerbe, Finanzdienstleistungen, das Gesundheits- und Sozialwesen, die Branchen Verkehr, Information und Kommunikation sowie das verarbeitende Gewerbe und die Energieversorgung.

Neun von zehn der Antwortenden kritisierten demnach, dass fehlende Zeit und hoher Leistungsdruck Innovationen behinderten. Die Qualität der Innovationen nehme tendenziell ab, gaben zudem zwei von drei Antwortende an. Das wird an vermehrten Kundenbeschwerden und Rückrufaktionen festgemacht. Außerdem würden Innovationsprojekte vermehrt abgebrochen.

Innovation im Dienstleistungssektor seit Jahren rückläufig

Fast die Hälfte gab an, dass Innovationsprojekte vermehrt gar nicht erst begonnen würden. Nicht einmal ein Drittel der 784 Betriebs- und Aufsichtsräte ist der Auffassung, dass Innovationsvorhaben hinsichtlich Zeit, Kosten und Entscheidungsfindung ausreichend geplant würden.

Die Erhebung könnte erklären, warum Innovationen im Dienstleistungssektor seit Jahren rückläufig sind, wie das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung erhoben hat. Den Untersuchungen der Wirtschaftsforscher zufolge kommen die Innovationen in Deutschland vor allem aus der Chemie- und Pharmaindustrie, der Elektroindustrie sowie dem Maschinen- und Fahrzeugbau. Diese forschungsintensiven Industrien gleichen Rückgänge in den anderen Wirtschaftszweigen aus.

Der Anteil der Unternehmen in der deutschen Wirtschaft, die Produkt- oder Prozessinnovationen eingeführt haben, blieb demnach im Jahr 2010 mit 42,1 Prozent unverändert, nachdem er 2009 rückläufig war. Während in der forschungsintensiven Industrie 74 Prozent der Unternehmen Innovationen eingeführt haben, betrug die Quote in den wissensintensiven Dienstleistungen – zum Beispiel Finanzdienstleister, Verlage und Wirtschaftsberatung – lediglich 47 Prozent und bei den sonstigen Dienstleistungen (Handel, Transportgewerbe, Reisebüros) 28 Prozent. Für 2011 erwarten die Forscher einen weiteren Rückgang.

Die Gewerkschaft Verdi beklagt, dass die Mitarbeiter im Dienstleistungsgeschäft nur eine kleine Rolle im Innovationsprozess spielten. Die Unternehmen hörten zuerst auf Kunden und Beratungsunternehmen, schauten dann auf Wettbewerber und informierten sich auf Messen. Erst an fünfter Stelle kämen die eigenen Mitarbeiter. Beteiligung und Eigeninitiative der Mitarbeiter würden in den wenigsten Unternehmen von den Führungskräften unterstützt.

Trotz der negativen Ergebnisse hat sich die Innovationsfähigkeit der deutschen Wirtschaft im internationalen Vergleich sogar verbessert. Deutschland sei von einer „sehr innovationsaktiven Wirtschaft“ geprägt, heißt es zumindest im Innovationsindikator 2011 der Deutschen Telekomstiftung. Demnach hat sich die Bundesrepublik im Ranking der 26 wichtigsten Industrienationen nach vorne geschoben und liegt nun auf Rang vier. Überprüft wurden die Teilsysteme Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung, Staat und Gesellschaft.