Unbesetzte Tische und Stühle von geschlossenen Cafés und Restaurants: So wie im Berliner Nikolaiviertel sieht es gerade an vielen Orten in Deutschland aus.
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BerlinDie Corona-Krise hinterlässt tiefe Spuren auf dem Arbeitsmarkt: 751.000 Unternehmen haben bis Ende April für 10,14 Millionen Menschen Kurzarbeit angemeldet. Weit mehr, als Volkswirte vorausgesagt hatten. „Das ist eine Zahl, die uns auch ein bisschen hat den Atem stocken lassen“, sagte der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Detlef Scheele, bei der Verkündung der Zahlen am Donnerstag. Die Zahl der Arbeitslosen wiederum stieg von März auf April um über 300.000, die Arbeitslosenquote auf 5,8 Prozent.

Entsprechend düster fallen die Reaktionen aus. „Wir werden die größte Wirtschaftskrise in der Geschichte der Bundesrepublik bekommen, daran führt kein Weg vorbei“, sagt Andreas Peichl, Wirtschaftswissenschaftler am Ifo-Institut in München im Gespräch mit der Berliner Zeitung. „Und je länger die medizinische Krise andauert, je länger die Beschränkungen im Alltag nötig sind, desto heftiger wird die wirtschaftliche Krise werden. Und desto höher werden die Arbeitslosenzahlen ausfallen.“

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) betonte in Berlin, dass die Arbeitslosigkeit „ohne das bewährte Instrument der Kurzarbeit“ noch stärker gestiegen wäre. Zur Finanzierung könnten auch Steuermittel herangezogen werden. Zwar sei die Bundesagentur für Arbeit mit einer Rücklage von 26 Milliarden Euro in die Krise gegangen und diese Mittel würden „länger reichen“. Dennoch müsse der Bund später möglicherweise Liquiditätshilfen aus dem Haushalt zuschießen.

„Dass es die Möglichkeit der Kurzarbeit gibt, ist ja erstmal gut“, sagt auch Wirtschaftsforscher Peichl. „Sonst gingen die Arbeitslosenzahlen ja noch weiter nach oben, weil die Firmen die Menschen entlassen müssten.“ Auch Annelie Buntenbach, Vorstandsmitglied des Deutschen Gewerkschaftsbundes, lobte das Konzept der Kurzarbeit als „wirkungsvoll“: „Der Damm Kurzarbeit hält und wir müssen alles tun, dass er nicht bricht“, sagte sie. 

Der arbeitsmarktpolitische Sprecher der FDP-Fraktion im Bundestag, Johannes Vogel, forderte die Koalition aus Union und SPD angesichts der dramatischen Lage auf dem Arbeitsmarkt zu „entschlossenem Gegensteuern“ auf. Nötig seien verantwortbare Öffnungskonzepte, die mit dem notwendigen Gesundheitsschutz einhergingen, so Vogel. „Die Wirtschaft braucht Planungssicherheit.“

Beim Ifo-Institut geht man davon aus, dass die vorsichtigen Lockerungen mit Einhaltung der Kontaktbeschränkungen noch bis mindestens Juni oder Juli durchgehalten werden müssen. „Vorher werden die Neuinfektionen nicht so niedrig sein, dass wir die Infektionsketten konsequent verfolgen können“, sagt Peichl. „Das geht erst, wenn die Zahl auf 100 oder 200 pro Tag gesunken ist. Davon sind wir noch weit entfernt. So lange wird es medizinisch notwendig sein, die Beschränkungen aufrechtzuerhalten.“ Zuletzt hatte die Zahl der Neuinfektionen bei rund 1.500 pro Tag gelegen.

Auch in Berlin ist die Arbeitslosigkeit im April dramatisch angestiegen. Waren im März bei den Arbeitsagenturen und Jobcentern noch insgesamt knapp 155.000 Berliner als arbeitslos registriert, so gab es im Folgemonat bereits 182.618 Arbeitslose in der Stadt. Damit kamen binnen eines Monats 28.369 neue Arbeitslose in Berlin hinzu. Insgesamt hatten im März und im April 32.201 Unternehmen Kurzarbeit angezeigt – tausendmal so viel wie im gleichen Vorjahreszeitraum. In der Summe heißt das für bis zu 340.000 Beschäftigte Kurzarbeit und deutlich geringeres Einkommen.

