Die globale Wirtschaftskrise wird zunehmend zu einer Bedrohung für die gesellschaftliche Stabilität in vielen Teilen der Welt. Insbesondere in der Europäischen Union ist das Risiko sozialer Unruhen einem Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation ILO zufolge in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Der Euroraum befinde sich seit dem dritten Quartal 2011 in einer schweren Rezession, die die Arbeitslosenquote mittlerweile auf das Rekordniveau von durchschnittlich zwölf Prozent habe ansteigen lassen. In der Folge vergrößere sich der Abstand zwischen Arm und Reich, während die Mittelschicht schrumpfe, heißt es im ILO-Weltarbeitsbericht 2013, der am Montag in Genf veröffentlicht wurde.

Dass der Euroraum von den Krisenfolgen stärker betroffen ist als andere Weltregionen, führt die ILO auf den strikten Sparkurs zurück, der insbesondere auf Betreiben der Bundesregierung verfolgt wird. Zur Eindämmung der hohen Staatsverschuldung südeuropäischer Länder gedacht, beeinträchtige die Sparpolitik die Lebensumstände der Menschen sowie ihre Erwartungen an die Zukunft mittlerweile massiv. In keiner anderen hoch entwickelten Weltregion sei das Risiko sozialer Unruhen derart stark angestiegen wie in Europa, heißt es in dem 133 Seiten starken Bericht. Im Vergleich zum Vorkrisenniveau der Jahre 2006/2007 habe die Wahrscheinlichkeit ökonomisch motivierter Revolten bis 2011/2012 von 34 auf 46 Prozent zugenommen.

Diese Entwicklung habe sich zwischen 2010 und 2012 fortgesetzt und teils noch beschleunigt. Das Risiko von Revolten sei in 17 von jenen 24 EU-Ländern gestiegen, für die Daten aus dem Jahr 2012 verfügbar waren. Am deutlichsten betrifft dies laut ILO Zypern, Tschechien, Griechenland, Italien, Portugal, Slowenien und Spanien. Im gleichen Zeitraum nahm die Wahrscheinlichkeit, dass es in Belgien, Deutschland, Finnland, der Slowakei und Schweden zu sozialen Unruhen kommt, sogar ab.

Der DGB forderte angesichts des ILO-Reports erneut einen Politikwechsel der EU. „Es zeigt sich einmal mehr, dass die von der Bundesregierung forcierte Spar- und Kürzungspolitik verheerende wirtschaftliche und soziale Folgen in Europa hat“, sagte DGB-Chef Michael Sommer. „Was Europa braucht, ist ein umfassendes Wachstums- und Investitionsprogramm, damit die Krisenländer eine Chance haben, wieder auf die Beine zu kommen.“

Der ILO-Bericht bestätigt diese Sichtweise durchaus. „Insbesondere in einigen europäischen Ländern gerät das wirtschaftliche und soziale Gefüge in Gefahr“, sagte ILO-Generalsekretär Guy Ryder anlässlich der Präsentation des Berichts.

Während sich die Wirtschaft in den Schwellenländern Südost-Asiens, Mittel- und Südamerikas bereits erhole, die Arbeitslosenquote selbst in den meisten Entwicklungsländern zurückgehe und das Risiko sozialer Unruhen sinke, habe die Einkommensungleichheit in 14 von 26 untersuchten Industrieländern zwischen 2010 und 2011 zugenommen. Betroffen sind unter anderem Frankreich und Dänemark. In anderen Ländern, etwa in Spanien, schrumpft die Mittelschicht in Folge der Krise spürbar: Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung ging zwischen 2007 und 2010 um vier Punkte auf 46 Prozent zurück.

Ihre Aussagen stützt die Arbeitsorganisation, die den Vereinten Nationen untersteht, auf einen eigens entwickelten „social unrest index“. Als wesentliche ökonomische Kriterien fließen Wirtschaftswachstum, Arbeitslosenquote, Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, Teuerungsrate, Staatsverschuldung sowie die Verteilung der Einkommen in diesen Index ein. Hinzu kommen Vertrauen in Regierung und Staat, Lebensstandard der Privathaushalte, lokale Arbeitsmarktlage, politische Freiheiten und Zugang zum Internet.