Berlin - Die Arbeitskosten in Deutschland sind 2015 erneut deutlich kräftiger gestiegen als in den meisten anderen  europäischen Ländern. Während hiesige Unternehmen ein Kostenplus von 2,7 Prozent je Arbeitsstunde verbuchten, waren es im EU-Durchschnitt  2,2 und in der Eurozone 1,6 Prozent. Mit durchschnittlichen Arbeitskosten von 32,70 Euro pro Stunde liegt die Bundesrepublik mittlerweile auf Rang acht. Nur in den skandinavischen Mitgliedsstaaten, den Benelux-Ländern und in Frankreich  ist die Arbeit noch teurer. Das zeigen Daten der europäischen Statistikbehörde Eurostat und der Bundesbank, die das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in einer vergleichenden Studie zusammen geführt hat.

Über EU-Durchschnitt

Mit dem jüngsten Kostenanstieg setzt sich ein Trend fort, der bereits seit 2011 feststellbar ist: Die Löhne hierzulande steigen rascher als anderswo. Das gilt ebenso für die Lohnstückkosten, die das Verhältnis von Produktivität und Lohnniveau widerspiegeln und als Gradmesser der Wettbewerbsfähigkeit gelten. Sie sind 2015 in Deutschland um zwei Prozent und damit doppelt so schnell gewachsen wie im EU- Durchschnitt.

Büßt die deutsche Wirtschaft demnach ihre starke Stellung auf den europäischen und globalen Märkten Schritt für Schritt ein? Führen vergleichsweise hohe Tarifabschlüsse bei geringen Produktivitätszuwächsen von unter einem Prozent pro Jahr dazu, dass hiesige Unternehmen aufs Neue über Produktionsverlagerungen ins (billigere) Ausland nachdenken -  wie schon einmal, Mitte der 90er Jahre? Kommt es also zu einer Standortdebatte 4.0, vor der der machtvolle Unternehmerverband  Gesamtmetall im Vorfeld der diesjährigen Tarifverhandlungen in diesem Frühjahr eindringlich warnte?

Robuste Inlandsnachfrage

Nichts von alledem wird nach Ansicht der IMK-Forscher eintreten. Gustav Horn, wissenschaftlicher Leiter des gewerkschaftsnahen Instituts, erblickt im überdurchschnittlichen Anstieg der Arbeitskosten nicht etwa Gefahren, sondern positive Wirkungen für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung. Dass Deutschland der schwächelnden Weltkonjunktur zum Trotz ein vorzeigbares Wachstum, eine gute Arbeitsmarktentwicklung und steigende Staatseinnahmen aufweist, führen die IMK-Forscher vor allem auf die robuste Nachfrage im Inland zurück, die ihrerseits den gestiegenen Arbeitseinkommen geschuldet sei. „Steigende Löhne bedeuten für  Unternehmen höhere Kosten, zugleich sind sie aber auch Einkommen für Beschäftigte“, betont Horn. Die Gratwanderung, auf der einen Seite die Betriebe nicht über Gebühr zu belasten und auf der anderen die Massenkaufkraft zu stärken, sei in den zurückliegenden Jahren gelungen.