Besonders hart trifft es die Berliner Gastronomie. Zurzeit ist nur das Liefern und Abholen von Speisen erlaubt, der Einbruch der Umsätze liegt zwischen 80 und 100 Prozent. 92 Prozent der Angestellten seien in Kurzarbeit, sagt Thomas Lengfelder, Hauptgeschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga Berlin. „Wir müssen alles dafür tun, dass sie jetzt nicht in die Arbeitslosigkeit fallen“, sagte er der Berliner Zeitung.

Bei Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg, liegen die Zahlen der Kurzarbeitenden jetzt wieder niedriger. Seit 22. April dürfen die Geschäfte in Berlin wieder öffnen. Doch auch Busch-Petersen warnt deutlich: „Jedes zweite Berliner Geschäft ist akut gefährdet.“ Die Besucherzahlen in Einkaufsstraßen und Geschäften machten nun nur noch 40 Prozent des üblichen Aufkommens aus – und seien nach dem Einführen der Maskenpflicht am Dienstag noch einmal eingebrochen.

Beide Branchen fürchten mit Blick auf die Zukunft am meisten, dass der internationale Tourismus in der Hauptstadt vermutlich noch bis ins nächste Jahr hinein ausbleibt. Über Jahre und Jahre habe man in Kooperation mit dem Senat alleine diesen Faktor gestärkt. In der Gastronomie kommen laut Dehoga besonders viele Kunden aus den USA, Frankreich, Spanien und Italien – Länder also, die gerade besonders stark von dem Virus betroffen sind. Dürften Hotels wieder für Touristen öffnen, reiche es trotzdem maximal für eine Auslastung von 30 Prozent, sagt Lengfelder. „Rein wirtschaftlich macht es da für manche Häuser gar keinen Sinn, aufzumachen“, betont er. Ähnlich sieht es im Einzelhandel aus: Der gesamtstädtische Umsatz durch den Tourismus macht laut Busch-Petersen in der Branche 20 bis 25 Prozent aus, in einigen Lagen sogar bis zu 50 Prozent.

Auch Ifo-Experte Andreas Peichl befürchtet, dass Einzelhandel und Gastronomie noch lange mit den Folgen der Corona-Krise werden kämpfen müssen. „In Restaurants und Geschäften werden wir noch lange Abstandsregeln einhalten müssen. Für einige Geschäftsmodelle hat das einschneidende Konsequenzen“, so Peichl. „Ich kann mir nur schwer vorstellen, wie etwa eine Disco mit Abstandsregeln von 1,5 Metern oder Maskenpflicht funktionieren soll.“ Wie lange Maßnahmen wie diese nötig seien, hänge wesentlich davon ab, wann es wirksame Medikamente oder gar einen Impfstoff gegen das Virus geben werde.

„Dieses Jahr wird katastrophal“, prophezeit Peichl. „Wir gehen davon aus, dass die Wirtschaft Ende dieses, Anfang nächsten Jahres anfangen wird, sich zu erholen – wenn es keine weitere Infektionswelle gibt. Und dass wir Ende nächsten Jahres oder Mitte 2022 wieder auf dem Niveau von vor der Krise sein werden, was die Wirtschaftsleistung angeht.“ Peichl vermutet, die Arbeitslosigkeit im Laufe des Jahres werde noch weiter steigen. „Zum jetzigen Zeitpunkt wissen wir ja noch nicht, wie lange die Krise dauern wird.“ Viele Firmen kämen mit der jetzigen Situation ein halbes Jahr oder länger zurecht, bevor Konkurs drohe, sagt Peichl. Doch: „Etwa ein Drittel der Unternehmen wird das ohne Hilfe nicht durchhalten.“