"Der Trend ist ziemlich deutlich: Es wird einen Anstieg der Arbeitslosigkeit geben", sagt Becking
Foto: dpa/Roland Weihrauch

BerlinIn der Berliner Wirtschaft ging es in den vergangenen Jahren insgesamt nur nach oben. Die Wirtschaftsleistung stieg, die Zahl der Arbeitslosen sank. Jährlich entstanden über 50.000 neue, meist gut bezahlte Jobs. Selbst während der weltweiten konjunkturellen Abkühlung in den Jahren 2018 und 2019 erwies sich Berliner Arbeitsmarkt als robust. Bernd Becking, Chef der Berliner Arbeitsagenturen und Jobcenter, hatte in dieser Zeit vor allem Gutes zu berichten. 

Aber die Corona-Krise verändert nun alles. Betriebe stehen still, Läden und Lokale haben geschlossen, Freiberufler Aufträge verloren. Das Ifo-Institut rechnet damit, dass in Folge der Corona-Krise bundesweit bis zu 1,8 Millionen Menschen ihren Job verlieren. Damit würden die Arbeitslosenzahlen in Deutschland auf über vier Millionen steigen.

Herr Becking, halten Sie das für übertrieben?

Das kann ich ehrlicherweise nicht einschätzen. Denn es sind bundesweite Prognosen mit sehr vielen Unbekannten. Ich möchte mich auch gar nicht mit Vorhersagen befassen. Wir haben mit dem Managen des Tagesgeschäfts viel zu tun. Es geht darum, die Unternehmen und Menschen jetzt bestmöglich zu beraten und vor allem die Leistungen zügig auszuzahlen, damit nicht noch weitere Nöte entstehen.  

Bernd Becking

...  ist seit 2006 bei der Bundesagentur für Arbeit und seit 2017 Vorsitzender der Geschäftsführung der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg. Zuvor war Becking in Führungsfunktionen der Bundesagentur in Passau, München und Berlin tätig. Vor seinem Wechsel zur Arbeitsagentur war der heute 60-Jährige Generalstabsoffizier bei der Bundeswehr. 

Gut, dann also zum Tagesgeschäft. Wie viele Berliner haben sich in den vergangenen Tagen in der Arbeitsagentur arbeitslos gemeldet?

Das wird der Arbeitsmarktbericht des Monats zeigen. Der wird in der nächsten Woche veröffentlicht, betrachtet aber auch nur die Situation bis Monatsmitte. Tatsächlich werden wir sogar erst im April richtig sehen, wie Corona durchgeschlagen hat.

Sie müssen aber eine Entwicklung einschätzen können. Denn wer in Berlin seinen Job verliert, muss sich in der Arbeitsagentur arbeitslos melden.

Der Trend ist ziemlich deutlich: Es wird einen Anstieg der Arbeitslosigkeit geben. Wir sehen aber auch, dass die „Brandmauer“ Kurzarbeit hält und deswegen die Arbeitslosigkeit nicht so stark steigen wird, wie viele erwarten. Auch bei der Grundsicherung rechnen wir ab der nächsten Woche mit einem starken Zugang in die Jobcenter.

Was erwarten Sie?

Wenn man die bundesweiten Prognosen auf Berlin herunterbricht, sind vielleicht 100.000 neue Anträge auf Grundsicherung allein in Berlin nicht auszuschließen. Berlin ist eine Kultur-, Kreativ-und Dienstleistungsmetropole mit vielen Selbstständigen und Kleinstunternehmen. Übrigens hilft das Jobcenter neben der Grundsicherung zum Lebensunterhalt auch bei den anderen Kosten wie der Warmmiete für die eigene Wohnung.

Trifft das auch für Mini-Jobber zu, die vor allem in Handel und Gastronomie in großer Zahl ihren Job verloren haben dürften?

Ja, denn sie bekommen kein Kurzarbeitergeld.

Die Bundesregierung und der Berliner Senat stellen Milliarden und Millionen zur Verfügung, um Unternehmen zu retten und Arbeitsplätze zu sichern. Zeigen die Maßnahmen Wirkung?

Grafik: BLZ/Galanty
Quelle: Amt für Statistik Berlin.Brandenburg

Ich stelle eindeutig fest, dass die Betriebe versuchen, ihr Personal zu halten und im Blick haben, dass das Leben nach Corona weitergehen muss. Es gibt aber auch Betriebe, in denen fristlose Kündigungen unter Berufung auf die Krise ausgesprochen wurden. Das ist rechtswidrig. Die Corona-Krise hebelt nicht das Arbeitsrecht aus.

