Berlin - Wer bei Bombardier eine Lehre beginnt und absolviert, hat in aller Regel eine Sorge weniger: Er kann nahtlos seine berufliche Karriere starten und muss sich keine Sorgen um die Übernahme machen. 365 Lehrlinge beschäftigt derzeit der Bahnkonzern – laut Eigenwerbung „weltweiter Marktführer in der Schienenverkehrstechnologie“ – in Deutschland, einen Großteil davon in Hennigsdorf nördlich von Berlin. Und alle haben beste Chancen auf eine Übernahme: „Die Auszubildenden, die wir einmal haben, wollen wir auch behalten“, sagt Bombardier-Sprecher Immo von Fallois.

Bombardier habe – wie viele andere Industriebetriebe auch – eine ungünstige Altersstruktur unter den Mitarbeitern, der personelle Nachwuchs werde gebraucht. Die Lehrlinge müssten zwar interne Zielvorgaben erreichen, aber das sei fast immer kein Problem.

Die Leere nach der Lehre

Bei den Betrieben der Metall- und Elektroindustrie in Berlin profitieren die Lehrlinge davon, dass im Tarifvertrag eine Garantie festgeschrieben ist: Auszubildende sollen nach bestandener Prüfung übernommen werden, und das sogar unbefristet.
Das ist eine Situation, von der andere Jugendliche nur träumen können. In Berlin und Brandenburg stehen mehr als die Hälfte aller Auszubildenden wenige Monate vor Abschluss der Ausbildung vor einer ungewissen Zukunft: 60 Prozent wissen nicht, ob sie auf einen festen Arbeitsplatz übernommen werden.

Das hat der Deutsche Gewerkschaftsbund in einer Umfrage unter mehr als 1000 Jugendlichen aus 49 Berufszweigen herausgefunden. Nur 17 Prozent von ihnen, also jeder sechste, wird demzufolge in ein Normalarbeitsverhältnis übernommen.

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Das ist angesichts der anhaltenden Klagen der Arbeitgeber, dass angeblich Fachkräften fehlten, eine unhaltbare Situation, findet der DGB. „Es wäre die beste Gelegenheit für die Firmen, jetzt den jungen Leuten eine Perspektive zu geben“, sagt die DGB-Vorsitzende von Berlin und Brandenburg, Doro Zinke. Es bestehe ein „merkwürdiges Missverhältnis“ zwischen den ständigen Klagen von Unternehmern über fehlende Fachleute und der Bereitschaft zur Einstellung. Mit unbefristeten Übernahmen von Azubis könnten die Unternehmer zeigen, dass sie ihre gesellschaftliche Verantwortung für Jobs ernst nehmen.

Von der Industrie- und Handelskammer zu Berlin wird die Situation etwas anders interpretiert. Nach deren Umfragen würden weit über 50 Prozent der Lehrlinge mit dem Erhalt des Abschlusszeugnisses wissen, dass sie vom Ausbildungs- oder einem anderen Betrieb übernommen werden. Lediglich 24 Prozent würde noch eine Stelle suchen, knapp fünf Prozent wüssten noch gar nicht, wies es weitergehen soll.

Die aktuellen Daten zum Ausbildungsmarkt in der Region sind aber ernüchternd. Laut Arbeitsagentur ist im Juni in Berlin bei Jugendlichen bis 20 Jahren die Arbeitslosigkeit gegen den allgemein noch positiven Trend stark gestiegen. Wie die Regionaldirektion der Arbeitsagentur erklärte, sei dies vor allem darauf zurückzuführen, dass mit knapp 1000 sich deutlich mehr Jugendliche als sonst üblich nach Ausbildungsende als arbeitslos gemeldet haben, also nicht übernommen wurden.

Das ist eine Steigerung zum Vorjahresmonat um 55 Prozent. Sprecher Olaf Möller betonte zugleich, dass voraussichtlich viele dieser Jugendlichen in den kommenden Monaten doch noch eine Stelle finden werden, weil sie motiviert und auch mobil seien.
„Das ist wünschenswert, aber nicht unbedingt realistisch“, sagt dazu DGB-Sprecher Dieter Pienkny. Allein aus dem vergangenen Ausbildungsjahr würden noch 2 000 bis 3 000 junge Leute, die nach der Lehre keine Anstellung gefunden haben, in Schulungen und sonstigen Kursen ihre „Warteschleifen drehen“. Die Hoffnung auf einen festen Job erfüllten sich nur selten. „An diesem Zustand hat sich leider seit Jahren nichts geändert“, sagt Pienkny: „Kein Ruhmesblatt für Unternehmer.“