Berlin - Hätten Daten ein Aroma, diese dufteten nach Champagner: Nie zuvor sind so viele Menschen in Deutschland einer bezahlten Arbeit nachgegangen wie 2016. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts stieg die Zahl der Erwerbstätigen mit inländischem Wohnsitz gegenüber 2015 um 425 000 auf 43,4 Millionen. Das Plus geht ausschließlich auf das Konto sozialversicherungspflichtiger Beschäftigungsverhältnisse, die im Jahresdurchschnitt sogar um rund 700 000 auf etwa 31,5 Millionen zulegten. Zwar liegen endgültige Zahlen für das Gesamtjahr 2016 noch nicht vor, doch 31 Millionen plus X markieren auch in diesem Bereich einen Allzeitrekord. Umgekehrt ist die Arbeitslosigkeit auf zuletzt 2,5 Millionen, nach Zählweise der internationalen Arbeitsorganisation ILO auf sogar nur mehr 1,8 Millionen gesunken. Das entspricht einer ILO- Quote von 4 Prozent, der nach Tschechien niedrigsten i

Also hoch die Tassen?

Dem Prosit folgt die Ernüchterung. Denn das Aroma des Getränks erinnert doch eher an gewöhnlichen Schaumwein denn an perlende Luxuserzeugnisse aus der Champagne. Beim Blick aufs Detail bekommt die glänzende Statistik nämlich unschöne Kratzer. So ist der Beschäftigungsaufwuchs nicht nur, aber auch einer Zunahme so genannter untypischer Beschäftigungsverhältnisse geschuldet. Die Zahl der Leiharbeiter hat sich gegenüber 2005, als 444 000 solcher Beschäftigungsverhältnisse registriert worden waren, auf mehr als 900 000 im Jahresdurchschnitt 2015 verdoppelt. Im September 2016 wurde mit 961 000 Leiharbeitsverträgen ein vorläufiger Höchststand erreicht. Ebenfalls stark zugenommen haben befristete Anstellungen. Nach einem vorübergehenden Rückgang zwischen 2011 und 2014 von 8,9 auf 8,1 Prozent stieg der Anteil der befristet beschäftigten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer über 25 Jahren zuletzt erneut auf 8,4 Prozent. Zum Vergleich: 1993 hatte der Anteil noch 5,7 Prozent betragen.

Das mit Abstand kräftigste Plus geht aber geht auf das Konto der Teilzeitarbeit, die eng mit der stark gestiegenen Frauenerwerbsquote verknüpft ist. Die Zahl der Teilzeitbeschäftigten nahm von 4,8 Millionen im Jahr 2005 auf 8,2 Millionen im Jahresdurchschnitt 2015 zu. Im gleichen Zeitraum wuchs die Zahl sozialversicherungspflichtig beschäftigter Frauen in ebenfalls beträchtlichem Umfang von 11,9 auf 14,3 Millionen an, ihre Beschäftigungsquote stieg von gut 60 auf knapp 70 Prozent, dem nach Schweden und Dänemark höchsten Wert in der EU. Dieses Plus ging aber ausschließlich auf das Konto der Teilzeitarbeit, die um 2,5 Millionen auf 6,6 Millionen Stellen zulegte, während die Zahl der Frauen in Vollzeit seit 2005 sogar leicht abnahm.

Dem eher kosmetischen Teil der deutschen Arbeitsmarkterfolge ist auch manch statistische Gepflogenheit zuzuordnen: So werden weder die rund 200 000 jungen Leute, die sich in „berufsvorbereitenden Maßnahmen“, auch bekannt als Warteschleifen, zu den Arbeitssuchenden gezählt, noch die 3,5 Millionen „Unterbeschäftigten“. Dabei handelt es sich um Menschen, die von den Jobcentern in Schulungskurse , Weiterbildungslehrgänge und andere Qualifizierungsmaßnahmen vermittelt wurden oder aufgrund kurzfristiger Erkrankung dem Arbeitsmarkt vorübergehend nicht zur Verfügung stehen.  

Noch größeres Stirnrunzeln mag die Arbeitslosenstatistik der ILO hervorrufen. Sie zeigt aktuell nur rund 1,8 Millionen Arbeitslose in Deutschland, weil bereits eine Stunde bezahlter Erwerbstätigkeit pro Monat ausreicht, um aus der Arbeitslosenstatistik zu verschwinden. Nach hiesiger Zählweise sind hierfür mindestens 14 Stunden notwendig.

Andererseits ist aber nicht aller Fortschritt bloß statistische Chimäre. Die Zahl der Ein-Euro-Jobs hat sich gegenüber 2005 auf unter 100 000 gedrittelt. Auch geringfügige Beschäftigungsverhältnisse sind auf dem Rückzug. Ihre Zahl ist seit Mitte 2014 um rund 400 000 zurückgegangen, viele davon wurden in reguläre Stellen umgewandelt. Auch ist die starke Zunahme der Teilzeitarbeit keineswegs pauschal zu verdammen, entspricht das Arbeitsvolumen dich in den meisten Fällen den Bedürfnissen der Beschäftigten. Nur 1,2 der 6,6 Millionen Frauen in Teilzeit würden laut Umfragen gern länger arbeiten.

Fazit: Die Entwicklung des deutschen Arbeitsmarkts bietet zu ausgiebigem Champagnergenuss zwar gewiss keinen Anlass. Aber Sekt statt Selters ist auch schon was.