Sind das Ausnahmen?

Grundsätzlich ja, aber es sind auch nicht nur Einzelfälle.

Das Kurzarbeitergeld soll Kündigungen vermeiden. Vor vier Wochen gab es gerade wenige Hundert Kurzarbeiter in der Stadt, vor sieben Tagen waren es bereits 60.000. Wie entwickelt sich die Lage?

Das Land legt eine Vollbremsung hin. In der Dienstleistungsmetropole Berlin sind der Tourismus, der Handel, Eventunternehmen sowie das Hotel- und Gastgewerbe stark betroffen. So richtig können wir erst nach der Abrechnung der Anträge sagen, wo wir stehen und wie vor allem die Unternehmen entscheiden, wer betroffen ist und wer nicht. Es wird vor allem darauf ankommen, wie lange es dauert. Das kann momentan niemand sagen.

Wie gehen die Arbeitsagenturen mit dem Ansturm der Kurzarbeitsanzeigen um?

In Berlin haben wir 700 Mitarbeiter zusätzlich im Einsatz. Außerdem haben wir Personal umgesetzt und mit Qualifizierungen die Teams vervielfacht, die Kurzarbeit bearbeiten. Kurzarbeit spielte über Jahre in Berlin keine Rolle. Uns hilft jetzt auch, dass wir mit Vereinfachungen bei den Prozessen arbeiten dürfen, um das Notwendige schnell und unbürokratisch zu entscheiden. Für uns steht das Top-Ziel, dass die Unternehmen und damit die Menschen zügig ihre Leistungen erhalten.

Was muss denn an einem Antrag auf Kurzarbeitergeld noch geprüft und entschieden werden?

Es geht um die Vollständigkeit der eingereichten Unterlagen und eine Plausibilitätsprüfung.

Was heißt das?

Trotz vereinfachtem Verfahren müssen dann doch ein paar Regeln eingehalten werden. Auch muss sicher sein, dass es den Betrieb tatsächlich gibt.

Wie lange dauert eine solche Prüfung insgesamt?

Wir unternehmen alles, um unbürokratisch und schnell auszuzahlen. Wir messen jeden Tag die Bearbeitungsdauer und treffen lageabhängig die notwendigen Entscheidungen.

Sind von Betrieben Fristen einzuhalten?

Kurzarbeit muss bei der Arbeitsagentur in dem Monat angezeigt werden, in dem die Kurzarbeit anfällt. Für den Antrag mit der konkreten Abrechnung gilt dann eine Drei-Monatsfrist für den beantragten Monat.  

Es gibt aber auch Wirtschaftsbereiche, in denen dringend Leute gesucht werden. Welche sind das?

Das ist im Onlinehandel, in der Logistik, in Lebensmittelhandel und -produktion sowie der Landwirtschaft in Brandenburg der Fall. Als Bundesagentur unterstützen wir mit unserer Plattform „Jobbörse“ durch Stellenanzeigen. In den Beratungsgesprächen zur Kurzarbeit oder mit Arbeitnehmern weisen wir auf die Möglichkeiten hin, selbst Passendes zu suchen oder dass Unternehmen ihre Mitarbeiter „verleihen“ können. Das hilft zwei Seiten. Man könnte mit dem Gesundheitspass der Gaststättenbranche gegebenenfalls in der Lebensmittelproduktion arbeiten.

Wie viel dürfen Kurzarbeiter dazu verdienen?

Das war bisher begrenzt, wird aber künftig gelockert. In systemrelevanten Bereichen werden Zuverdienste bis zur Höhe des bisherigen Einkommens gestattet.  

Was ist mit den Auszubildenden?

Hier wird bundesweit mit Hochdruck an einer Lösung gearbeitet. Denn bislang stehen sie noch nicht unter dem Schutzschirm des Kurzarbeitergeldes. Da kann ich im Moment nur appellieren, dass die Betriebe ihre Lehrlinge halten. Es wäre unverantwortlich, wenn sie es nicht täten.

Wurden in Berlin Lehrlinge entlassen?

Wir haben darüber noch keine Kenntnis. Aber ich sehe das Risiko.